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Wie Grabsteine zu Denkmälern werden

Die Grabesruhe ist in der Schweiz zeitlich limitiert. Es gibt aber Ausnahmen: Wessen letzte Ruhestätte durch ein Grabmal von besonderem künstlerischem oder historischem Wert markiert ist, könnte nach seinem Ableben zum Denkmal werden.
Ismail Osman

Friedhofsanlagen begegnet man als noch lebendiger Zeitgenosse zuweilen mit ambivalenten Gefühlen. Auf den Punkt brachte dies einst Mark Twain, dem folgendes Zitat zugeschrieben wird: «Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus und die, die draussen sind, wollen nicht hinein.»

Twain in Ehren ist dies natürlich nur die halbe Wahrheit. Friedhöfe sind Rückzugsgebiete, die wir in Andacht an von uns geliebten Menschen besuchen, beispielsweise an Allerheiligen am kommenden Donnerstag. Ein Friedhofsbesuch lohnt sich aber auch ausserhalb dieses Feiertages oder ohne persönlichen Bezug. Friedhöfe sind ein Teil unserer Erinnerungskultur. So erlaubt die Gestaltung der Grabmäler etwa wertvolle Einblicke in gesellschaftliche und künstlerische Strömungen verschiedener Dekaden. In der dicht besiedelten Schweiz ist dies allerdings nicht selbstverständlich.

Das Grabmahl des Bildhauers Karl Peter Hugo Siegwart (1865-1938) gehört zu jenen im Friedhof Friedental, die der Nachwelt erhalten bleiben sollen. (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 23. Oktober 2018)

Das Grabmahl des Bildhauers Karl Peter Hugo Siegwart (1865-1938) gehört zu jenen im Friedhof Friedental, die der Nachwelt erhalten bleiben sollen. (Bilder: Dominik Wunderli, Luzern, 23. Oktober 2018)

Schützenswerte Grabmäler wurden katalogisiert

Grabesruhe in einem Reihengrab beträgt 20 Jahre (Urnenreihengräber: 10 Jahre). Bei Privatgräbern (etwa Familiengräbern) beträgt sie 25 Jahre, kann aber verlängert werden. Tatsache ist aber, dass die gesetzliche Frist dazu führt, dass im Friedental jährlich gegen 300 Grabsteine geräumt werden müssen – verloren gehen die Namen, die Geschichten, die Bildhauerkunst. Um dem Vergessen entgegenzuwirken, erstellte die Friedhofsverwaltung der Stadt Luzern vor 20 Jahren eine Inventarliste von Grabmälern, welche ein Fachgremium als erhaltenswert erachtete. Darunter fallen die Grabsteine von bekannten Persönlichkeiten oder solche, die aus gestalterischen Gründen herausstechen. «Im Zentrum steht der Aspekt der Erinnerungskultur», sagt Pascal Vincent, Leiter Friedhöfe der Stadt Luzern.

Um für das Inventar berücksichtigt zu werden, mussten Grabmäler bestimmte Attribute vorweisen und Kriterien erfüllen. Ein paar Beispiele: Ein Grab repräsentiert eine bestimmte Zeitepoche und den damit verbundenen Kunststil; Gräber, die eine seltene Ikonografien aufweisen; solche, die an historische Ereignisse – beispielsweise etwa Kriege oder Katastrophen – erinnern; solche, die an bekannte oder verdienstvolle Persönlichkeiten erinnern.

Auch dieses alte Familiengrab wurde unter Schutz gestellt..

Auch dieses alte Familiengrab wurde unter Schutz gestellt..

Rund 1200 Objekte wurden damals auf die Inventarliste gesetzt. Das sind zwischen 10 und 15 Prozent aller Gräber in der Stadt Luzern. Ist das Bestattungsrecht an diesen Grabstätten aufgehoben und wenn die Angehörigen oder Nachfahren das Grabmal nicht wollen, nimmt es die Stadt Luzern in Schutz und kommt ab dann auch für die Grabpflege auf. Die ehemaligen Besitzer verlieren ab dann auch Rechte und Pflichten.

Über den gesamten Friedhof Friedental hinweg finden sich – durch Tafeln gekennzeichnet – diese kleinen Denkmäler. Da wird etwa an Nobelpreisträger Carl Spitteler erinnert, dort an die Autorin Cécile Lauber (1887–1981), auf deren Grabstein in Anlehnung an eines ihrer Gedichte zu lesen ist: «Ich bin, nachdem ich schied, wie vor Beginn, ein Amsellied.» Andernorts sticht eine kleine Grabplatte ins Auge, auf der eine Treppe in Richtung Himmel auszumachen ist, daneben ein wuchtiges Familiengrab aus dem späten 19. Jahrhundert, das mit seinen Säulen Anlehnungen an antike griechische Baukunst erkennen lässt. Manche Grabmäler sollen an Ort und Stelle erhalten werden, andere wurden auf designierte freie Felder transportiert – so etwa auch entlang der von Mark Twain hinterfragten Friedhofsmauer.

Eines der prominentesten Gräber im Friedental: jenes des Nobelpreisträgers Carl Spitteler (1845-1924).

Eines der prominentesten Gräber im Friedental: jenes des Nobelpreisträgers Carl Spitteler (1845-1924).

Mit der Erstellung der Inventarliste war es im Friedental aber noch nicht getan. Als die Idee zum Schutz solcher Gräber in den 90er-Jahren aufkam, erkannte man deutliche Trendwenden im Bestattungswesen: «Zum einen nimmt die Zahl der Erdbestattungen seither deutlich ab. Zum anderen kamen damals auch vermehrt in Massenproduktion hergestellte Grabsteine auf», sagt Vincent rückblickend. Um dem Qualitätsverlust in der Grabmalskultur entgegenzuwirken, werden seit der Inventarisierung alle zwei Jahre die neuen Grabmäler von einer Fachjury bewertet. Wird eines davon als künstlerisch wertvoll «mit einem hohen Symbolgehalt und einer beispielhaften handwerklichen Ausführung» beurteilt, wird es ausgezeichnet. Alle zwei Jahre sind dies zwischen 10 und 20 Grabmäler. Dem Hersteller des Grabzeichens und den Angehörigen wird die Arbeit schriftlich verdankt. «Wir wollen die Arbeit der Bildhauer würdigen und den künstlerischen Wettbewerb fördern», so Vincent. «In den nächsten Jahren wird es Zeit, die Inventarliste aufzudatieren», erklärt Vincent. «Die seither ausgezeichneten Grabzeichen stünden dann in der engeren Auswahl, um als ‹erhaltenswert› eingestuft zu werden.» Ein Beispiel für ein solches qualitativ hochstehendes Grab ist jenes des bekannten Luzerner Bildhauers Rolf Brem (1926–2014) und seiner Frau Françoise Brem-Colfs (gest. 1983). Es wurde 2016 ausgezeichnet. Darauf zu sehen sind zwei Skulpturen: Auf Rolf Brems Grabstein steht Helias Helye, Drucker des ersten datierten Buches, das in der Schweiz erschien. Rechts davon sitzt Brems Ehefrau Françoise in einem Sessel und liest ein Buch. Die nächsten Auszeichnungen erfolgen diesen Dezember.

Das Grabmal des Luzerner Bildhauers Rolf Brem (1926–2014) und seiner Frau Françoise Brem-Colfs (gest. 1983) wurde 2016 als Beispiel eines künstlerisch wertvollen Grabmals der Gegenwart ausgezeichnet.

Das Grabmal des Luzerner Bildhauers Rolf Brem (1926–2014) und seiner Frau Françoise Brem-Colfs (gest. 1983) wurde 2016 als Beispiel eines künstlerisch wertvollen Grabmals der Gegenwart ausgezeichnet.

Sursee: Inventar wurde bereits erstellt

Ähnliche Bestrebungen wie in der Stadt Luzern gibt es auch in Zürich oder Basel. Doch auch im Kanton Luzern selbst tut sich diesbezüglich Weiteres. So plant die Friedhofsverwaltung der Stadt Sursee in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv, ein Inventar erhaltenswerter Grabmäler des Friedhofs Däger­stein zu erstellen. Dafür erstellte man eine Dokumentation mit Hilfe des Kulturgüterschutzes der Zivilschutzorganisation Region Sursee und traf sich diese Woche mit dem Gebietsdenkmalpfleger des Kantons, wie Bereichsleiter Marcel Büeler erklärt. In den vergangenen Jahren habe man bei den potenziell erhaltenswerten Grabmälern denn auch bereits vorsorglich davon abgesehen, diese nach Ablauf der gesetzlich vorgegebenen Grabesruhe zu entfernen.

«Die Geschichte des Friedhofs Dägerstein reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Entsprechend hoch ist seine historische Bedeutung für Sursee und die gesamte Region», weiss Büeler. Nach einer schweren Pestepidemie wurde der Friedhof ursprünglich für «Fremde, Arme und Kinder» angelegt. Erst ab 1803 wurde er auch allgemeine Begräbnisstätte der Stadt Sursee.

«In welcher Form die in Sursee katalogisierten Grabmäler dereinst gepflegt werden sollen, wird auch eine Frage des Budgets sein», sagt Büeler. «Unser Ziel ist aber klar, dass diese Objekte nicht in einen Keller oder einem Museum eingelagert werden müssen, sondern auf dem Friedhof stehen bleiben können.»

Die als «erhaltenswert» inventarisierten Grabsteine sind durch ein kleines Schild gekennzeichnet.

Die als «erhaltenswert» inventarisierten Grabsteine sind durch ein kleines Schild gekennzeichnet.

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