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WERTHENSTEIN: Gesetze waren ihre «Lieblingslektüre»

Nach 21 Jahren als Sozialvorsteherin tritt Heidi Burkhard ab. Sie war eine gefragte Auskunftsperson – vor allem aufgrund einer speziellen Leidenschaft.
Evelyne Fischer
Für Werthensteins langjährige Sozialvorsteherin Heidi Burkhard (61) beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Im Hintergrund das Kloster Werthenstein. (Bild Roger Grütter)

Für Werthensteins langjährige Sozialvorsteherin Heidi Burkhard (61) beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Im Hintergrund das Kloster Werthenstein. (Bild Roger Grütter)

Evelyne Fischer

«Mach es. Dann fällst du nicht in ein Loch, wenn wir ausziehen.» Was ihr Sohn damals als 12-Jähriger von sich gab, war ganz schön altklug. Dennoch folgte Heidi Burkhard-Geissbühler seinem Rat, kandidierte für die FDP als Sozialvorsteherin und wurde gewählt. Mit 40 wagte die zweifache Mutter und Kauffrau einen Neustart.

21 Jahre ist dies her. Ende Monat legt Burkhard ihr Amt nieder. Jedes Mal, wenn sie auf die Kanzlei geht, nimmt sie wieder Tragtaschen voller Bundesordner mit. 36 Stück wird sie ihrem Nachfolger Sascha Eigenmann (SVP) weitergeben. Und den Tipp, die Kollegialität im Gremium weiterzupflegen, Parteipolitik nicht zu hoch zu gewichten. «Und sich am Positiven zu orientieren.»

Abgrenzen war wichtig

Heidi Burkhard, wohnhaft im Ortsteil Schachen, blickt auf 500 Gemeinderatssitzungen, knapp 40 Klausurtagungen und mehr als 40 Versammlungen zurück. Die Arbeit sei ihr bis zuletzt nie verleidet. Ihr Mann hat sein Arbeitsvolumen Ende 2015 massiv reduziert. «Daher war es auch für mich der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören», sagt Burkhard.

Bereits Ende Juni hat sie die Geschäftsleitung des Spitex Kantonalverbandes Luzern abgegeben. Auf dem Papier ein 50-Prozent-Pensum. Das Gemeinderatsmandat war mit 40 Stellenprozenten beziffert. Hinzu kamen Engagements in Altersheimverbänden. «In der Realität arbeitete ich wohl gut und gern 120 Prozent.» Sie könne zum Glück schnell abschalten, wisse sich abzugrenzen. «In den Ferien nahm der Anrufbeantworter Telefone entgegen, die Post wanderte in einen Korb und wurde erst am letzten Ferientag geöffnet.» Burkhard spricht schnell, unterstreicht ihre Aussagen mit Gesten, die ihren Armschmuck klimpern lassen.

Hier, im Sitzungszimmer der Kanzlei, hielt die Sozialvorsteherin ihre Gespräche ab. Sie mit dem Rücken zur Tür, ihr Klient gegenüber. Der Pfefferspray war vorhanden, kam aber nie zum Einsatz. Die Anfangszeiten – erste Fälle von Arbeitslosigkeit – seien einfach zu meistern gewesen. «Die Sozialhilfe entsprach damals noch einem Vorschuss, den die Arbeitslosenkasse rückerstattete.»

«Drohungen gehörten dazu»

Die Arbeit hat sich über die Jahre aber stark verändert. «Drohungen gehörten dazu», sagt Burkhard. Die Grenze sei nur einmal überschritten worden. «Aber massiv.» Eine Mutter hatte sich bei ihr gemeldet, kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes. Sie fürchtete, ihr Mann könnte sich während ihres Spitalaufenthaltes an den beiden Kindern vergehen. «Wir brachten sie deshalb hinter seinem Rücken in Sicherheit.» Als Reaktion erhielt die Sozialvorsteherin einen Anruf, den sie nie vergessen wird. «Du wirst schon noch erfahren, wie es sich anfühlt, wenn sie einem die Kinder wegnehmen», liess der Mann sie wissen, der bei einem früheren Gespräch die Pistole auf sich getragen hatte. Burkhard chauffierte fortan ihre Söhne zur Schule. Als sie den Mann Ende Woche traf, tat er die Drohung als Scherz ab. Burkhard entschied sich nach Monaten des Zweifels, im Amt zu bleiben. «Wegen diesem einen Fall wollte ich nicht aufgeben. Alle anderen waren froh um die Hilfe, die sie erhielten.»

Eine weitere grosse Herausforderung kam 1998 mit dem Kosovo-Konflikt und der damit Verbundenen grossen Flüchtlingswelle. Die Folgen zeigten sich erst Jahre später. Schulklassen bestanden zur Hälfte aus Ausländerkindern, zwischenzeitlich wies die 2000-Einwohner-Gemeinde eine Sozialhilfequote von 3,6 Prozent aus. Heute liegt sie bei 2,7 (Schnitt: 2,2). «Die Situation zwang uns, mit dem Kanton das Gespräch zu suchen», sagt Burkhard. «Wir waren bereit, Bedürftige aufzunehmen. Aber nicht mehr ganze Familien.»

Es sei ihr wichtig gewesen, stets die Richtlinien zu befolgen, sagt Burkhard. «Ich führte mit Bekannten das gleiche Gespräch wie mit Wildfremden, tat, was im Bereich des Möglichen war. So konnte ich auch akzeptieren, wenn eine getroffene Massnahme nicht die ­gewünschte Wirkung zeigte.» Burkhard sei eine ­starke Frau, sagt Gemeindeammann Fredy ­Röösli, ein langjähriger Weggefährte. «Kritisch und hart in der Sache. Aber immer mit dem nötigen Mitgefühl.»

Ein Flair für Gesetze

Jahrelang arbeitete Burkhard im Sozialvorsteher-Verband des Kantons Luzern mit, der später in den Bereich «Gesundheit und Soziales» im Verband Luzerner Gemeinden überführt wurde. Die Regionalkonferenz der Sozialvorsteher stand unter ihrer Leitung. «Das offene und vertrauensvolle Verhältnis unter den Sozialvorstehern der Region ist ihr Verdienst», sagt Regula Heuberger, Berufskollegin aus Schüpfheim. Die «Schnelldenkerin» – erfahren, kompetent, belesen – habe sie vor allem in einem Punkt beeindruckt: ihre Gesetzeskenntnisse. «Einzelne Artikel konnte sie gar zitieren.» Burkhard lacht. «Ich habe ein Flair für Gesetze.»

Bei Vernehmlassungen habe sie stets nach möglichen Schwierigkeiten in der Umsetzung gesucht. Ob bei der Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden, der Pflegefinanzierung oder dem neuen Sozialhilfegesetz: Überall war Burkhard involviert. «Das war der Hit.» Gemeindeammann Fredy Röösli bestätigt: Burkhard sei in rechtlichen Fragen stets «fundiert vorbereitet» gewesen, war eine «gefragte Auskunftsperson mit riesigem Fachwissen. Nicht nur in ihrem Ressort.»

Umworbene Politikerin

Um die vernetzte Frau wurde mehrfach geworben, wenn es um die Wahlen in den Grossen Rat – dem heutigen Kantonsrat – ging. Doch Burkhard ­lehnte stets ab. «In der Gemeinde kann ich zusammen mit meinen Kollegen etwas bewegen. Hier werde ich gehört, hier kann ich meine Meinung vertreten. In der Kantonsratsfraktion wäre dies nicht im gleichen Mass möglich gewesen.»

Zunächst wolle sie nun aber den «Vorruhestand» geniessen, ihr Englisch verbessern, um später mit Mann und Wohnwagen Kanada zu bereisen. In ein Loch dürfte Heidi Burkhard daher auch jetzt nicht fallen.

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