Kolumne

Wie das Amen zur Kirche

Während der Weihnachtszeit wird ein Tier besonders häufig gesichtet: Der Esel. Ganz zur Freude unserer Autorin.

Martina Odermatt
Hören
Drucken
Teilen
Martina Odermatt

Martina Odermatt

Bild: DominikWunderli

In der Adventszeit, da macht mein Herzli regelmässig einen Gump in der Brust vor Freude. Nein, es sind nicht die Weihnachtsguetzli oder die Aussicht auf Geschenke, die mich erfreuen – es ist etwas viel Besseres: die Sichtung von Eseln. Im Dezember, da erfahren die Tiere nämlich endlich die Wertschätzung, die ihnen gebührt, und das wohl nicht nur von mir. Ich rege mich ja das ganze Jahr darüber auf, dass Esel als dumm und stur bezeichnet werden. Dabei sind sie intelligent, genügsam und zuverlässig. Aber tant pis! Januar bis November sind die treuen Begleiter höchstens mal auf einer Weide anzutreffen, als Beschützer von Geissen zum Beispiel, oder wie beim Trumpf Buur in Ebikon, zur Erheiterung der kleinen (und grossen) Kinder.

Esel, gesichtet in den Bergen Saudi Arabiens.

Esel, gesichtet in den Bergen Saudi Arabiens.

Bild: Martina Odermatt

Im Winter aber, da haben sie ihren grossen Auftritt. Sie ziehen mit dem Samichlaus, den Dienern, Zwergen und Schmutzlis durch die weihnachtlich geschmückten Strassen der Dörfer, vorbei an leuchtenden Kinderaugen, begleitet vom monotonen, tranceartigen Geläut der Trychlen. Und wenn sie Glück haben, dürfen sie mit dem Tross gar die Kinder besuchen. Ein Samichlaus-Einzug ohne Esel wäre schlicht unvorstellbar. Esel gehören zur Vorweihnachtszeit wie das Amen zur Kirche.

Nun gut, vielleicht ist der Weihnachtsesel kurz mit mir durchge(b)rannt, ich geb’s zu. Nichtsdestotrotz: Ich plädiere dafür, dass man Esel auch unter dem Jahr würdigt: Der erste Schritt in diese Richtung wäre etwa, wenn man ihren Namen nicht mehr als Beleidigung für menschliches Fehlverhalten missbrauchen würde. Wie klingt das?