WEY-QUARTIER: Touristen entdeckten die Stadt Luzern über den «Hinterhof»

Heute strömen Luzerns Besucher zu Tausenden in die schmucke Altstadt. Früher war es etwas anders – nicht zuletzt dank ausgestopften Alpentieren und künstlichen Sonnenuntergängen.

Hugo Bischof
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Ländliche Idylle mit weidenden Kühen: So sah das 1821 eingeweihte Löwendenkmal anfänglich aus. Rechts die Gedenkkapelle. (Bild: Zeitgenössische Illustration von Franz Hegi (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern))

Ländliche Idylle mit weidenden Kühen: So sah das 1821 eingeweihte Löwendenkmal anfänglich aus. Rechts die Gedenkkapelle. (Bild: Zeitgenössische Illustration von Franz Hegi (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern))

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

«Die Strassen von Luzern wimmelten von Greisen in den altmodischen roten Uniformen der früheren Schweizergarden und von alten Damen mit grünen Brillen und hässlichen Hüten. Man glaubte sich einen Augenblick an den aus den Gräbern wiederauferstandenen Hof Marie-Antoinettes versetzt.» Dieses vernichtende Urteil fällte der 1820 aus Deutschland in die Schweiz geflohene Schriftsteller Wolfgang Menzel bei seinem ersten Besuch in der Leuchtenstadt.

Heute ist alles ganz anders. Luzern ist eine international beliebte Tourismusstadt. Gäste aus aller Welt generieren jährlich mehr als 1 Million Logiernächte – und das längst nicht mehr in einem Ambiente von «altmodischen Uniformen» und «hässlichen Hüten». Gemäss Index des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Basel belegte Luzern 2015 im ganzen Alpenraum den Spitzenplatz der erfolgreichsten Destinationen sowohl im Sommer als auch im Winter. Entsprechend stolz feiert die Luzern Tourismus AG heuer ihr 125-Jahr-Jubiläum (siehe Kasten). Sie war die ­erste Organisation, die den Fremdenverkehr in Luzern systematisch förderte. Luzerns erste (Massen-)Tourismusversuche begannen aber schon viel früher – nicht an der Sonnenseite vorne am See, sondern sozusagen im Hinterhof der Stadt, im Wey-Quartier. Das zeigt ein kürzlich erschienenes Buch von Andreas Bürgi auf spannende Weise auf. Das Buch, aus dem auch Wolfgang Menzels Zitat stammt, bietet – in nicht immer chronologischer Folge – eine Fülle an Informationen. Ein wahrer Sehgenuss ist die Vielzahl teils noch nie gesehener historischer Fotos, Postkarten, Gemälde.

Es begann mit dem Löwendenkmal

Der Aufstieg des Wey-Quartiers zu einer Tourismusmeile begann im frühen 19. Jahrhundert – natürlich – mit dem Löwendenkmal. Es wurde am 10. August 1821 eingeweiht, zum Gedenken an die rund 300 Schweizer Soldaten und Offiziere, die 29 Jahre zuvor beim Tuileriensturm in Paris im Dienst des französischen Königs ums Leben kamen. Der in den Stein gehauene sterbende Löwe war gemäss Bürgi schon in den 1830er-­Jahren, also «lange bevor die Touristenströme nach Luzern anschwollen», eine «grosse Attraktion». Der berühmte Reiseführer Baedeker, 1832 erstmals erschienen, schrieb noch im Jahr 1872, Luzern habe wenig vorzuweisen, was einen Aufenthalt lohne – «ausser der reizenden Lage, des Löwen und des Zeughauses».

Das Wey-Quartier war ursprünglich eine sumpfige Gegend, «völlig abgeschnitten von der Stadt, dem Seeufer und den neuen Hotels, die dort entstanden», so Bürgi. Doch bald entstand zwischen dem (1860 abgerissenen) Weggistor eingangs Hertensteinstrasse und dem Löwendenkmal «eine Art Trampelpfad». Entlang diesem siedelten sich Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe an, «die es auf die zunehmenden Touristenströme abgesehen hatten». Das stiess nicht überall auf Zustimmung. Zeitgenossen kritisierten «die ungeordnete Aufstellung von Souvenirbuden». Und Luzerns Stadtrat bemängelte 1865: «An verschiedenen Orten entstanden hölzerne Hütten und Baracken aller Art, welche durchaus keine Berechtigung haben.»

Ein wenig schmeichelhaftes Bild der Schweiz und somit auch von Luzern ­hatte 1846 auch der «Hamburger Correspondent» gezeichnet, eine der ersten Tageszeitungen Deutschlands: «Leider steht in der Schweiz an allen Ecken und Enden der niederträchtigste Humbug und Prellerei, der nichtswürdigste Schwindel in allen Gestalten in so üppigem Flor, dass das alleräusserste Misstrauen dem nur halbwegs gewiegten Touristen zur zweiten Natur wird.» Wie weit hier auch etwas Neid angesichts des langsam wachsenden Fremdenverkehrs mitschwingt, ist schwer zu sagen.

Berg erleben, ohne auf den Berg zu steigen

Die Tourismusmeile Wey-Quartier nahm aber immer spektakulärere Gestalt an. 1850 errichtete Ludwig Meyer von Schauensee in einem Pavillon nahe dem damaligen Weggistor ein Diorama ein. Besucher konnten hier auf einer sechs mal fünf Meter grossen Leinwand in die Bergwelt eintauchen und – dank variierender Beleuchtung – beispielsweise Sonnenaufgänge und -untergänge auf der Rigi bestaunen. So kamen Touristen, ohne wirklich auf den Berg zu steigen, in den Genuss des Rigi-Erlebnisses. Noch Jahre später warb das Diorama mit dem Slogan: «Schönste Entschädigung für Diejenigen, die auf ihrer Tour trübes Wetter getroffen haben.»

1859 kam Samuel Stauffers «Museum der Thiergruppen» hinzu. Hier gab es ausgestopfte Alpentiere zu bestaunen, inszeniert in Gruppen, teils in Kampfszenen. Was bei Besuchern damals Anklang fand, bezeichnen heutige Wissenschaftern als «reine Fantasieprodukte». Die Tourismusmeile Wey-Quartier war zur «Bilderfabrik» geworden – mit speziell für die Touristen geschaffenen Unterhaltungseinrichtungen. Durch einen Zufall entstand danach die neben dem Löwendenkmal bis heute wichtigste Attraktion: 1872 wurden bei Grabungen für einen Weinkeller im Steinbruch neben dem Löwendenkmal Gletschertöpfe und versteinerte Muscheln entdeckt. Daraus entstand der Gletschergarten, den schon Ende des 19. Jahrhunderts jährlich rund 28000 Personen besuchten. Buchautor Andreas Bürgi bezeichnet die Tourismusmeile rund um den Löwenplatz als «eine der Wurzeln der Schweizer Vergnügungsindustrie».

Zum Diorama (später Alpineum), dem Gletschergarten und Stauffers Museum kam 1889 das Bourbaki-Panorama. Dessen 112 Meter langes und 10 Meter hohes Riesenrundgemälde erinnert ebenso wie das Löwendenkmal an ein wichtiges Ereignis der Schweizer Geschichte, nämlich den Übertritt der geschlagenen französischen Bourbaki-Armee im Januar 1871 bei Les Verrières über die Schweizer Grenze.

Bau der Alpenstrasse öffnet Weg zum See

1859 wurde das Wey-Quartier durch den Bau der Alpenstrasse ans neue touristische Zentrum an den Quai-Anlagen See angeschlossen. 1861 schuf Luzerns Stadtrat einen Bauplan, mit dem die Wey-Gegend auch offiziell zu einem Tourismusquartier werden sollte. Das «Stauffersche Thier-Museum» wurde 1898 geschlossen; in dessen auffälligem Riegelgebäude befindet sich heute das Restaurant Old Swiss House. Meyers ­Diorama gibt es noch immer – im heutigen Alpineum-Gebäude neben dem Eingang zum Gletschergarten. Dieses war 1873 in Form eines klassizistischen Pavillons errichtet worden und diente ursprünglich als Löwendenkmalmuseum.

Hinweis

Andreas Bürgi: Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz 1850–1914. Chronos Verlag Zürich 2016. Fr. 48.-

Leserquiz zur Tourismusgeschichte.<br /> Hauptpreis: Übernachtung im &laquo;Schweizerhof&raquo;.

Rigi-Sonnenaufgänge und Luftschiff-Flüge

  • Ende 18. Jahrhundert: Rigi zieht mit ihrer Aussicht und den Sonnenaufgängen Touristen an. Stadt Luzern dient als Ausgangspunkt für Rigi-Besteigungen.
  • 1815: Erster Berggasthof auf Rigi Kulm wird errichtet.
  • 1821: Einweihung Löwendenkmal.
  • Ab 1833 bis 1856: Mehr als 40 Türme und Tore der ursprünglichen Befestigungsanlage der Stadt Luzern samt ihren Ringmauern werden geschleift (abgerissen). Nur die Museggmauer mit den heutigen neun Türmen bleibt bestehen.
  • 1835: Bau des ersten Hotels am See in Luzern (Hotel Schwanen).
  • 1837: Erstes Dampfschiff, «Stadt Luzern», läuft vom Stapel.
  • 1845: Bau des Hotels Schweizerhof durch Familie von Segesser.
  • 1854: Es gibt rund 20 Hotels in Luzern.
  • 1854: Abbruch der Hofbrücke. An ihrer Stelle entsteht durch eine Aufschüttung der Schweizerhofquai (ergänzt etwas später durch den Nationalquai).
  • Um 1860: Einsetzen des Massentourismus. 1859 fährt erstmals ein Zug von Basel nach Luzern. Ab 1864 Bahnverbindung nach Zürich, ab 1875 nach Bern 1875, ab 1882–1897 durch den Gotthard.
  • Ab 1865: Unter anderem Bau der Hotels Gütsch, Luzernerhof, National.
  • 1868: Königin Victoria von England besucht Luzern.
  • 1870: Bau der Seebrücke.
  • 1871: Eröffnung der Vitznau-Rigi-Bahn.
  • 1875: Auf der Rigi ist eine Hotelstadt mit über 600 Betten entstanden.
  • 1885–1914: Belle Epoque. Weitere Hotels wie das Montana entstehen.
  • Ab 1900: Hotel Bellevue auf der Rigi startet Winterbetrieb (ab 1906 fährt die Vitznau-Rigi-Dampfbahn im Winter).
  • Ab 1904: In Luzern gibt es Regatten, Motorbootrennen und Pferderennen.
  • 1910: Bau der ersten schweizerischen Luftschiffstation im sumpfigen Tribschenmoos am Wartegghügel (im Bereich heutige Eishalle). Es gibt 273 Flüge (unter anderem zur Rigi und zum Pilatus). 1912 wird der Betrieb eingestellt, da die Luftschifffahrt zunehmend als pannenanfällig erachtet wird.
  • 1914–1918, 1939–1945: Einbruch des Tourismus durch die zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise. Manche Luzerner Hotels müssen schliessen.
  • 1933/34: Bau des Kunst- und Kongresshauses beim Inseli: Beginn der Kongresstätigkeit.
  • 1938: Gründung der Internationalen Musikfestwochen (heute Lucerne Festival). Beginn der Gruppenreisen.
  • Ab 1978: Asien wird zum neuen Markt.
  • 1982: Erstmals verzeichnet die Stadt Luzern über 1 Million Logiernächte.
  • 2011: Neue Bestmarke mit 1128292 Logiernächten.
Nationalquai um 1900. Links Kursaal-Casino, hinten «Palace». (Bild: Stadtarchiv)

Nationalquai um 1900. Links Kursaal-Casino, hinten «Palace». (Bild: Stadtarchiv)

«Carlton-Tivoli»-Hotelpersonal vor einem Hotelbus, undatiert, wohl ebenfalls um 1900. (Bild: Stadtarchiv)

«Carlton-Tivoli»-Hotelpersonal vor einem Hotelbus, undatiert, wohl ebenfalls um 1900. (Bild: Stadtarchiv)

Plakat des Gletschergartens um 1906. (Bild: Aus: Andreas Bürgi, «Bilderfabrik»)

Plakat des Gletschergartens um 1906. (Bild: Aus: Andreas Bürgi, «Bilderfabrik»)

Altes Dampfschiff und Schiffanlegestelle beim Schwanenplatz, zwischen 1890 und 1910. (Bild: Stadtarchiv)

Altes Dampfschiff und Schiffanlegestelle beim Schwanenplatz, zwischen 1890 und 1910. (Bild: Stadtarchiv)

Bau des Musikpavillons auf dem Kurplatz 1908. (Bild: Stadtarchiv)

Bau des Musikpavillons auf dem Kurplatz 1908. (Bild: Stadtarchiv)