WERTHENSTEIN: Missionar errichtete über 200 Gebäude

Stefan Kissling (80) lebt seit mehr als 50 Jahren als Missionar in Madagaskar. Zu Beginn schlief er in einer selbst gebauten Hütte aus alten Fässern.

Mario Wittenwiler
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Stefan Kissling (80) ist seit 60 Jahren Missionar in Madagaskar. Derzeit ist er auf Heimaturlaub im Kloster Werthenstein. (Bild Nadia Schärli)

Stefan Kissling (80) ist seit 60 Jahren Missionar in Madagaskar. Derzeit ist er auf Heimaturlaub im Kloster Werthenstein. (Bild Nadia Schärli)

Wallendes weisses Haar, ein langer Bart und ein grosses Kreuz auf der Brust: Stefan Kissling sieht aus wie ein Missionar aus dem Bilderbuch. Lediglich eine Soutane trägt er im täglichen Leben längst keine mehr. Stattdessen eine Zeit lang einen Revolver. «Ich trug ihn nicht immer bei mir. Aber es war wichtig, dass die Leute wussten, dass ich mich im Notfall wehren konnte», erklärt Kissling. Eingesetzt hätte er ihn nie. «Es reichte, dass ich einmal einen Vogel erschoss. Das beeindruckte die Einheimischen enorm», erzählt der Missionar.

Reise mit dem Schiff von Marseille

Stefan Kissling wurde 1933 geboren und wuchs gemeinsam mit sieben Geschwistern in Rickenbach bei Olten auf. Er habe bereits sehr jung gewusst, dass er Missionar werden wolle. «Als ich ein Bub war, verteilte ich das Missionar-Heft der Oltner Kapuziner bei uns im Dorf. Die Bilder der fernen Länder und Menschen gefielen mir derart gut, dass ich sofort wusste: Das will ich auch», erzählt der 80-Jährige. Diesen Sommer verbringt er einen dreimonatigen Heimaturlaub im Missionsseminar in Werthenstein. Hier absolvierte er vor 60 Jahren im Kloster Werthenstein die sechsjährige Ausbildung zum Missionars-Pater. Anschliessend reiste er 1961 zusammen mit zwei seiner Brüder und einer Schwägerin von Marseille mit dem Schiff nach Madagaskar. Dort löste er in Andavadoaka einen Franzosen als Missionar für ein 100 Kilometer langes Küstengebiet mit rund 3500 Einwohnern ab. Madagaskar war gerade von der französischen Kolonialmacht in die Unabhängigkeit entlassen worden.

Aus Fässern selbst Hütte gebaut

Nicht einmal eine Behausung hinterliess ihm sein Vorgänger. «Das erste Jahr schlief ich mal hier, mal da bei einem Einheimischen. Nach 12 Monaten baute ich mir aus alten Fässern eine einfache Behausung», erinnert er sich. Zuvor hatte er andere Prioritäten: «Ich sprach zwar Französisch – die Sprache der Kolonialmacht –, verstand aber die Sprache der lokalen Bevölkerung nicht.» Ein italienischer Pater unterrichtete ihn schliesslich auf Französisch in Madagassisch – eine Sprache, die ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammt.

Seine Arbeit beschränkte sich längst nicht darin, den Madagassen den katholischen Glauben zu vermitteln. «In den von mir betroffenen Dörfern gab es keine einzige Person, die lesen oder schreiben konnte. Also musste ich zuerst Lehrpersonen aus dem weiterentwickelten Hochland zu uns an die Küste lotsen», erzählt Kissling. Er habe nicht mitgezählt, doch er glaube, dass er in den 50 Jahren gut 200 Häuser – hauptsächlich Schulen und Kirchen – aufbaute. Dies tat er unter Mithilfe der Einheimischen und der Reaktivierung einer alten, lokalen Technik: indem er aus Muscheln Kalk herstellte und damit die aus Ästen gefertigten Hauswände verputzte.

Wirbelsturm zerstörte fast alles

Während seine Geschwister nach vier Jahren in die Schweiz zurückkehrten, besuchte Stefan Kissling seine Heimat erst 1968 wieder. Gemäss seinem Konvent hatte er nach sieben Jahren das Recht auf einen sechsmonatigen Heimaturlaub. «Früher nutzte ich diesen meist, um in Predigten von meiner Arbeit zu erzählen und Geld zu sammeln. Heute mache ich das nicht mehr so häufig», sagt Kissling. Obwohl Spendengelder heute nötiger seien als je: «Im Februar verwüstete ein Wirbelsturm Dutzende von Schulen und Kirchen», erzählt er. Mit dem nötigen Geld könne er die Ruinen in drei Jahren wieder aufbauen, sagt sich der 80-Jährige tatkräftig.

Nach 50 Jahren auf der Insel fühle er sich mittlerweile mehr als Madagasse denn als Schweizer. «Luxus bedeutet mir nichts», sagt Kissling. Mit den 2000 Franken, die er pro Monat von der katholischen Kirche erhält, muss er nicht nur sich selbst unterhalten, sondern auch die Lehrer bezahlen. «Hätte ich zusätzlich dazu nicht meine kleine AHV, hätte ich schon vor Jahren aufgeben müssen», erzählt er. Er sagt es nüchtern und ganz ohne Verbitterung. Die restliche Zeit seines Heimaturlaubs wird er nutzen, um seine Familie zu besuchen und mit Bekannten zu wandern. Zurück in Madagaskar will er sich mit seiner ganzen Kraft dem Wiederaufbau der zerstörten Schul- und Kirchenhäuser widmen.