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WILLISAU: Jungunternehmerin will Ehrenamtlichkeit professionalisieren

Eine Willisauer Firma bietet Vereinen neuerdings an, deren Administration zu übernehmen – von der Buchhaltung bis zum Marketing. Doch Verbände sind skeptisch.
Auch für die Organisation eines Turnfestes wie hier in Emmen braucht es viel Vorstandsarbeit. (Bild: Pius Amrein (14. Juni 2014))

Auch für die Organisation eines Turnfestes wie hier in Emmen braucht es viel Vorstandsarbeit. (Bild: Pius Amrein (14. Juni 2014))

Viele Vereine haben Mühe, Vorstandsmitglieder zu finden. Ob Sport-, Musik- oder Kulturverein, der Tenor ist häufig derselbe: Mitmachen will man, sich dar­über hinaus engagieren lieber nicht. Die Professionelle Geschäftsstelle für Vereine (PGFV) mit Sitz in Willisau möchte hier Abhilfe schaffen. Sie bietet den Vereinen Dienstleistungen in Administration, Buchhaltung, Marketing oder Eventplanung an. Geschäftsführerin ist Vanessa Kunz. «Ich möchte Vereine mit meinem Know-how unterstützen und die viel beschäftigten Mitglieder entlasten», sagt sie. Viele Mitglieder wiesen gerade bei administra­tiven Aufgaben wie der Buch­haltung keine Erfahrung auf, sagt die Willisauerin. «Hier kann ich professionell zur Seite stehen.»

Ihr Angebot richtet sich an alle möglichen Vereine. Erfahrung gesammelt hat die 27-Jährige etwa bei der Planung des Fes­tes zum 130-Jahr-Jubiläum des Gewerbevereins Willisau diesen August. 4000 Besucher kamen ins Städtli. Für den Gewerbeverein hat Kunz den ganzen Event geplant und das Marketing und Sponsoring erledigt. «Sie sorgte für einen perfekten Ablauf», lobt Gewerbevereinspräsident Peter Birrer. Als «Glücksfall» bezeichnet er, dass er mit Vanessa Kunz jemanden gefunden hat, der die Geschäftsstelle des Vereins nun «professionell» betreut: «Es ist fast unmöglich, jemanden zu finden, der eine solche 10-Prozent-Stelle ehrenamtlich belegt.»

Eben auch solche langzeitigen Dienstleistungen bietet Kunz an. «Jeder Verein wählt individuell, wie viel Arbeit er abgeben möchte», erklärt sie. Das komme auch immer auf die Grösse des Vereins sowie dessen Jahresaufwand ­an – und auf die finanziellen Möglichkeiten. Dementsprechend unterschieden sich die Kosten für die Aufträge, die pauschal oder nach Aufwand abgegolten werden, sagt Kunz, die ihren Lebensunterhalt mit der Firma sowie ihrer Eventagentur verdient. Konkrete Zahlen, wie viel zum Beispiel das Führen einer Vereinsbuchhaltung kostet, kann sie nicht nennen: «Das variiert sehr stark. Es gibt Vereine mit vielen Ein- und Ausgaben und solche mit ganz wenigen.» Könne es sich ein kleiner Verein nicht leisten, Aufgaben an die Firma auszulagern, helfe Kunz mit, neue finanzielle Mittel zu generieren, etwa mit einem Sponsoringkonzept und der Sponsorenakquise.

Mehrere Firmen bereits in dieser Branche tätig

Kunz’ Firma ist nicht die einzige Anbieterin in unserer Region, die Vereinen die Arbeit abnehmen möchte. Die IG Sport Grossregion Sempachersee beispielsweise wurde erst vor gut einem Jahr gegründet. Sie ist für die adminis­trativen Aufgaben des FC Sursee, des EHC Sursee und des Eisclubs Sursee verantwortlich. IG-Sport- Präsident Patrick Ineichen sagt: «Ich sehe die PGFV nicht als Konkurrenz, da wir als Non-Profit-Organisation anders organisiert sind und deshalb für Vereine basisdemokratisch direkten Support anbieten können.» Zudem gebe es «schon längst» ähnliche Unternehmen, die jeweils ihr eigenes Segment abdecken, so Ineichen.

Der Schenkoner ist aber überzeugt, dass solche Geschäfts­modelle den heutigen Anforderungen der Gesellschaft entsprächen. Das zeigten die viele Anfragen von Vereinen, die Unterstützung brauchen. Hat die Freiwilligenarbeit demnach ausgedient? Ineichen verneint: «Vereine leben von der Ehrenamtlichkeit! Genau diese stellen wir mit unseren Dienstleistungen sicher, indem wir die Mitglieder entlasten, sodass sie sich dem eigentlichen Tagesgeschäft widmen können.» In die gleiche Kerbe schlägt auch Vanessa Kunz: «Viele Leute engagieren sich zwar, aber mit immer weniger Enthusiasmus. Die Motivation der Mitglieder steigt wieder, wenn sie ihre eher ungeliebten Arbeiten abgeben können.»

Was sagen die Vereine über das neue Geschäftsmodell? «Ich sehe ein zunehmendes Bedürf­-nis nach Outsourcing von Auf­gaben», sagt Christoph Troxler, Präsident des kantonalen Blasmusikverbands. «Blasmusikvereine haben zunehmend Mühe, ihre Chargen in den Vorständen zu besetzen. Da kann eine professionelle Geschäftsstelle ein Lösungsansatz sein.»

«Das Angebot ist der Tod der Ehrenamtlichkeit»

Für Turnvereine eigne sich das Angebot nur teilweise, sagt Mirjam Hebeisen vom Turnverband Luzern, Ob- und Nidwalden. Der Grund: «Für Beratungen sind unsere Vereine gut vom Verband abgedeckt. Und das gratis.» Als Entlastung sei ein solches An­gebot aber «eine gute Idee», es sollte aber nur kurzfristig sein, so Hebeisen. «So verlockend es auch tönt, diese Dienstleistung ist der Tod der Ehrenamtlichkeit.» Ähnliches ist vom Innerschwei­zerischen Fussballverband zu hören. Dessen Präsident, Urs Dickerhof, sagt: «Es ist eine neue Entwicklung, dass man mittlerweile für eine Dienstleistung zahlt, welche bisher durch Freiwilligenarbeit gestemmt wurde.» Dickerhof gibt zwar zu, dass auch die Fussballvereine teilweise Mühe bekunden, Mitglieder für den Vorstand zu finden. Schliesslich finde man aber immer jemanden – das Angebot der Willisauer Firma sei deshalb für die Fussballer nicht matchentscheidend.

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Geschäftsführerin Vanessa Kunz. (Bild: PD)

Geschäftsführerin Vanessa Kunz. (Bild: PD)

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