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Wenn der Luzerner «Stapi» in die Steinzeit reist

Ein Zeitreisebüro will Interessierte auf Erkundungstour durch die Vergangenheit schicken. An der Eröffnung liess sich der Luzerner Stadtpräsident Beat Züsli einen Ausflug in einen urzeitlichen Egolzwiler Bauernhof schmackhaft machen.
Simon Mathis
Er will sich für einen Ausflug in die Vergangenheit rüsten: Stadtpräsident Beat Züsli (links) lässt sich von Tobias (Stefan Schönholzer) im Zeitreisebüro «Orloge» am Helvetiaplatz beraten. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 9. Mai 2019)

Er will sich für einen Ausflug in die Vergangenheit rüsten: Stadtpräsident Beat Züsli (links) lässt sich von Tobias (Stefan Schönholzer) im Zeitreisebüro «Orloge» am Helvetiaplatz beraten. (Bild: Pius Amrein, Luzern, 9. Mai 2019)

In der Luzerner Literaturbühne Loge hat sich ein Unternehmen der ganz besonderen Art einquartiert: Die «Orloge» lockt mit einem weltweit einzigartigen Angebot, nämlich mit dem Zeitreisen. In der Ankündigung heisst es: «Orloge Zeitreisen ist es gelungen, den legendären Mortimer-Algorithmus nutzbar zu machen und die freien Slots im Zeit-Kontinuum aufzuspüren.»

Das angebliche Zeitreisebüro Orloge ist Teil des Kulturprojekts «Die andere Zeit» der Albert Koechlin Stiftung. Eine Woche lang können sich Interessierte am Helvetiaplatz in Sachen Zeitreise-Ferien beraten lassen. Das Theaterkollektiv Fetter Vetter & Oma Hommage mimt dabei die Zeitreiseberater.

Zeittourismus verdrängt Kultur

Unsere Zeitung war bei der Ladenöffnung am Donnerstagabend dabei. Die technischen Details der Zeitreise sind vertrackt, aber eine Einschätzung der Beratungsqualität durchaus möglich. So ergatterten wir uns das zweite Beratungsticket. Das allererste war dem Ehrengast und Stadtpräsidenten Beat Züsli (SP) vorbehalten. Dieser liess es sich nicht nehmen, vor der Eröffnung einige Worte an die anwesenden «Zeitgenossen» zu richten.

Die Tatsache, dass ein touristisches Unternehmen ein literarisches verdränge, nehme Züsli als Kulturverantwortlicher mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Dennoch habe er sich dafür eingesetzt, dass sich dieses einmalige Unternehmen in Luzern einquartiere. «Wir haben es gar mit Steuererleichterungen versucht», berichtete Züsli. «Dann haben wir aber gemerkt, dass hier gar nichts zu holen ist.»

Dann wurde es ernst: Wie bei Post- oder SBB-Schaltern löste Beat Züsli ein Ticket, der Berater Tobias (Stefan Schönholzer) empfing ihn am Schreibtisch. Die Ausstattung des Zeitreisebüros ist schlicht, auffällig nur die Uhr an der Wand: Ein Zeiger mit der Aufschrift «JETZT», der sich um ein leeres Ziffernblatt dreht. Auf Züslis Ticket stand: «4312 vor unserer Zeit». Die Orloge werde Züsli als umherziehenden Händler in einer Pfahlbauersiedlung in Egolzwil einschleusen, erläuterte Tobias. Das Gespräch zwischen ihm und Züsli gab Anlass für zahlreiche kabarettistische Momente. Auf die Frage «Sind Sie Feminist?» antwortete Züsli nüchtern: «Ich bin bei der SP.» Später machte er auf eine hoch philosophische Frage aufmerksam: Wenn Beat Züsli in die Steinzeit reist, ist er dann nicht mehr oder noch nicht bei der SP?

Ferien im Gefangenenlager Egolzwil

«Damals gab es nur etwa 200 Wörter», erläuterte Tobias weiter. «Aber das ist für einen Politiker ja kein Problem.» Schliesslich durfte Züsli als Kostprobe ein Brot aus der Steinzeit kosten – die Begeisterung des Stadtpräsidenten hielt sich in Grenzen. Trotzdem stellte er in Aussicht, das Ticket in die Frühzeit zu buchen.

Der Autor zog ebenfalls eine Reise nach Egolzwil – nur im Jahre 1943. Der Zeitreiseberater Tobias tat alles, um die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kanton Luzern schmackhaft zu machen. Die Skepsis konnte er nicht vertreiben, zumal die Reise in einem Internierten-Straflager in Egolzwil mit «erniedrigenden Befragungen» beginnen sollte. Für eine Bestechungsgebühr von 500 Franken darf man sich aus dem Straflager schleichen. Da ist der Vorwurf des Wuchers nicht ganz von der Hand zu weisen.

Hinweis: Eröffnungsfest von «Orloge Zeitreisen» am Samstag von 12 bis 18 Uhr an der Moosstrasse 26. Weitere Zeitreise-Beratungen am 12. Mai und vom 14. bis 19. Mai. Weitere Infos unter www.logeluzern.com und www.dieanderezeit.ch.

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