Wie der Zentralschweizer Luca in Italien von einem Tag auf den anderen zum Barista wurde 

Luca Ettlin betreibt seit 17 Jahren eine Bar im ligurischen Levanto, unweit der berühmten Cinque Terre. Seine Auswanderer-Geschichte beginnt mit einer spontanen Berufswahl.

Stefan Welzel
Hören
Drucken
Teilen
Lebt seit bald 20 Jahren in Italien: Luca Ettlin.

Lebt seit bald 20 Jahren in Italien: Luca Ettlin.

(Bilder: PD)

Luca steht hinter dem Tresen und schäkert mit einem Stammkunden. Im Hintergrund läuft Jazzmusik, Stimmengewirr erfüllt den Raum – es ist das typisch rege Treiben in einer typisch italienischen Bar. Das «da Brigida» ist eine beliebte Kneipe im ligurischen Levanto, dem Nachbarort des Touristenmagnets Cinque Terre. Einheimische wie Besucher aus dem Ausland trinken hier ihren Apéro, Kaffee oder spät abends einen Absacker. Luca gibt den jovialen Barkeeper, plaudert mit jedem und scheint auch das zu sein: der Prototyp des italienischen Gastgebers. Nur: Eigentlich heisst Luca mit Vornamen Lukas. Und geboren ist er in Kerns, gelebt und gearbeitet hat er lange in Kriens und Luzern, wo er eine Metallwerkstatt hatte.

Heute, in seinem «zweiten» Leben, ist Lukas Ettlin nur noch Luca. Ein Einheimischer. Luca, wie er sich selber auch nennt, hat schon als Kind seine Liebe für Italien entdeckt. Und diese hat ihn zum Auswandern ins «Bel Paese» bewegt. Seit bald zwei Jahrzehnten lebt und arbeitet der 59-Jährige in Levanto. Seine Bar ist so etwas wie sein «Baby, mein Kind». Dabei war der gelernte Bauspengler 2002 gar nicht mit der Idee, eine Kneipe zu führen, nach Italien gegangen.

Romantisch, aber ein Knochenjob

«Ich und meine damalige Frau Brigitta überlegten uns lange, wo und wie wir genau einen Neustart wagen», erklärt Luca die Situation vor dem Auswandern. «Wir waren um die 40 Jahre alt und dachten uns, dass dies der richtige Zeitpunkt ist, um noch mal eine Herausforderung anzunehmen.» Ihr Plan gewann über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich an Statur. Das Paar machte immer wieder Urlaub in Ligurien. Stück für Stück und wohl überlegt fiel die Wahl auf Levanto. Der Ort in der Gegend, an dem sich die beiden auch ineinander verliebt hatten. Ein Bed & Breakfast oder eine Art Pension zu führen, das war die Idee. Etwas komplett Neues, auch im Beruflichen, sollte es für den Handwerker Luca und die Psychologin Brigitta sein. Luca verkaufte seine Werkstatt, die in der Boa Luzern beheimatet war.

«Bei einem unserer Besuche in Levanto haben wir dann erfahren, dass ein Einheimischer seine Bar verkaufen möchte. Wir haben uns das angeschaut, und innerhalb eines Monats fällten wir den Entscheid», erinnert sich der Kernser und fügt an:

«Wir hatten beide keine Ahnung, wie man eine Bar führt.»
So sieht das «da Brigida» aus.

So sieht das «da Brigida» aus.

Zugute kam ihnen die Berufserfahrung als Selbstständige in der Schweiz. Heute kann Luca über die Anfänge lachen. Das «da Brigida» läuft gut, seine Stammkundschaft ist gross. «Auch wenn es ein Knochenjob ist», sagt der Auswanderer. Sechs Tage die Woche steht er jeweils bis zu zehn Stunden seinen Barkeeper. Und da sei die Zeit des Vorbereitens, Aufräumens und Organisierens noch nicht mit eingerechnet. Luca hat sich seinen Traum vom Auswandern und vom eigenen Business in Italien erfüllt. Das klingt romantisch. «Ist es auch», sagt er:

«Aber der Alltag ist vergleichbar mit dem eines Bauern. Man ist jeden Tag hart am Arbeiten – die Kuh muss gemolken werden.»

In Italien liegt das mittlere Netto-Einkommen bei rund 1600 Euro. «Doch die Lebenskosten sind im Verhältnis zum Einkommen viel höher als in der Schweiz. Ich komme immer gerade so raus.»

Levanto zählt rund 5500 Einwohner. Ausgelegt ist der Ort auf bis zu 30000 Menschen. Und ungefähr so viele bevölkern in der Hochsaison die Gässchen, Plätze und die lange Strandpromenade. Doch was ist eigentlich los, wenn auch an der italienischen Küste die graue und kalte Jahreszeit kommt? Bricht das Geschäft nicht ein? Luca relativiert: «Natürlich machen die Hochsaison und die Touristen in dieser Zeit ein sehr grosses Stück vom Kuchen aus. Aber inzwischen kommen ganzjährig Besucher hierher.» Im Winter seien das manch ein Wanderer und neuerdings auch die Surfer. Ausserdem bleiben ihm viele einheimische Kunden treu.

Das lauschige Gartencafé.

Das lauschige Gartencafé.

Lucas Geschäft funktioniert auch dank seiner schnellen Integration in sein neues Leben. «Nach unserer Ankunft in Levanto konnten wir aufgrund bürokratischer Hürden die Bar gar noch nicht öffnen. Das war eine sehr schwierige Zeit», sagt Luca. Luca wanderte im Herbst 2002 aus, Brigitta kam im Frühling 2003 nach. «Im Juni 2003 hatten wir dann endlich doch die Lizenz in der Hand.» Das gelang nicht zuletzt dank der Unterstützung vieler neuer Freunde, die die beiden in Ligurien gefunden haben. Noch im selben Monat öffneten sie die Türen des «da Brigida». Luca erinnert sich:

«Auf einen Schlag mussten wir das harte Handwerk des Barführens erlernen, von 0 auf 120 sozusagen.»

Vor allem die Kaffeekultur sei sehr ausgeprägt, und «über den guten Kafi etabliert sich in Italien der Ruf eines Lokals, auch wenn es eine Bar ist». Lucas Italienisch war zu jenem Zeitpunkt noch weit entfernt vom fast akzentfreien Parlieren, wie er es heute zelebriert.

Mit den Jahren erarbeiteten sie sich die nötige Routine, das Geschäft lief. Luca und Brigitta, in Italien nur noch Brigida und Namensgeberin der Bar, lebten sich ein, wurden ein Teil von Levantos Gesellschafts- und Kulturleben. Ihr Lokal bietet immer wieder mal eine Bühne für kleine Rock- oder Jazzkonzerte. Auf Hochs folgten aber auch Tiefs. Luca und Brigida trennten sich, führten die Bar aber als Partner erfolgreich fort.

Vor rund sechs Jahren kam Luca in eine kleine Sinnkrise. Er suchte nach einer Möglichkeit, «entweder in Frankreich oder der Schweiz etwas Ähnliches aufzubauen. Ich hatte genug von den 60-Stunden-Wochen, wollte weg». Doch seine Suche war ergebnislos. Vor rund drei Jahren hielt Luca inne und legte sich sein Leben vor sich aus:

«Ich habe meinen Traum bis dato gelebt. War in meinem geliebten Italien und hatte mir eine Existenz aufgebaut. Das wollte ich dann doch nicht aufgeben.»

Luca stellte den Tagesbetrieb ein, sparte sich so Personal und führte das «da Brigida» nur noch als Apéro- und Abendlokal. «Und dieses Konzept ging auf.» Heute hat Luca einen jungen italienischen Teilhaber als Geschäftspartner, Brigida wohnt auch noch in Levanto, führt für Luca die Buchhaltung und erledigt administrative Dinge. Luca ist wieder zufrieden mit seinem Leben in Italien: «Ich habe wieder frisch Fuss gefasst und bin mit voller Energie dabei.» Konkret heisst das für die Winterzeit: Konzerte, Degustationen und sonntags jeweils «Heissi-Schoggi-Abende» im «da Brigida». Solche Angebote locken auch in frostigen Zeiten Gäste in seine Bar, wo er bis 2 Uhr nachts mit seinen Stammkunden schäkert – in bester italienischer Gastgeber-Manier eben.