Wie sich die Littauer Buchbinderei «An der Reuss» im Schweizer Markt behaupten will

Die Digitalisierung hält Einzug, die grafische Branche schrumpft. Eine Littauer Buchbinderei hält mit einer Grossinvestition dagegen.

Stephan Santschi
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Alegro A7. So heisst die neue Klebebinde-Anlage, die mit 60 Metern eine imposante Länge erreicht. Wie der Name vermuten lässt, soll sie in der Buchbinderei «An der Reuss» im Littauerboden (siehe Karte) für viel Freude sorgen.

Während 15 Tagen ist sie montiert worden, am 6. Januar nahm sie den Betrieb auf. «Wir haben Lust auf Neues», betont Hansjörg Dietrich. Gemeinsam mit Ehefrau Catherine und Bruder Urs leitet er seit 2002 das 1946 gegründete Unternehmen. Die Grossinvestition – rund 1,5 Millionen Franken – ist nicht nur als Meilenstein in der Firmenhistorie gedacht, sondern als Mutmacher für eine ganze Branche.

Hansjörg, Catherine und Urs Dietrich vor der neuen Klebebinde-Anlage Alegro A7 in der Buchbinderei «An der Reuss».

Hansjörg, Catherine und Urs Dietrich vor der neuen Klebebinde-Anlage Alegro A7 in der Buchbinderei «An der Reuss».

Bild: Manuela Jans-Koch (Littau, 7. Februar 2020)

Das Metier der Dietrichs ist die Weiterverarbeitung von Print-Erzeugnissen, der Grossteil der Kundschaft besteht aus Druckereien. Und davon gibt es aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung immer weniger. «Früher war der Markt in der Zentralschweiz gross genug, jetzt liefern wir in die ganze Schweiz aus. Seit Jahren schrumpft die grafische Branche und dieser Prozess ist noch nicht beendet», sagt Dietrich, aber er hält auch fest: «Es wird vor allem über das geredet, was verschwindet. Es gibt jedoch viel Positives. Wichtige Unternehmen vermitteln ihr Image noch immer auf Papier.»

Katastrophen erschweren den Einstieg der Dietrichs

Aufgeben war deshalb keine Option, als Acoro A7, der Vorgänger von Alegro A7, nach 14 Jahren, 47000 Betriebsstunden und 85 Millionen produzierter Broschüren auf die Pension zusteuerte. «Die Zukunft einer Firma hängt von Investitionen ab», sagt Dietrich. Mit dieser Maxime habe man von Beginn auf die Erfolgsspur gefunden, obwohl die Stimmung in der Wirtschaft nach der Jahrtausendwende schlecht gewesen sei. «Dafür sorgten Ereignisse wie die Terroranschläge von 9/11, das Attentat im Zuger Kantonsparlament oder das Grounding der Swissair.»

Auf die Frage, wie man sich auf dem kleiner werdenden Markt mit unsicherer Perspektive halten kann, hebt Hansjörg Dietrich die hohe Qualität der Produkte, die effiziente Herstellung und der persönliche Kontakt zu den Auftraggebern hervor. «So schaffen wir Erlebnisse und Vertrauen.» Zudem spezialisiere man sich in Nischen, sagt Catherine Dietrich und bezieht sich auf das Stanzen von Registern oder das Drahtschlaufenbinden von Kalendern und Heften. Auch Eigenkreationen wie das Reussflat spielen beim Balanceakt zwischen Tradition und Moderne eine Rolle. Hierbei handelt es sich um eine Technik, die es erlaubt, eine Broschüre bis zum Bund aufzuschlagen, ohne dass sie wieder zusammenklappt.

Grosse Freude am neuen «Klebebinde-Universum»

Und dann ist da eben das neue Herzstück des Betriebs, der Alegro A7. Als Klebebinde-Universum mit unendlicher Vielfalt wird er angepriesen, und so stellt sich die Frage: Was kann er denn nun tatsächlich? Als Beispiel dient der dreiteilige Katalog eines Bijouterie-Unternehmens. Die vom Kunden gelieferten Papierbögen werden vorgängig auf die richtige Grösse geschnitten und gefalzt. Im Alegro werden sie gestapelt, geleimt, mit einem Umschlag versehen und schliesslich auf die Endgrösse zugeschnitten. Via Kamera prüft die Maschine gleich selber, ob jedes Blatt am richtigen Ort eingereiht wird. Nach rund drei Minuten verlässt das Stück bereits die Maschinerie und dies bis zu 7000 Mal in der Stunde.

«Mittlerweile findet einiges zum Print zurück, das gedruckte Buch legt eher wieder zu.»

«Sehr wichtig ist, dass wir das Umrichten auf einen neuen Auftrag sehr kurz halten können», sagt Catherine Dietrich und erklärt: «Wir bearbeiten keine riesigen Volumen, wir lassen die Maschine nicht 24 Stunden laufen. Die Schweiz ist ein kleines Land, und so sind auch unsere Aufträge relativ klein.» Die Palette reicht dabei von Gemeindeheftchen und Wanderbroschüren über Lehrmittel und Nachschlagewerke bis zu Produktkatalogen und Zeitschriften. Die Auflagen erstrecken sich von 100 bis zu 150000 Exemplaren. «Alles Gedruckte wird zum Endprodukt verarbeitet. Wir sind die Stafettenschlussläufer der grafischen Branche», bemerkt Hansjörg Dietrich mit einem Schmunzeln.

Und so ist er überzeugt, dass die Buchbinderei «An der Reuss» mit ihren 40 Angestellten auch in Zukunft gebraucht wird. «Zu Beginn hat die Digitalisierung einen Run ausgelöst. Mittlerweile findet einiges zum Print zurück, das gedruckte Buch legt eher wieder zu. Papier steht für den Wert eines Produkts.»

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