WERTHENSTEIN: Klosteranlage: Geologe rüffelt Kanton

Der Fels unterhalb der Wallfahrtskirche bröckelt. Jetzt wird eine Bestandsaufnahme gemacht. Geologen warnten bereits vor 27 Jahren vor weiteren Felsabbrüchen.

Susanne Balli
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Die Felsen unterhalb der Klosteranlage Werthenstein drohen in die Kleine Emme zu stürzen. (Bild Nadia Schärli)

Die Felsen unterhalb der Klosteranlage Werthenstein drohen in die Kleine Emme zu stürzen. (Bild Nadia Schärli)

Die Wallfahrtskirche und ehemalige Klosteranlage Werthenstein steht auf unsicherem Grund. Die Mauer um die Anlage weist Risse auf, und das nicht zum ersten Mal. 2009 brach ein Stück der Stützmauer bei der Wendelinkapelle ein und musste saniert werden. Warum genau die Risse entstehen, wird derzeit abgeklärt. In den vergangenen Wochen standen Geologen im Einsatz, um vom Felsen über der Kleinen Emme, auf dem die Klosteranlage thront, eine Bestandsaufnahme zu machen (Ausgabe vom 10. Januar). Laut Franz Müller, Leiter Baumanagement der kantonalen Dienststelle Immobilien, ist es für ein abschliessendes Urteil noch zu früh.

Früher fuhren Kutschen ums Kloster

Fakt aber ist: In der Vergangenheit kam es immer wieder zu kleineren und grösseren Felsabbrüchen. Letztmals im Frühling 2013, als ein rund 10 bis 20 Meter grosses Stück der Felswand in die Kleine Emme stürzte. Fakt ist auch, dass in früherer Zeit rund um die Klosteranlage, die von 1630 bis 1636 errichtet wurde, so viel Platz zur Verfügung stand, dass sogar Kutschen darum herumfahren konnten, wie sich einige Werthen­steiner erinnern können. Heute ist es nicht einmal mehr ratsam, zu Fuss die Klostermauer im Bereich des Abgrunds zu umrunden, es sei denn, man ist komplett schwindelfrei.

Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass der Felsen, auf dem die Klosteranlage gebaut ist, den Kanton Luzern als Eigentümer bereits im Jahr 1986 beschäftigte. Damals hatte sich im Frühsommer unmittelbar unterhalb des Klosters, am rechten Ufer der Kleinen Emme, ein grösseres Felspaket abgelöst und drohte ins Bachbett zu stürzen. In der Folge gab der Kanton ein geologisches Gutachten in Auftrag, das unserer Zeitung vorliegt.

Wasser sorgt für Erosion

Neben einer detaillierten Auflistung der verschiedenen Gesteinsschichten werden darin auch verschiedenste Einflüsse auf die Stabilität der Felswand aufgeführt. Laut dem damaligen Gutachten stellt Wasser den wichtigsten Faktor der Verwitterung am Felsen dar. So wird unter anderem die Erosionskraft der Kleinen Emme bei Hochwasser genannt. Reissendes Hochwasser unterspüle den Fels, «wobei die stark geklüfteten Sandsteine an der Basis, welche das Widerlager für die darüberliegende Nagelfluhwand bilden, wegerodiert werden.» Dadurch werde auch der obere Bereich der Wand instabil und stürze nach und nach ab. «Diese [...] Kettenreaktion wickelt sich umso schneller ab, je ausgeprägter und grossflächiger die seitliche Flusserosion wirkt.»

Zwar wies der zuständige Geologe da-mals keine unmittelbare Gefahr für das Kloster aus. Allerdings heisst es: «Die Ge-schwindigkeit der rückschreitenden Erosion ist von grosser Bedeutung für die Langzeitprognose bezüglich Stabilität der Klostergebäude, welche im Verlaufe der Zeit zunehmend gefährdet sein werden.»

Empfehlungen in Wind geschlagen

Um die Gefahr weiterer Felsabbrüche einzudämmen, wurden im Gutachten mehrere Empfehlungen abgegeben. Unter anderem sollte eine Blockverbauung erstellt werden, wo das Wasser der Kleinen Emme direkten Kontakt zum Felsen hat, damit Unterspülungen verhindert werden können. Auch wurde die bauliche Verstärkung der Felswand mit Beton empfohlen. Diese Massnahmen wurden bis heute nicht umgesetzt.

Unsere Zeitung kontaktierte den damals zuständigen Geologen Beat Keller der Firma Mengis + Lorenz AG (heute Keller + Lorenz AG) in Luzern. Er sagt auf Anfrage: «Man hätte längstens eine solche Blockverbauung von zirka drei Metern Höhe realisieren müssen, damit die Kleine Emme den Felsen nicht unterspült.» Diese empfohlene Massnahme sei aber anscheinend nicht als notwendig empfunden worden. Laut Keller wäre dieser Erosionsschutz damals einfach zu realisieren gewesen. Längerfristig müsse wohl auch der Fels mit verankerten Betonrippen oder Spritzbeton gesichert werden, um weitere Felsabbrüche zu verhindern und die fortschreitende Erosion zu stoppen.

Es drängt sich die Frage auf, warum nicht auf diese Empfehlungen von damals eingegangen wurde. Wie Franz Müller, Leiter Baumanagement der Dienststelle Immobilien, sagt, war ihm das Gutachten von 1987 bisher nicht bekannt. «In den letzten 10 bis 15 Jahren haben sich einzelne Rutschungen und Felsabbrüche ereignet, welche eine Beurteilung der aktuellen Verhältnisse erfordern», begründet er die neusten Untersuchungen. Durch die fortschreitende Erosion seien auch künftig regelmässige Kontrollen erforderlich.

Wie stark sich der Zustand der Felswand in den vergangenen Jahren tatsächlich verändert hat, könne erst nach Vorliegen des neuen Gutachtens beurteilt werden. Laut Müller wurden im Jahr 1988 die notwendigen Felsräumungs- und Felssicherungsarbeiten ausgeführt und die Fassung und Ableitung des Dachwassers vorgenommen. Zudem werde die Bepflanzung und Bestockung der Felsoberkante periodisch kontrolliert und gewartet.

Derzeit keine akute Gefahr

Zu den anfallenden Kosten kann Müller noch nichts sagen, diese wird aber als Grundeigentümer primär der Kanton tragen müssen. Müller: «Bis die Bestandsaufnahme und das geologische Gutachten vorliegen, sind keine Aussagen zu allfälligen Sanierungsmassnahmen und Kosten möglich.»

Im Investitionsplan 2012/13 für Hochbauten war die Klosteranlage mit 740 000 Franken aufgeführt. Genannt werden die Projektierung einer Fassadensanierung und die Sanierung der Kirchenfenster sowie des Kreuzgangs, aber auch eine Sanierung der Umfassungsmauern und der Felswand. Laut Müller haben die Sanierung der Umfassungsmauer und die Sicherungsmassnahmen der Felswand Priorität. Von einer akuten Gefährdung der Klosteranlage müsse man zurzeit nicht ausgehen.

Dies schätzt Geologe Beat Keller etwas anders ein. Eine Beschädigung exponierter Anlagenteile direkt über der Felswand sei wohl kaum auszuschliessen. Dies, weil sich der Zustand der Wand seit 1987 seiner Meinung nach verschlechtert hat. Und auch wegen des stark erodierenden Hochwassers von 2005. Laut Keller könnten die Kosten für eine Befestigung des Felsens und für einen Blockschutz gegen die Erosion je nach Umfang heute schnell einmal viele hunderttausend Franken oder einen niedrigen Millionenbetrag erreichen.