Wie zwei Luzerner den Lockdown in Südafrika erleben

Südafrika hat einen der massivsten Corona-Lockdowns. Davon sind auch Brigitta Schmidlin und Franz Kunz aus Luzern betroffen.

Ernesto Piazza
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Trotz erster Erleichterungen beim Lockdown hält die Coronakrise die Schweiz weiter in Atem. Diese Ausnahmesituation gilt aber nicht nur hierzulande. Betroffen von den Restriktionen sind auch der gebürtige Schötzer Franz Kunz (63) und seine Lebenspartnerin Brigitta Schmidlin (46). Gemeinsam führen sie in Somerset West, ein wenig ausserhalb von Kapstadt, ein Guesthouse. Sie sind spezialisiert auf Bike-Ferien und Individualreisen.

In Südafrika wurde der Lockdown am 27. März verhängt. «Er ist einer der strengsten weltweit», sagt Franz Kunz. Die Grenzen wurden geschlossen und ein komplettes Ausgangsverbot für die gesamte Bevölkerung initiiert. Man darf nur noch zum Einkaufen von Lebensmitteln und Medikamenten sowie für Arztbesuche das Haus verlassen. «Die Vorgaben werden strikt kontrolliert», so Kunz. Hierbei wird die Polizei von privaten Sicherheitsdiensten und rund 75'000 Armeeangehö­rigen unterstützt.

Verkauf von Zigaretten und Alkohol verboten

Den ersten Corona-Verdachtsfall gab es an einer Grundschule mit 700 Kindern. Eine freiwil­lige Lehrperson, die aus Italien zurückgekehrt war, hatte ein Kind angesteckt. Wenig später wurden alle Schulen geschlossen. «Die Tatsache, dass das Coronavirus von weissen Ausländern und wirtschaftlich bessergestellten Südafrikanern ins Land gebracht wurde, führte zu Spannungen», erklärt Kunz.

Brigitta Schmidlin und Franz Kunz vor ihrem Guesthouse in Somerset West.

Brigitta Schmidlin und Franz Kunz vor ihrem Guesthouse in Somerset West.

Bild: PD

Mittlerweile fällt den beiden «Bewegungsmenschen» zwar die Decke fast auf den Kopf. Doch richtig prekär ist die Situa­tion in den Townships. Die Ärmeren leben vorwiegend in Wellblechhütten, und nicht selten hausen bis zu sechs Personen in einem Raum von zehn Quadratmetern. Social Distancing ist dort praktisch unmöglich. Und da die Leute von heute auf morgen keinen Job mehr hatten, nahm auch die häusliche Gewalt zu.

Mit der Ausrufung des Lockdowns verbot Präsident Cyril Ramaphosa zugleich landesweit den Verkauf von Zigaretten und Alkohol. Dies führte zu Protesten und Plünderungen von Geschäften. Die Solidarität für die ärmere Bevölkerungsschicht sei allerdings gross, sagt Kunz. Doch wie haben die beiden den Lockdown persönlich erlebt? «Für uns war es ein Schock, als am 21. März Schluss war», betonen sie. Sie mussten die Saison zwei Monate früher als geplant beenden.

Fortan beschäftigten sie sich bei herrlichem Herbstwetter damit, Haus, Garten und Mountainbikes wieder in Schuss zu bringen. «Wobei uns dazu seit einiger Zeit das Material fehlt», sagt Kunz.

«Denn in Bezug auf die Wettbewerbsverzerrung ist Südafrika der Schweiz einen Schritt voraus. Was man im Laden während des Lockdowns nicht kaufen kann, gibt es auch nicht übers Internet.»

Wie es im Herbst weitergeht, wissen sie noch nicht. «Diese Unsicherheit ist für uns das grösste Problem», meint Kunz. So haben sie ab dem 28. September bereits wieder Buchungen. Das Haus ist für die nächste Saison schon zu einem Drittel besetzt. «Wobei wir in der glück­lichen Lage sind, dass wir durch diese Krise nicht in finanzielle Schieflage geraten», erklärt der gebürtige Schötzer.

Er ist aber überzeugt, dass viele Gasthäuser und Tourismusbetriebe diese Krise nicht überstehen werden, wenn es nicht möglich ist, bereits im Oktober wieder Ferien am Kap zu machen.

Brigitta Schmidlin und Franz Kunz in ihrem Garten.

Brigitta Schmidlin und Franz Kunz in ihrem Garten.

Und weiter sagt Kunz: Diverse europäische Medien hätten beim Ausbruch von Covid-19 Südafrika als Epizentrum für die Coronaverbreitung in Afrika beschrieben. Man sei davon ausgegangen, dass 60 bis 70 Prozent der 59 Millionen Einwohner mit dem Virus infiziert würden.

«Doch bis jetzt haben wir nur 93 Tote, welche im Zusammenhang mit Corona gestorben sind. Viele davon wiesen Vorerkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht auf oder galten als starke Raucher.» Diese Statistik werde bei jedem Toten geführt.

Dass es bisher nicht mehr Tote gab, erklärt Kunz folgendermassen: Zum einen wurde während der Apartheid die ganze Bevölkerung gegen Tuberkulose zwangsgeimpft, womit sie resistenter sei. Zum andern weise Südafrika eine sehr junge Bevölkerung auf. Der Altersmeridian liege bei 27,6 Jahren. 

«Zudem herrschen am Kap som­mer­liche Temperaturen. Die Leute sind virenresistenter.»

Südafrika hat, Stand 29. April, 4996 positiv getestete Personen, davon sind 2073 wieder genesen. In mobilen Zentren wurden vor allem in den Townships über eine Million Menschen auf Fieber gescannt und insgesamt 185'497 Personen getestet.

Lockerung mit Fünf-Phasen-Plan

Ab 1. Mai will Südafrika den Lockdown wieder lockern. Hierfür hat sich die Regierung auf einen sogenannten Ampelplan mit fünf Phasen geeinigt. Zuerst möchte man unter anderem mit Maskenpflicht für alle beginnen, die Wirtschaft wird in gewissen Bereichen wieder hochgefahren, Restaurants dürfen Catering anbieten, der Zigarettenkauf ist, im Gegensatz zum Alkohol, wieder erlaubt. Dann sollen die Restriktionen im rund 1,22 Millionen Quadratkilometer grossen Land sukzessive weiter gelockert werden.

Und wie beurteilen die beiden Schweizer die Arbeit der südafrikanischen Regierung? Wenn Präsident Cyril Ramaphosa vor die Medien trete, mache er einen sehr guten Job, lobt Kunz. Er glaubt, dass das Staatsoberhaupt gestärkt aus dieser Pandemiezeit herausgeht. «Hoffentlich wird er danach auch der grosse Manager für die nächste Krise, für die Corona-Wirtschaftskrise.»