Wie tief ist der Stadt-Land-Graben? Die Zahlen bestätigen die Klischees

Aktuelle Statistiken versuchen, das bekannte Phänomen des Stadt-Land-Grabens fassbar zu machen.

Ismail Osman
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Links im Bild der Schweizerhofquai in der Stadt Luzern, rechts der Ortsteil Sörenberg in der Gemeinde Flühli.

Links im Bild der Schweizerhofquai in der Stadt Luzern, rechts der Ortsteil Sörenberg in der Gemeinde Flühli. 

Bilder: Boris Bürgisser,
Luzern, 27. März 2019/
Philipp Schmidli, 1. November 2019

Obwohl auf keiner amtlichen Karte je abgebildet, ist er unübersehbar: der Stadt-Land-Graben. Über seine «die politische Landschaft prägende Tiefe» wird jeweils im Nachgang von Abstimmungen und Wahlen hingewiesen.

Was aber genau ist dieser Graben? Und findet er nur im Kopf statt? Nein, zeigen die aktuellen Zahlen von Lustat Statistik Luzern. Anhand von mehreren statistischen Erhebungen wird der Versuch unternommen, die sozioökonomischen Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gemeinden aufzuzeigen. Es sind letztlich solche regionalen Disparitäten, welche den teils tiefen Graben zwischen städtisch und ländlich geprägten Orten erklären – auch in den jeweiligen politischen Weltanschauungen.

Die Lustat-Zahlen bestätigen einige klassische Stadt-Land-Klischees, sorgen aber auch für kleine Überraschungen.

Finanzen: Der Wohlstand ist städtisch

Den wirtschaftlichen Motor des Kantons bilden ganz klar die städtischen Gemeinden. Die von Lustat als städtische Gemeinden definierten Orte (darunter etwa auch Meggen und Horw) wiesen zusammen eine relative Steuerkraft (absolute Steuerkraft geteilt durch Wohnbevölkerung) von durchschnittlich 1966 Franken aus. Das ist um satte 54 Prozent höher als der Durchschnitt der Landgemeinden. Zu den Schlusslichtern gehören hier etwa Romoos (616 Franken) und Luthern (676 Franken).

Mobilität: Auf der Landschaft fahren alle Auto

Die Automobilisierung galt früher primär als Wohlstandsindikator. Heute sagt der Automobilisierungsgrad aber auch etwas über die Siedlungsqualität, Verkehrsinfrastruktur sowie die Verkehrskosten aus. 2018 waren im Kanton Luzern insgesamt 216'386 Personenwagen registriert. Gemäss Lustat-Berechnungen wäre die gesamte Gemeindefläche von Dierikon (rund 2,7 km2) notwendig, um diesen Auto-Fuhrpark auf normierten Parkplätzen unterzubringen.

Die höchste Autodichte findet sich in Landgemeinden wie Aesch, Eich oder Roggliswil mit bis zu 771 registrierten Autos auf 1000 Personen. Zum Vergleich: In Luzern sind es 424 Autos pro 1000 Personen.

Wohnen: Auf der Landschaft wird gebaut wie verrückt

Nun, vielleicht nicht gerade «wie verrückt», aber teilweise sehr stark. 2017 wurden im Kanton Luzern insgesamt 2734 neue Wohnungen erstellt. Gemessen am Wohnungsbestand am Ende des Jahres war der Neuwohnungsanteil in den Gemeinden Büron (13,6%), Doppleschwand (8,0%) und Greppen (7,7%) am höchsten. Der kantonale Durchschnitt betrug nur 1,4 Prozent.

Greppen wies 2019 allerdings auch eine der höchsten Leerwohnungsziffern des Kantons aus (6,37 Prozent). Zum Vergleich: Bei 2991 leerstehenden Einheiten weisst der Kanton aktuell einen Leerwohnungsanteil von insgesamt 1,51 Prozent aus. In absoluten Zahlen weist die Stadt Luzern am meisten leere Wohnungen aus (597).


Bevölkerung: Auf dem Land  hat man noch Platz

Über die Hälfte der Bevölkerung lebt in städtischen Gemeinden, nämlich rund 215 000 Personen. Die bevölkerungsdichtesten Gemeinden sind – nebst der Stadt Luzern – Sursee sowie die Agglomerationskerngemeinden Emmen, Ebikon und Buchrain (durchschnittlich 1118 Personen pro Quadratkilometer). Die am dünnsten besiedelten Gemeinden findet man alle im Westen des Kantons (Romoos, Flühli, Escholzmatt-Marbach, Hasle und Luthern) mit lediglich 45 Personen pro Quadratkilometer.

Wirtschaft: Jobs gibts in der Stadt (und im Wiggertal)

In verschiedenen Luzerner Regionen zeigte sich ein Gegensatz zwischen einem arbeitsplatzreichen Zentrum mit hoher Beschäftigungsdichte und einem vorwiegend als Wohnort genutzten Umland mit tiefer Beschäftigungsdichte. Das trifft etwa für Luzern und Sursee zu.

Aber nicht nur: Eine spannende Ausnahme sind die Gemeinden des Unteren Wiggertals. So wies die Gemeinde Altishofen 2017 mit 160 Beschäftigten pro 100 Einwohnerinnen und Einwohner die höchste Beschäftigungsdichte auf. In Sursee waren es 138 Jobs pro 100 Einwohner, während das Verhältnis in der Stadt Luzern 1:1 betrug. Am unteren Ende des Spektrums befinden sich die Gemeinden Greppen (14 Beschäftigte pro 100 Einwohner) und Udligenswil (18).

Mehr Informationen: Lustat Statistik Luzern.

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