Wer in diesem Chor in Kriens mitsingen will, muss kein Sänger sein

Ohne Angst vor falschen Tönen, frei von der Leber weg singen: Dies ist neuerdings in der «Musigturbine» in Kriens möglich. Vom grossen Andrang wurde die Initiantin völlig überrascht.

Natalie Ehrenzweig
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Tamara Kiener singt mit den Teilnehmern Mani-Matter-Lieder.

Tamara Kiener singt mit den Teilnehmern Mani-Matter-Lieder.

Manuela Jans-Koch | Lz

Etwa 50 Erwachsene sitzen auf Hockern und singen enthusiastisch «Dr Eskimo» von Mani Matter. Vorne am E-Piano sitzt Tamara Kiener, Musiklehrerin in Kriens und Littau, spielt die Melodie und singt mit. Trotzdem ist klar: Das ist kein gewöhnlicher Chor. Die Stimmen stehen nicht beieinander, es wird nicht an den Liedern oder Einsätzen gefeilt. Es wird frisch von der Leber gesungen. Schon folgt «Si hei der Willhelm Täll ufgfüehrt».

Schon oft hat Tamara Kiener von Bekannten gehört, sie solle doch ein Prosecco-Chörli gründen. «Viele möchten ungezwungen miteinander singen, ohne vorsingen zu müssen oder Konzerte zu geben», beschreibt sie. Ein niederschwelliges Gesangsangebot zu schaffen war denn auch das Thema ihrer Masterarbeit, mit der sie im Sommer 2018 ihre Ausbildung «Master of Arts in Musikpädagogik – Schwerpunkt Schulmusik 1» abschloss. «Ich habe gleichzeitig ein Konzept erarbeitet, das auch von anderen Gemeinden oder Privatpersonen angewendet werden kann, wenn Musik im Alltag gefördert werden soll», erklärt sie.

Selbst in Kriens aufgewachsen hat sich Tamara Kiener zum Ziel gesetzt, ihr Konzept in ihrer Heimat umzusetzen. Seit Januar bietet sie nun die «Musigturbine» im alten Pförtnerhäuschen auf dem Andritz-Areal in Kriens an. «Jeden zweiten Montag und jeden zweiten Donnerstag können Interessierte einfach ohne Voranmeldung vorbeikommen und singen. Am Montag mit Martin Loeffel, am Donnerstag mit mir», erzählt die Initiantin.

Mitsingen ist gratis

Die Ausstattung des Pförtnerhäuschens, die Miete und andere Kosten berappt Tamara Kiener bis jetzt selbst: «Das Angebot ist kostenlos. Wer will und kann, wirft ein paar Franken ins Kässali». In den wenigen Wochen hat sich das Projekt bereits prächtig entwickelt. Obwohl auch der erste Tag überraschend war. «Ich hatte höchstens 15 Leute erwartet, es kamen gegen 40. Wir haben hier für 40 Platz. Wenn mehr kommen, so wie heute, dürfen wir auf einen grösseren Raum ausweichen», freut sich die Vollblutmusikerin.

Bereits nach nur einigen Wochen hat der Gesangsevent bereits Stammpublikum. «Ich singe brutal gern. Und das Singen tut mir sehr gut. Es lindert meine Parkinson-Symptome», sagt Röbi Giger (60) aus Kriens. Zwischendurch singt er auch in anderen Chorprojekten. Sabina Wigger (28) aus Horw sang früher ebenfalls in einem Chor. Ihre Chefin hat sie auf die Musigturbine aufmerksam gemacht. «Ich bekomme hier wieder Spass am Singen», freut sie sich.

Freude am Singen, das ist Tamara Kiener besonders wichtig. Mit viel Humor leitet sie die Gruppe an, mal wird aufgestanden, dann plötzlich bildet sich hinten links eine zweite Stimme heraus. Jemand fragt, ob sie leiser singen sollen. «Niemals leiser, nie!», ruft Tamara Kiener. Zwischendurch kommentiert sie die Lieder auch. Nach jedem Lied sammelt sie die Noten wieder ein –  um Ressourcen zu sparen. Heute ist Mani-Matter-Abend. Das Thema ist jeweils im Voraus auf der Webseite aufgeschaltet. So sind an diesem Abend Leute anwesend, die extra wegen Mani Matter da sind.

«Keine Vorkenntnisse, keinen Druck»

Noch etwa zweieinhalb Jahre kann Tamara Kiener das Pförtnerhäuschen nutzen. Sie plant, das Singen auszubauen und auch noch offenes Musizieren, eine Art offene Band, anzubieten. «Es muss einfach sehr niederschwellig sein. Ich höre so oft, dass Leute sagen, dass sie gern singen oder ein Instrument spielen, aber nicht gut darin seien. Hier braucht man beim Singen keine Vorkenntnisse, es gibt keinen Druck», sagt sie. Bis jetzt seien die Teilnehmenden im Schnitt zwischen 40 und 60 Jahre alt. Doch das werde bestimmt noch durchmischter, denn einige hätten zum Beispiel angekündigt, bald ihre Kinder mitzunehmen. Zum Beispiel diesen Donnerstag, wenn es wieder los geht. Dann stehen nämlich Popsongs mit Tamara Kiener auf dem Programm.

Infos: www.musigturbine.ch