Interview

Wie wirkt sich Corona auf die Psyche aus? Ein Luzerner Chefarzt gibt Auskunft

Julius Kurmann, Chefarzt Stationäre Dienste der Luzerner Psychiatrie, rechnet wegen der Coronakrise mit mehr psychischen Erkrankungen – und gibt Tipps, wie man solchen vorbeugen kann.

Stefan Dähler
Hören
Drucken
Teilen
Julius Kurmann beim Eingang der Klinik Luzern der Luzerner Psychiatrie auf dem Kantonsspital-Areal

Julius Kurmann beim Eingang der Klinik Luzern der Luzerner Psychiatrie auf dem Kantonsspital-Areal

Bild: Jakob Ineichen (24. März 2020)

Eingeschränkte Freiheiten, Angst um die Gesundheit, soziale Isolation und Jobunsicherheit – das Coronavirus stellt die Psyche der Bevölkerung auf die Probe. So schätzt Julius Kurmann, Chefarzt Stationäre Diens­te der Luzerner Psychia­trie (Lups), die Situation ein.

Erwarten Sie eine Zunahme von psychischen Problemen in den nächsten Wochen?

Julius Kurmann: Zuerst mal: Es ist wichtig, dass diese Fragen öffentlich diskutiert werden. Ja, ich erwarte eine Zunahme. Dies bei Menschen, die heute gesund sind und auch bei jenen, die bereits psychische Erkrankungen haben. Bei heute gesunden Men­schen werden vermutlich vermehrt Ängste oder eine grundsätzliche Verunsicherung auftreten, verbunden mit einem Verlust der Selbstverständlichkeit, ein alltägliches, quasi normales Leben zu führen. Ich erwarte durch die Isolation auch eine Zunahme von Konflikten innerhalb der Partnerschaft oder der Familie sowie bei heute alleinstehenden Menschen die Gefahr zunehmender Suizidalität.

Wie sieht es bei Personen mit psychischen Erkrankungen aus?

Ich erwarte teilweise eine Verschlechterung von jetzt noch stabilen Zustandsbildern. Dazu zwei Beispiele: Wenn ein Patient langsam aus einer Depression gefunden hat und sich wieder getraut, unter die Leute zu gehen und eine Tagesstruktur einzuhalten, wird ihm dies jetzt wieder verunmöglicht. Das kann dazu führen, dass sich die Depression wieder verstärkt. Ein abstinenter Suchtpatient wird jetzt in seiner Einsamkeit und aufgrund der mangelnden sozialen Kontakte vermehrt mit der Gefahr eines Rückfalls kämpfen müssen. Grundsätzlich wird eine ganze Reihe von Patientengruppen eher unter der aktuellen Situation leiden: einsame, sozial isolierte Menschen mit einer erhöhten Suizidgefahr, Angst- und Zwangspatienten, die sich jetzt aufgrund der bestehenden Gefahr in ihrer Welt bestätigt fühlen sowie wahnhaft-misstrauische Patienten, welche die jetzige Situation als extrem starke Bedrohung wahrnehmen.

An wen kann man sich wenden, wenn man Probleme bekommt, aber das Haus nicht verlassen kann?

Die Luzerner Psychiatrie hält ihre Angebote in der Grund- und Notfallversorgung grundsätzlich aufrecht, sowohl ambulant wie stationär. Wir führen auch eine telefonische Beratungsstelle für Menschen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen auf der Nummer 090 085 65 65. Die ambulant tätigen Psychiaterinnen und Psychotherapeuten werden von ihren Fachgesellschaften aufgefordert, ihre Praxen weiterhin offen zu halten.

Ambulante Behandlungen können nach wie vor gut durchgeführt werden, auch unter Einhaltung der Verhaltensregeln, die die Behörden vorgeben.

Wenn sich jemand nicht getraut, ausser Haus zu gehen, sind telefonische oder allenfalls per Video Konsultationen möglich. Das übliche Notfallversorgungsnetz funktioniert nach wie vor und ist für alle Menschen da.

Reichen die Kapazitäten der Lups für die Krise aus?

Wie erwähnt, bieten wir die Grund- und Notfallversorgung weiter an. So sollten wir das ohne Kapazitätsausbau bewältigen können. Wir messen der Sicherheit unserer Patienten und Mitarbeitenden einen hohen Stellenwert zu. In diesem Zusammenhang möchte ich allen Mitarbeitenden der Lups ganz herzlich für ihr Engagement in dieser schwierigen Situation danken.

Wie kann man psychisch labilen Freunden oder Fa­milienmitgliedern helfen, die kommende Zeit zu überstehen?

Bleiben Sie mit ihnen in Kontakt! Auch wenn das physisch jetzt nicht möglich ist, sind Kontakte per Telefon oder elektronischen Medien jederzeit möglich. Weiter können Sie die Personen darauf aufmerksam machen, sich jetzt besonders zu schützen.

Es ist verheerend, wenn man ständig die Nachrichten online oder im TV schaut.

Das birgt die Gefahr, dass man in einen Trancezustand gerät, der nur noch geprägt ist von Angst und dem Gefühl, bedroht zu sein. Ich empfehle, maximal einmal pro Tag die Nachrichten zu checken. Sonst sollten Sie versuchen, sich trotz der aktuell herausfordernden Situation unter Einhaltung der Empfehlungen auch mit anderen Dingen zu beschäftigen.

Welche Ratschläge geben Sie psychisch gesunden Personen, damit diese weiterhin gesund bleiben?

Folgende Botschaft ist wichtig: Wenn Sie sich konsequent an die Verhaltensregeln der Behörden halten, dann ist die Wahrscheinlichkeit gross, nicht am Virus zu erkranken. Das heisst, Sie können etwas für sich tun! Sie sind der Gefahr nicht wehrlos ausgeliefert. So können Sie das Gefühl der persönlichen Kontrolle aufbauen. Das ist in Zeiten der Unsicherheit eminent wichtig.

Wie bewältigt man den Alltag zu Hause am besten?

Es braucht eine konsequente Tagesstruktur. Bei Homeoffice ist man verführt, länger zu schlafen oder den Tag im Py­jama zu verbringen. Man sollte sich aber nicht lähmen lassen, sondern sich fixe Ziele setzen: Dann stehe ich auf, dann esse ich und so weiter. Man kann sich auch Dingen zuwenden, die man gerne macht, etwa ein gutes Buch lesen. Oder Projekten nachgehen, wie die Wohnung neu streichen, den Garten umgestalten oder eine Werkarbeit. Solange man das darf, kann man auch rausgehen und sich bewegen, um den Stress abzubauen. Auch körperliche Übungen zu Hause sind möglich.

Wie lange hält der Mensch die soziale Isolation aus?

Wenn sie absehbar ist, kann man sich darauf einstellen. Kippen kann es, wenn die Massnahmen stets verlängert werden und kein Ende absehbar ist. Oder wenn man diese nicht mehr nachvollziehen kann – etwa, wenn die Fallzahlen stark abnehmen.

Bis jetzt haben es die Behörden aber gut gemacht und nur so viele Einschränkungen erlassen, wie nötig waren.

Zentral ist auch die klare Kommunikation der Verhaltensregeln, die den Leuten wie erwähnt aufzeigen, dass man dem Virus nicht hilflos ausgeliefert ist.

Welche langfristigen Folgen wird die Coronakrise für die Gesellschaft haben?

Es wird wohl noch lange eine Verunsicherung zu spüren sein und lange dauern, bis wir wieder unbeschwert unsere Freunde umarmen und eine Selbstverständlichkeit im Alltag einkehrt. Mir machen aber insbesondere all die wirtschaftlichen Folgen Sorgen. Da wird es sehr viele Betroffene geben, die noch lange zu kämpfen haben.

Könnte die Krise auch posi­tive Folgen haben?

Ich würde es auch als äusserst positiv erachten, wenn die Gesellschaft diese Krise reflektiert und sich bewusst wird, wie viele Freiheiten wir haben und wie verletzlich diese wie auch un­sere demokratischen Werte sind. Wir müssen diese Sorge tragen. Es kann zudem auch sein, dass die Menschen die positiven Dinge in ihrem Leben wieder mehr schätzen und diesen auch mehr Gewicht geben.

Julius Kurmann (61) ist seit 1996 Chefarzt Stationäre Dienste der Lups. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

Mehr zum Thema