WILLISAU: Die dritte Generation dreht ihr Ding

Kunststoff und Maschinen ersetzen Hanf und Handarbeit: Trotzdem ist in der Herzog AG in Willisau die traditionelle Art der Seilerei nicht ganz verloren gegangen.

Stephan Santschi
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Alfred Herzog senior bei der Arbeit an der Seiler-Bahn vor der alten Festhalle Willisau. (Bild: Staatsarchiv)

Alfred Herzog senior bei der Arbeit an der Seiler-Bahn vor der alten Festhalle Willisau. (Bild: Staatsarchiv)

So sieht es heute vor der Festhalle Willisau aus. Die Seilproduktion läuft mit Maschinen an einem neuen Standort. (Bild: Jakob Ineichen)

So sieht es heute vor der Festhalle Willisau aus. Die Seilproduktion läuft mit Maschinen an einem neuen Standort. (Bild: Jakob Ineichen)

«Aus einem Faden, den man fast nicht sieht, entsteht ein dickes Seil. Etwas Starkes, das beispielsweise als Rettungsleine in der Feuerwehr oder als Aufzugsseil auf dem Bau gebraucht wird.» Alfred Herzog junior spricht mit Stolz über seine Arbeit. Der 55-Jährige hat die Seilerei Herzog 1988 von seinem mittlerweile verstorbenen Vater Alfred senior übernommen, der seinerseits den Dienst 1953 angetreten hatte. Seit 2010 führt der 31-jährige Guido Herzog, der Sohn von Alfred junior, den Familienbetrieb in Willisau in dritter Generation weiter. Die Hingabe zum Beruf blieb dabei stets unverändert.

Die Herstellungsweise der Produkte hat sich allerdings einem grossen Wandel unterzogen. Die Handarbeit wurde mehrheitlich durch Maschinen ersetzt, der Hanf oder Flachs hat zu grossen Teilen der Kunststofffaser weichen müssen. «Früher hat man das Seil auf einer Seilerbahn zu zweit von Hand gedreht. Heute wird diese Arbeit durch Maschinen industriell gefertigt», erzählt Geschäftsführer Guido Herzog. Seilerbahnen gebe es in der Schweiz nur noch zwei: in Zofingen und im Museum Ballenberg. Zur Kundschaft zählen die Feuerwehr (u. a. Rettungsleinen), die Landwirtschaft (Viehhalfter, Stricke), das Baugewerbe (Gerüststricke, Aufzugsseile, Kabeleinzugsseile), die Spielplatzbauer (Seilschaukeln, Netze, Klettertau) oder die Grossisten (Katzenbaumseil, farbige Kartenleinen zum Aufhängen von Postkarten, Fotos, Notizzetteln).

Das Ende des Makramee

Abgelaufen ist indes die Zeit des Makramee. Diese Knüpftechnik war in den 70er- und 80er-Jahren hoch im Kurs. «Hausfrauen haben bei uns Makramee- Garn gekauft und unter Anleitung zu Hause verschiedenste Dekors hergestellt. Lampenschirme, Wandgehänge oder Bodendecken beispielsweise», erzählt Guido Herzog. Die Makramee- Spezialistin im Willisauer Familienbetrieb war die 2009 verstorbene Hedy Herzog, die Grossmutter von Guido Herzog. «Makramee passt nicht mehr zum heutigen Stil. Zudem haben die Leute keine Zeit mehr, um sich dieser Handarbeit zu widmen», erklärt Guido Herzog das Ende des Makramee-Trends. Ganz verdrängt wurde die traditionelle Arbeit allerdings nicht. So wird die Samichlaus-Geissel noch heute von Hand und aus Hanf hergestellt. «Diese Arbeit mache ich sehr gerne. Auf diese Weise wurde vor 100 Jahren produziert. Die Finger tun da am Abend schon mal weh», erzählt Alfred Herzog. Auf die starken Hände kann der Seiler also trotz der Industrialisierung nicht verzichten.

Die Vorteile des Kunststoffes

Der Anteil des Hanfs am Rohmaterial ist allerdings klein geworden. «Er bewegt sich noch im einstelligen Prozent-Bereich », hält Guido Herzog fest. An seine Stelle getreten ist die Kunststofffaser. Gründe hierzu gibt es drei:

  • Wetterbeständigkeit. «Früher sind die Seile mit den Jahren verfault. Das ist mit dem Kunststoff nicht mehr der Fall», sagt Guido Herzog.
  • Verfügbarkeit. «Hanf ist nicht immer im gleichen Masse erwerbbar. Die Kunststofffaser steht meist zuverlässig zur Verfügung», so Guido Herzog. Belgischer Flachs sowie italienischer und chinesischer Hanf dienten früher als Rohware.
  • Preis. Hanf ist teurer als Kunststoff.

Die Zukunft gehört dem Weben Der Hanf und der Flachs sind aber nicht ganz verdrängt worden. «Das eine tun, das andere nicht lassen. Das gilt noch heute», erläutert Alfred Herzog. Auch Innovation hat ihren Platz. Guido Herzog hat als diplomierter Textilingenieur die Technologie des Webens für die Herstellung von Seilen weiterentwickelt. Seile können also nicht nur gedreht oder geflochten, sondern nun auch gewoben werden. «Etwas Rundes zu weben, das hat man lange für unmöglich gehalten und deshalb auch nicht ausprobiert. Diese Technologie ist ausbaufähig », ist Guido Herzog überzeugt. Apropos Zukunft: Die Firma Herzog zieht um. Ab Mai befindet sich die neue Produktionsstätte an der Menznauerstrasse. Dort wird die Herzog AG mit ihren zwei Vollzeit- und den mehreren Teilzeit-Angestellten einen abgetrennten Bereich der neuen Halle der Ackermann Fahrzeugbau AG nutzen.