Theaterkritik: Wenn plötzlich das Böse stattfindet

Im neuen Stück geht das Willisauer Jugendtheater der Frage nach, was passiert, wenn jeder machen kann, was er will. Das Ensemble beweist vollen Körpereinsatz und präsentiert eine Glanzleistung.

Yvonne Imbach
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Jetzt muss bei den Darstellern alles sitzen: Hauptprobe des Jugendtheaterstücks «All Inclusive». (Bild: Pius Amrein / Willisau, 16. Mai 2018)

Jetzt muss bei den Darstellern alles sitzen: Hauptprobe des Jugendtheaterstücks «All Inclusive». (Bild: Pius Amrein / Willisau, 16. Mai 2018)

William Goldings erster und erfolgreichster Roman «Herr der Fliegen» hat seit seiner Veröffentlichung 1954 nichts an Aktualität eingebüsst: Er wirft seit seinem Erscheinen für jede Generation die gleichen bedrängenden Fragen auf: Warum neigen Menschen zu Gewalt? Ist der Mensch ursprünglich gut oder böse? Wie lässt sich Demokratie erlernen? Was passiert, wenn wir tun und lassen können, was wir wollen?

Das Ensemble des Jugendtheaters Willisau entwickelte unter der Leitung von Theaterpädagogin Mira Heller das Stück «All Inclusive» frei nach dem Roman. Für die Dramaturgie und die Stückfassung ist Matthias Kurmann verantwortlich. Er hat die Geschichte ins Jetzt verschoben und die Sprache zeitgemäss übersetzt. «Es soll die Sprache der Spieler sein, damit die Natürlichkeit der Dialoge gewährleistet ist», begründet Kurmann.

Allein auf einer Insel

Eine Gruppe Jugendlicher überlebt einen Flugzeugabsturz und findet sich auf einer Insel wieder. Erst wird demokratisch ein Anführer gewählt, dann Nahrung und Feuer organisiert. Jeder der acht jungen Darsteller verkörpert dabei eine eigene Figur. Sie handeln verschieden, entwickeln sich in konträre Richtungen. Der Zusammenhalt bröckelt. Ängste und Wut brechen auf, der Überlebenskampf in totaler Freiheit beginnt. Das krasse Ende überrascht.

«Das Bühnenbild sollte möglichst flexibel werden, damit immer neue Bilder entstehen können. Dass es so viele gibt, haben wir erst bei den Proben gemerkt.»

Die jungen Spielerinnen und Spielern agieren mit gewaltiger Energie und Professionalität. Sie scheinen sich in ihren Rollen festzusaugen und erfüllen diese mit Ausdruck, Frische und einem rasanten Tempo. Wenn Reviere und Meinungen mit Kampfgeschrei und ganzem Körpereinsatz verteidigt werden, kann man nur noch hoffen, dass nicht mehr als bloss ein Zehennagel abbricht.

Rampe, Rutsche, Berg und Festung

Zum Austoben steht dem Ensemble ein überdimensionaler Abenteuerspielplatz mit Holzkonstruktionen zur Verfügung, die als Rampe, Rutsche, Berg und Festung dienen. «Das Bühnenbild sollte möglichst flexibel werden, damit immer neue Bilder entstehen können. Dass es so viele gibt, haben wir erst bei den Proben gemerkt», blickt Mira Heller auf die Probezeit zurück. «Einige Charaktere waren durch das Buch klar skizziert. Andere weniger, da haben wir mit Improvisationen viel ausprobiert. Ich war überrascht, wie viel sie mitgebracht haben.»

Das reduzierte, archaische Bühnenbild und die gezielt mal sehr lauten und dann wieder ganz leisen, ja sprachlosen Szenen erfahren durch den elektronischen Soundteppich von Berufsmusiker Elischa Heller zusätzlichen Tiefgang.

Dem Jugendtheater Willisau gelingt mit dieser Inszenierung eine packende und an mancher Stelle verstörende Version eines Literaturklassikers. Diese Glanzleistung hat morgen Premiere.

Hinweis:

Aufführungen: 18. Mai (Premiere), 22., 25., 26. und 29. Mai sowie 1., 2., 6., 8. und 9. Juni, jeweils um 20 Uhr. Zeughaus «I der Sänti». Reservation über: www.jugendtheater.willisau.ch oder Telefon 041 970 14 34.

Musicalfans kommen in Littau auf ihre Kosten

Das Theater Littau-Reussbühl feiert den 30. Geburtstag und spielt als erste Laienbühne der Schweiz das Alpenmusical «Stägeli uf – Stägeli ab». Die mitreissende Jubiläumsproduktion liefert Ohrwürmer und Pointen gleich reihenweise.
Yvonne Imbach