WIGGEN: Eine schrecklich grosse Familie

Es ist nicht alltäglich, dass fünf Generationen einer Familie an einem Tisch sitzen – aber auch nicht unmöglich. Wir haben eine getroffen.

Roger Rüegger
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Fünf Generationen: (von links) Susanne Stalder, Verena Bächler mit Zeruja, Lena Kramis und Maria Pittet. (Bild Manuela Jans)

Fünf Generationen: (von links) Susanne Stalder, Verena Bächler mit Zeruja, Lena Kramis und Maria Pittet. (Bild Manuela Jans)

Mit grossen Augen verfolgt die drei Monate alte Zeruja das Treiben in der Stube ihres Ururgrossmamis Maria Pittet (93) in Emmenbrücke. Das Baby liegt zufrieden in den Armen ihrer Mutter Lina Kramis (21), derweil Grosi Susanne Stalder (47) und Urgrosi Verena Bächler (68) die Besucher begrüssen. Dann gehts hinaus auf den Sitzplatz zum Fototermin.

Die Sonne lacht kurz am Mittwochnachmittag. Wie bestellt. Und auch das Kind macht mit und hält für die Fotografin die Augen geöffnet. Fünf Generationen in einer Linie, ein nicht alltägliches Bild. Und auch die Familie ist in dieser Konstellation nicht oft zusammen. Für das Treffen sind die vier jüngeren Frauen aus dem Entlebuch nach Emmenbrücke angereist. Wobei Reisen und weite Wege in der Familie Tradition hat. «Wir treffen uns jeweils zum Chüngeli-Pfeffer-Essen bei uns in Escholzmatt, und jedes Jahr organisiert eines einen Familienausflug», sagt Verena Bächler.

Alle Blicke auf Zeruja gerichtet

An den Ausflügen sind jeweils rund 20 Personen anwesend. «Wir sind eine grosse Familie. Es ist super, dass alle so gut geraten sind. Es gibt kein schwarzes Schaf, gäu Gotti», sagt Verena Bächler nach dem Fotoshooting zu ihrer Mutter Maria. Beide lachen herzhaft, während ihre Blicke immer wieder zur kleinen Zeruja schweifen, die inzwischen eingeschlafen ist. Die anderen Frauen sind dafür umso aufgeweckter. Sie haben auch einiges zu erzählen.

Die älteste, Maria Pittet wohnt seit 67 Jahren in Emmenbrücke. Sie erzählt, weshalb sie damals aus Flawil im St. Gallischen in die Innerschweiz gezogen ist. «Mein Bruder arbeitete in Luzern als Metzger. Seinen besten Freund, einen Bäcker, habe ich durch ihn kennen gelernt.» Der Bäcker war topfit und wohl schwer verliebt. «Er fuhr oft mit dem Velo von Luzern zu mir in die Ostschweiz», sagt sie. Als 27-Jährige ist sie dann mit ihm nach Emmenbrücke gezogen, wo er eine Stelle bei Von Moos Stahl antreten konnte. Sechs Kindern schenkte Maria das Leben.

Verena Bächler war ihr erstes Kind. Sie hatte es weitaus einfacher, ihren Jugendschatz und heutigen Mann zu sehen als ihre Mutter. «Er wohnte in Rothenburg und musste nicht einen derart aufwendigen Weg auf sich nehmen», sagt sie. Das Paar nahm zuerst in Emmenbrücke eine Wohnung, wo ihre älteste Tochter Susanne zur Welt kam. Die Region Luzern verliessen sie nach wenigen Jahren in Richtung Entlebuch, weil ihr Mann dort geschäftlich zu tun hatte. «Er war im Aussendienst und hatte viele Dienstkollegen in dieser Gegend. So zogen wir nach Escholzmatt.» Dort leben sie auch heute noch. Der Wechsel ins Entlebuch erwies sich als richtig und passte auch den Kindern.

Zuhinterst im Entlebuch gelandet

Tochter Susanne lernte dort nämlich ihren Ehemann Patrick kennen, mit dem sie eine Familie mit vier Kindern gründete und seit 1989 den Bio-Bauernhof Stächelmoos zuhinterst im Entlebuch ob Wiggen betreibt. Ein ruhiger Ort. «Wenn wir keinen Lärm machen, ist es dort absolut still», sagt sie.

Die Familie entspricht auf den ersten Blick ganz dem Klischee einer typischen Bauern-Grossfamilie. Doch das ist sie nicht. «Wir sind nicht von Haus aus Bauern, auch wenn es den Anschein erweckt», sagt Susanne Stalder. Ihr Ehemann sei zwar auf einem Hof aufgewachsen und selber Meisterlandwirt, einen Betrieb zu führen, sei jedoch nicht zwingend geplant gewesen. Die Frau hat auf dem zweiten Bildungsweg Bäuerin gelernt und auch die Meisterprüfung abgelegt, so wagten sie den Schritt in die Selbstständigkeit.

Per Frachtschiff nach New York

Nachdem alle vier Kinder ausgezogen waren, wurde es wieder still auf dem Stächelmoos. «Das Leben verändert sich, wenn von einer Grossfamilie nur noch zwei übrig bleiben. So nutzten wir die Situation und machten eine Standortbestimmung. Mit dem Resultat, dass wir eine Auszeit nahmen und mit Frachtschiff nach New York fuhren.» Sie lebten ein Jahr in Manhattan. Viele Familienmitglieder nahmen dies zum Anlass, die Stalders in der Ferne zu besuchen. Den Hof überliessen sie einem Paar, das ebenfalls ein Time-out nehmen wollte. Nun konnten Stalders, ohne grosse Wege zurücklegen zu müssen, Konzerte besuchen, in die Oper gehen und Sport treiben. Patrick wollte gerne am New- York-Marathon teilnehmen. Doch dieser fiel wegen des Hurrikans «Sandy» aus. Im August 2013 kehrten sie heim.

Längst ist Normalität eingekehrt im Stächelmoos. Seit kurzem herrscht am Fuss der Schrattenfluh sogar wieder munteres Treiben. Tochter Lina, die ihrerseits ein Jahr in Südafrika verbrachte und regen Besuch der Familie erhielt, ist zurück. Sie wohnt mit Ehemann Boas, einem Zimmermann, und Zeruja in einer Wohnung unter einem Dach mit ihren Eltern. Das Baby hat die erste kleine Reise im Leben hinter sich. Es wird nicht die einzige gewesen sein. Und dass sie das einzige Kind der Kramis bleibt, ist auch eher unwahrscheinlich. «Wir hoffens nicht», sagt Lina.