Wie zwei Rottaler durch Saudi Arabien radelten – und dabei wohl kürzlich Geschichte geschrieben haben

Sandra Jenni und Elias Vogler sind auf Veloreise durch Saudi Arabien. Was sie dabei bisher so alles erlebten, erzählen sie in unserem Interview.

Martina Odermatt
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Angefangen hat alles vor sieben Monaten im Rottal. Sandra Jenni (32) aus Ruswil und Elias Vogler (33) aus Grosswangen machen sich auf den Weg. Das Ziel: Die Welt mit dem Velo bereisen. Zeitpunkt der Rückkehr: Unbekannt. Mit lediglich ein paar Wunschdestinationen im Kopf radelten die beiden los – und haben kürzlich, während ihren 34 Tagen in Saudi Arabien, wohl Geschichte geschrieben.

Die 32-jährige Berufsschullehrerin und Zahntechnikerin Sandra Jenni und der 33-jährige Umweltingenieur Elias Vogler erkunden seit sieben Monaten die Welt auf dem Velosattel.

Die 32-jährige Berufsschullehrerin und Zahntechnikerin Sandra Jenni und der 33-jährige Umweltingenieur Elias Vogler erkunden seit sieben Monaten die Welt auf dem Velosattel. 

Bild: PD

Sandra Jenni und Elias Vogler, hatten Sie von Anfang an geplant, Saudi Arabien zu durchradeln?

Sandra Jenni: Nein, Saudi Arabien war nicht von Beginn an auf dem Plan. Wir sind im Juni gestartet, da war das Land für Touristen noch gar nicht offen.  Ich (Elias Vogler) wollte unbedingt nach Ägypten, das Land der Pharaonen erkunden, dem Nil entlang fahren. Bei Sandra stand der Iran auf der Wunschliste. Da wussten wir: Saudi Arabien könnte zur Option werden, da es die Länder verbindet. Also haben wir die Chance gepackt, trotz gewissen Vorbehalten der Medien und unserem Umfeld. Es hat uns gereizt, das selbst zu erleben und herauszufinden, ob das denn stimmt, was man da so über das Land hört...

Und, was haben Sie herausgefunden?

Sandra Jenni: Vorurteile sind Vorurteile. Wir sind sehr positiv überrascht von unserem Erlebnis in Saudi Arabien. Wir hatten zwar zuerst einige Bedenken, da man schon Vieles über die strikten Vorschriften gehört hatte. Wir wussten auch  nicht, ob so eine Veloreise überhaupt möglich ist, da Velofahren für Frauen noch nicht so lange erlaubt ist. Deshalb haben wir im Vorfeld Möglichkeiten abgecheckt, beispielsweise ob wir einen Teil der Strecke mit Bus oder Zug überbrücken könnten. Aber schon bei der Ankunft am 1. Tag wurden wir sehr freudig empfangen und haben dann gemerkt, dass dies nicht nötig sein wird.

Und, ist Saudi Arabien so, wie Sie es erwartet hatten?

Sandra Jenni: Es gab ein paar Sachen, die wir im Vorfeld nicht gewusst hatten. So wird die Zeit in Saudi Arabien fünf Mal am Tag zu den Gebetszeiten angehalten. Die Geschäfte schliessen, die Restaurants sind zu, das Leben steht für ungefähr 45 Minuten still. Es ist nicht ganz einfach, die Reise immer um diese Zeiten herum zu planen. Zudem verhüllen sich hier nicht nur die Frauen, wie man das bei uns oft sieht, sondern auch die Männer. Sie tragen ein meist weisses oder beiges bodenlanges Gewand (Thobe) und bedecken auch ihren Kopf mit Tüchern. Und dann sind wir noch ob der extremen Gastfreundschaft der Saudis erstaunt. Wir wurden so oft eingeladen, damit hatten wir nicht gerechnet.

Sandra Jenni auf ihrem Velo unterwegs in der saudischen Wüste.

Sandra Jenni auf ihrem Velo unterwegs in der saudischen Wüste.

PD

Also war es einfach, mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen?

Elias Vogler: Ja. Viele Leute haben uns während dem Velofahren angesprochen und uns spontan zum Zmittag oder Znacht eingeladen. Für Sandra haben sie sogar eine Geburtstagsfeier geschmissen! Da gab es Kuchen und Rahmenprogramm mit einem Znacht in der Wüste und einem Kamelritt. Das war wahnsinnig!

Und wie waren die Reaktionen der Bevölkerung auf die Velo fahrenden Schweizer?

Sandra Jenni: Wir haben die Saudis als äusserst offen und neugierig erlebt. Es hat sie gefreut, dass auch ich als Frau mich auf dieses Abenteuer einlasse und mich getraue, mit Abaya Fahrrad zu fahren. Sie haben gesagt, dass wir eine grosse Inspiration für sie sind – und ich womöglich die erste Frau überhaupt bin, die Saudi Arabien durchradelt hat. Vielen ist noch nicht bewusst, dass Velofahren auch Sport und Vergnügen ist. Bis vor wenigen Jahren sah man hier nur Gastarbeiter Velo fahren.

Ich habe gesehen, dass Sie auf Ihrer Route durch Medina gefahren sind. Das ist eine heilige Stadt.

Elias Vogler: Das stimmt. Die Routenplanung hat erst vor Ort stattgefunden. Mehrere Einheimische haben uns versichert, dass man Medina durchaus bereisen kann, aber das Stadtzentrum den Muslimen vorbehalten ist. Die Leute hatten grosse Freude, dass wir als Nichtmuslime Interesse zeigen an ihrer Stadt.

Das verlief alles ohne Zwischenfälle?

Elias Vogler: Nicht ganz. Vor Medina kamen wir an einem Checkpoint in eine Polizeikontrolle. Da wir zwei Velofahrer sind und ja auch noch eine Frau dabei war, begleiteten sie uns ab diesem Zeitpunkt bis nach Riad. Sie sagten, wir benötigten spezielle Sicherheit. Das nimmt einem eine gewisse Freiheit beim Reisen und löst auch bei den Einheimischen eine andere Reaktion aus.

Das heisst, ihr wart also 24 Stunden unter Beobachtung?

Elias Vogler: Genau. Wenn wir nicht in den Städten waren, haben wir irgendwo im Zelt campiert. Zum Glück ist das dort möglich. Die armen Herren der Polizei haben dann jeweils im Auto übernachtet.

Welchen Herausforderungen seid ihr sonst noch begegnet? 

Elias Vogler: Saudi Arabien ist ein riesiges Land. Auf den grossen Distanzen stets genug zu essen und zu trinken dabei zu haben ist wichtig. Ausserdem waren auch die geschlossenen Läden während der Gebetszeit eine Herausforderung. Die Hitze hingegen war kein Problem. Denn auch in Saudi Arabien ist jetzt Winter. In der Wüste hatten wir sogar eher ein paar kühle Nächte, wo wir dann morgens etwas gefröstelt haben.  Und dann gibt's da noch den Verkehr. Die Saudis sind sich keine Velofahrer auf der Strasse gewohnt. Der Verkehr ist zum Teil prekär.

Die Landschaft in Saudi Arabien.

Die Landschaft in Saudi Arabien.

PD

War euch auch mal mulmig zumute? Gerade beim Campieren kann es ja vielleicht auch mal ungemütlich werden...

Elias Vogler: Der einzige Vorfall war in der Negev-Wüste. Da fanden wir an einem Morgen  unsere Velos fünf Meter von unserem Zelt weg vor. Wir haben uns zuerst gefragt, ob jemand unsere Velos stehlen wollte, haben dann beim genaueren Hinsehen gemerkt, dass unsere Essenstasche total verbissen war und der Trockenreis sowie die Pasta ratzeputze aufgegessen war. Auch der Pneu hat etwas gelitten, er war verbissen. Wir haben gewusst, dass es in diesem Gebiet Wölfe und Hyänen gibt, nicht aber, dass sie auch ungekochte Pasta mögen. Den Pneu haben wir dann übrigens behelfsmässig mit einem Feuerwehrschlauch, den wir auf der Strasse gefunden haben, geflickt.

Campieren mit Velo und Zelt sorgt auch mal für Überraschungsmomente.

Campieren mit Velo und Zelt sorgt auch mal für Überraschungsmomente.

PD

Wie geht Ihre Reise nun weiter?

Sandra Jenni:Wir möchten noch unbedingt in den Iran und beobachten die Sicherheitslage dort. Auch der Pamir Highway und der Karakorum Highway sind auf unserer Liste. Letzterer würde uns nach Pakistan führen. Zuerst aber sind wir aber nun in Abu Dhabi, gehen dann nach Dubai und in den Oman. Wir bleiben unterwegs, solange es uns gefällt. Und das, was wir bis jetzt erlebt haben, macht Lust auf mehr. Uns fehlen Familie und Freunde schon, aber im Moment gefällt es uns noch sehr, mit dem Velo unterwegs zu sein. 

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