Wenn plötzlich eine Kuh auf dem Wanderweg auftaucht: Das müssen Sie zur rechtlichen Situation wissen

In Adligenswil führt ein offizieller Wanderweg über einen Pferdehof – ein Wanderer wittert Gefahr. In solchen Fällen prallen öffentliche und private Interessen aufeinander. Klar ist: Sowohl Fussgänger als auch Tierhalter haben Pflichten.

Julian Spörri
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Ein Wanderer macht einen Bogen um eine mitten im Weg liegende Kuh.

Ein Wanderer macht einen Bogen um eine mitten im Weg liegende Kuh.

Symbolbild: Arno Balzarini/Keystone

Wanderer und Spaziergänger kennen die Situation: In der Nähe eines Bauernhofes taucht ein bellender Hund auf, der sein Territorium beschützt. Auch beim Durchqueren einer Weide muss man an Kühen vorbeilaufen, vor denen so mancher Respekt verspüren dürfte. Kürzlich meldete sich ein Leser bei unserer Zeitung und schilderte ein Beispiel aus Adligenswil: Dort führt ein offiziell ausgeschilderter Wanderweg über einen Pferdehof. Wanderer müssten an Pferden vorbeigehen, die quer auf dem Weg stehen würden, so der Mann und spricht von einem «gefährlichen Ärgernis».

Der Adligenswiler Geschäftsführer Lucas Collenberg bestätigt, dass sich eine Person deswegen bei der Gemeinde gemeldet habe. In solchen Fällen weise die Gemeinde die Pferdebesitzer auf den Verhaltenskodex «Für Reiter und Fahrer im Gelände und Strassenverkehr» hin. Geschäftsführer Lucas Collenberg erklärt: «Wir haben zwar Verständnis dafür, dass gewisse Menschen Respekt oder gar Angst vor den Pferden verspüren. Die Gemeinde hat aber keine rechtlichen Grundlagen, um bei einer Angelegenheit, die sich wie im vorliegenden Fall auf einer Privatstrasse abspielt, intervenieren zu können. Mit dem Verhaltenskodex wollen wir bezwecken, dass Pferdebesitzer die Sicherheit gewährleisten und die Kontrolle über ihr Tier haben.»

Collenberg ergänzt, man habe sich auf dem betreffenden Hof in dieser Hinsicht bis anhin vorbildlich verhalten. Die Pächterin des Pferdehofes will auf Anfrage keine Stellung nehmen. Sie betont aber, bisher habe sich nur ein Wanderer an der Situation gestört.

Haftungsfrage betrifft den Tierhalter

Doch welche Regeln gelten überhaupt auf offiziellen Wegen, die über Privatgrundstück führen? Severin Zumbühl, Mitarbeiter beim Rechtsdienst des kantonalen Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements, sagt:

«Es gibt keine gesetzliche Pflicht der Grundeigentümer, den Durchgang des öffentlichen Wegs über ihr Grundstück völlig gefahrlos zu gestalten.»

Rechtlich wäre deshalb eine Anordnung durch den Gesetzgeber nicht realisierbar, so Zumbühl. Eine Gemeinde könne nicht verlangen, dass aggressive Nutztiere bei einem Wanderweg über eine Weide umgesiedelt werden müssen. Immerhin gelte aber gemäss der kantonalen Hundeverordnung für bissige Hunde eine Leinenpflicht.

Auch für eine Privatperson sieht Severin Zumbühl aus rechtlicher Sicht «nur begrenzte Möglichkeiten», wenn ihr beim Beschreiten eines offiziellen Weges auf einem Privatgrundstück unwohl ist. «Mit der Anwesenheit von Tieren wie Hunden oder Kühen muss entlang von Wegen gerechnet werden», sagt der Mitarbeiter des kantonalen Rechtsdiensts.

Gemäss der Tierhalterhaftung müssen Tierhalter aber verhindern, dass für Fussgänger eine übermässige Gefahr besteht. Nach Artikel 56 des Obligationenrechts haftet der Besitzer nämlich für einen von seinem Tier angerichteten Schaden, sofern er nicht nachweist, dass er «alle nach den Umständen gebotene Sorgfalt in der Verwahrung und Beaufsichtigung des Tieres angewendet hat oder dass der Schaden auch bei Anwendung dieser Sorgfalt eingetreten wäre».

«Schlecht vorbereitete Wanderer sind die grösste Gefahr»

Der Verein Luzerner Wanderwege kontrolliert das über 2750 Kilometer lange Wegnetz im Kanton Luzern auf Mängel und erneuert Markierungen. In Zusammenarbeit mit Kanton und Gemeinden ist er für den Vollzug des Bundesgesetzes über die Fuss- und Wanderwege zuständig. Darin steht, dass Wanderwege «möglichst gefahrlos» begehbar sein sollen.

Angesprochen darauf, was denn die grössten Gefahren seien, antwortet Geschäftsführer Andreas Lehmann: «Grundsätzlich stellt der Wanderer selbst die grösste Gefahr dar, wenn er schlecht vorbereitet ist. Eine Wanderung ist sorgfältig zu planen, das heisst man muss über die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse für die Route verfügen und sich vor dem Start über die Wetterbedingungen informieren.»

Heikle Problematik: Mutterkühe und Herdenschutzhunde

Der Verein erhält von Wanderern auch Rückmeldungen über mögliche Gefahrenstellen. Im Kanton Luzern sei dies vor allem im Zusammenhang mit Nutztieren der Fall, so Lehmann. «Die grösste Problematik besteht bei Weiden mit Mutterkuhhaltung oder beim Umgang mit Herdenschutzhunden. Einige wenige Male pro Jahr werden auch Fälle mit Hofhunden gemeldet, bei denen sich Spaziergänger nicht durchzulaufen trauen.» Einen Fall mit Pferden habe ihn bis jetzt im Kanton Luzern noch keinen erreicht.

Werde der Verein über solche Situationen informiert, nehme er mit der betroffenen Gemeinde Kontakt auf, sagt Lehmann. Es sei ein gutes Miteinander:

«Bis jetzt haben wir uns mit wenigen Ausnahmen mit jedem Grundeigentümer gefunden.»

Lehmann weist darauf hin, dass es einen bedeutenden Unterschied mache, ob der Wanderer selber einen Hund dabei habe oder nicht. Ihm seien nur gefährliche Situationen mit Tieren bekannt, in denen dies der Fall gewesen sei. Wichtig ist daher, den Hund an die Leine auf die der Tiere abgewandte Seite zu nehmen, so dass er nicht sichtbar ist. Falls beispielsweise Mutterkühe auf einer Weide den angeleinten Hund angreifen, muss er losgelassen werden, damit er fliehen kann. Vergangenen Sommer griff eine Kuhherde auf der Bannalp im Kanton Nidwalden einen Hund an.

Im Kanton wurden auch schon Wanderwege verlegt

Derweil gibt es gemäss Lehmann auch Fälle, bei denen sich der Grundeigentümer an einem stark frequentierten Wanderweg eine Verlegung des Weges wünschte. «Geht der Weg direkt zwischen Hof und Scheune durch, dann können sich die Bewohner verständlicherweise in der Privatsphäre gestört fühlen. Auch im Kanton Luzern kam es deshalb schon vor, dass wir den Wanderweg kleinräumig verlegt haben, falls dies möglich war.» Das lässt auf den Goodwill der Beteiligten schliessen, denn Severin Zumbühl sagt: «Wenn ein öffentliches Interesse besteht, kann ein Weg gegen den Willen des Grundeigentümers als öffentlich erklärt werden.»

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