WILDTIERE: Den Dachs zieht es in die Vorstadt

Die Dachspopulation ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Deshalb sucht der Räuber öfter in Siedlungsgebieten nach Nahrung – nicht zur Freude aller Gartenbesitzer.

Urs-Ueli Schorno
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Der Dachs findet auch in Privatgärten seine Leibspeise: Würmer, Engerlinge und Fallobst.Bild: Getty

Der Dachs findet auch in Privatgärten seine Leibspeise: Würmer, Engerlinge und Fallobst.Bild: Getty

Die Zunahme der Dachspopulation kann aus einer traurigen Statistik abgeleitet werden: «Anhand der Zahlen der Dachs-Strassenunfallopfer sieht man den eindeutigen Trend, dass die Bestände seit Jahren stetig zunehmen», sagt Peter Ulmann, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa). Über 120 Dachse fanden etwa im vergangenen Jahr auf Luzerner Strassen den Tod. Der Bestand der bis rund 90 Zentimeter grossen und bis 18 Kilogramm schweren Marderart wird nicht erfasst. «Im Kanton dürften es wenige tausend Tiere sein.» Klar ist: Er ist relativ häufig und in der ganzen Zentralschweiz verbreitet.

«Seit Ende der Tollwutbekämpfungsmassnahmen in den 1980er-Jahren haben sich die damals stark dezimierten Dachsbestände schweizweit erholt», führt Ulmann aus. «Bei einem Populationswachstum müssen die in Familiensippen lebenden Dachse neue Reviere etablieren. Unweigerlich dehnen sich diese auch in Richtung Siedlungsraum aus», so Ulmann weiter.

Häufiger in den Randgebieten

In der Stadt ist der Dachs, in der Fabel auch als «Grimbart» bekannt, bisher selten. Letztmals von sich reden machte er 2013, als eine Dachsfamilie die Hubelmatt-Turnhalle «unterwanderte» – schliesslich wurde der Bau mit Schotter zugeschüttet. «Der Dachs taucht vor allem in den Randgebieten vermehrt auf», beobachtet auch Dominik von Ah, der Jagdaufseher der Stadt Luzern. Dabei sind etwa Hanglagen am Waldrand prädestiniert für den Dachsbau. Seltener findet er unter Treppen bei Hauseingängen oder kleinen Gartenhäuschen vermeintlich eine gute ­Stelle, um sich niederzulassen. «Dann sind die Grundeigentümer gefordert», so von Ah. Gemeinsam werde nach Möglichkeiten gesucht, um die Tiere wegzulocken, allenfalls der Zugang zu heiklen Stellen verhindert. Kaum ein Dachs müsse durch die Wildhut getötet werden, weil er partout nicht umsiedeln will.

Da und dort gräbt der Dachs mit seinen kräftigen Pranten auch Löcher in die Gärten. Weil er nach Einbruch der Dämmerung nach seiner Leibspeise wie Würmer, Engerlingen oder Fallobst sucht. «Wenn das Angebot im Wald knapp wird, findet der Dachs in den Gärten ein reichhaltiges Buffet.» Das sei zwar oft für die betroffenen Landbesitzer nicht schön anzusehen, «wir sprechen hier aber vergleichsweise von Bagatellschäden». Meist reiche ein Zuwarten von ein bis zwei Wochen, bis der Dachs bedächtigen Schrittes weiterziehe. In der Landwirtschaft sieht das etwas anders aus. Dort können sie an Kulturflächen wie beispielsweise beim Maisanbau grössere Schäden anrichten. Aber auch dort wären die Landwirte in der Pflicht, Eigenschutzmassnahmen zu treffen.

Zahlreich und doch selten gesehen

Sein Wirken ist damit insgesamt harmlos, vergleicht man es mit dem einer Wildschweinrotte, die ganze Nutzflächen innert kurzer Zeit umzupflügen vermag. «In den vergangenen zwei Jahren haben die Vorfälle mit Dachsen zudem etwas nachgelassen.» Dies, weil die Räude, eine Milbenkrankheit, den Bestand von Zeit zu Zeit etwas dezimiert. «Hier kommt die natürliche Selektion zum Zug», so von Ah. Denn diese ist heute hauptverantwortlich für die Regulation des Dachsbestandes. Als jagdbare Art spielt er keine grosse Rolle mehr. Auf der Speisekarte steht er kaum noch. Allenfalls findet sein Haar heute noch beim stilbewussten Bart­träger als edler Rasierpinsel Verwendung. Auch braucht es Glück und genaue Beobachtungsgabe, um ihn vor die Flinte zu bekommen. In der vergangenen Jagdsaison wurden im Kanton Luzern 323 Tiere geschossen.

Jagdaufseher von Ah ist vor dem Hintergrund des zwar nicht seltenen, aber scheuen Tieres auch ein Anliegen, Begegnungen mit ihm nicht als Gefahr, sondern vielmehr als Bereicherung anzusehen. Seine Botschaft: «Es ist doch schön, dass wir noch Wildtiere in unserer unmittelbaren Nähe haben.» Angst, oder gar Panik, brauche man beim Anblick einer Dachsfamilie keinesfalls zu haben. Die besten Chancen, einen Dachs zu sehen, bestünden jeweils in den Sommermonaten. Dann unternehmen sie bereits in den frühen Abendstunden lange Streifzüge. Das Nahrungsangebot ist zu dieser Jahreszeit gross, und sie brauchen viel Nahrung für ihre Fettreserven, die sie für den kommenden Winter benötige – der Dachs macht keinen eigentlichen Winterschlaf: Er hält eine Winterruhe.

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch