WIKON: Vom Dieb zum Verkäufer

Alex Huber (44) fand von der schiefen Bahn zurück in einen geregelten Alltag. Er hat seine Berufung in der Tätigkeit als Verkäufer gefunden.

Ernesto Piazza
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Alex Huber bei sich zu Hause in Wikon bei der Arbeit auf der Internetplattform. (Bild Pius Amrein)

Alex Huber bei sich zu Hause in Wikon bei der Arbeit auf der Internetplattform. (Bild Pius Amrein)

Lieber spät als nie. Diese Redewendung trifft bei Alex Huber den Nagel auf den Kopf. Als er kürzlich den letzten Teil des Inventars des Restaurants Baulüüt in Sursee – dieses wird momentan umgebaut – über die Internetplattform Ricardo verkaufte, erlebte der Wikoner für ihn ganz neue Momente. Das erste Mal in seinem Leben habe er ein super Arbeitszeugnis erhalten, verrät Huber. «Es funktionierte hervorragend», bestätigt auch Willy Graf, Geschäftsführer des Seminarzentrums Campus Sursee. Der 44-Jährige löste für das Unternehmen rund 25 000 Franken. «Und Alex Huber hat alles fein säuberlich abgerechnet», so Graf weiter.

Im Jahre 1988 deutete noch nichts auf einen holprigen Lebenslauf hin. Bis er – drei Wochen vor seinem Lehrabschluss zum Sanitärmonteur – von einem Gerüst fiel. Zwar holte er später die Prüfung erfolgreich nach, nachdem er als Folge dieses Unfalls den Termin verpasst hatte. Trotzdem liess dieses einschneidende Ereignis Alex Huber fortan nicht mehr in seinem erlernten Beruf arbeiten. Und eine Anlehre als Sanitärzeichner vermochte ihn nur wenig zu begeistern.

Mit «Täfeliautomat» begonnen

Mit der neuen Situation kam der 19-Jährige nicht klar. «Deshalb geriet ich sukzessive auf die schiefe Bahn.» Was mit dem Überlisten des Mechanismus eines «Täfeliautomaten» harmlos begann, trieb zusehends dreistere Blüten. Autos stehlen – mit Drogen dealen: Das waren nur zwei seiner Beschäftigungen. Motive für diese strafbaren Handlungen kannte er aber keine. Er habe es einfach gemacht, sagt Alex Huber.

Alex Huber musste sich in dieser Zeit um seine finanziellen Verhältnisse keine Sorgen machen. Trotzdem: Richtig glücklich war er in seiner Situation nicht. Weshalb er mit 28 Jahren und mit seiner damaligen Freundin zu einer Weltreise nach Neuseeland aufbrach. «Um nach dem Sinn des Lebens zu suchen», erklärt er. Nach knapp einem Jahr kehrte er allerdings wieder in die Schweiz zurück. Weil der Wikoner Gott als Lebensmittelpunkt gefunden hatte. Zudem wusste Alex Huber: «Jetzt bringe ich das noch vorhandene Diebesgut den Eigentümern zurück.» Erstmals bekamen Einsicht und Reue Zugang zum Leben des 44-Jährigen. Deshalb entschloss er sich auch für den Besuch einer zweijährigen Bibelschule. Gleichzeitig wollte er keine Partys mehr feiern und nichts mehr mit dem «guten Gefühl» während seiner Diebestouren zu tun haben.

Vergangenheit in Buch verfasst

Alex Huber war wieder am Boden seiner Realität gelandet. Und weil das Leben von der Substanz ebenfalls ein Ende nahm, passierte diese Landung recht unsanft. Heute bezeichnet der gelernte Sanitärmonteur die Tatsache, dass all seine kriminellen Handlungen nie negative Folgen für ihn nach sich zogen, als «schwachen Trost». Und ihm ist sehr wohl bewusst, dass viele Geschädigte zurückbleiben.

Der Moment, als er im Jahr 2000 wieder einen Neubeginn mit «ehrlicher Arbeit» startete, sei hart gewesen. Zu seiner Vergangenheitsbewältigung gehörte auch die Preisgabe seines mehrjährigen, fast skurril anmutenden Abschnitts der Lebensgeschichte. Im Buch «Alex – Adrenalin pur!» von 2001 beschreibt Damaris Kofmehl seinen damaligen Wirkungskreis.

Von Asperger-Syndrom betroffen

Alex Huber blieb der Sprung auf die Sonnenseite des Lebens aber weiter verwehrt. Auf einige Monate mit Beschäftigungen als Verkäufer von Sanitärmaterial folgten erneut arbeitslose Abschnitte. Zwischenzeitlich führte ihn sein Weg auch zur Kunst. Mit «Learning by doing» und dem Rohmaterial Eisen schuf er Figuren aller Art. Eine dieser Skulpturen steht heute noch beim Spycher in Wikon. Als im Jahr 2008 die Finanzkrise begann, brach der Verkauf aber schlagartig ein.

Seit 2010 weiss Alex Huber zudem, dass er vom Asperger-Syndrom betroffen ist. Gemäss Wikipedia ist dies eine Entwicklungsstörung innerhalb des Autismusspektrums, die vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation gekennzeichnet ist sowie von eingeschränkten und stereotypen Aktivitäten und Interessen bestimmt wird. Er könne nur in Bildern denken, sagt der 44-Jährige dazu.

Obwohl ihn diese Beeinträchtigung im täglichen Leben einschränkt und die Invalidenversicherung beabsichtigt, ihm eine Umschulung anzubieten: Der Wikoner will sich damit nicht abfinden. Ermutigt durch die Feststellung, dass ihm der Verkauf von alten, nicht mehr gebrauchten Gegenständen über Internetplattformen liegt, glaubt er endlich das passende Tätigkeitsfeld gefunden zu haben. Eines, das ihm endlich die berufliche Befriedigung bringt.