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WILLISAU: Sie führt Bauern aus der Krise

Ausgebrannt und überlastet: Die Veränderungen in der Landwirtschaft machen Bauern zu schaffen. Nicole Amrein bietet Hilfe – und macht aus Landwirten Unternehmer.
Christian Hodel
Nicole Amrein (32) auf dem Hof in Willisau. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Nicole Amrein (32) auf dem Hof in Willisau. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Mit Kuhglocken verschafften sie sich Gehör: Gut 10 000 Landwirte demonstrierten gegen die Sparpläne des Bundesrates. Es waren gut geerdete Männer und Frauen, die sich Ende November auf dem Bundesplatz in Bern zur Wehr setzten. Nicole Amrein-Scherrer (32) aus Willisau kennt auch die andere Seite der Bauern. Sie hat mit solchen zu tun, die nicht mehr weiter wissen, teils in Tränen ausbrechen, weil die Belastung zu hoch ist oder die Ehe in die Brüche geht.

Coaching-Firma für Landwirte

Die studierte Agronomin hilft Landwirten bei Hofübergaben, entwickelt Betriebskonzepte und steht ihnen in Krisen bei. Bis im Februar will Amrein ein Coaching-Unternehmen für Bauern aufbauen. Dabei geht es nicht um Direktzahlungen oder Milchpreise, sondern um den Menschen, wie sie sagt. «Wer einen gut funktionierenden Betrieb will, muss zuerst die Fragen beantworten, will ich überhaupt Landwirt sein, und warum will ich das?», sagt Amrein und fügt an: «Eine echte Zukunft sehe ich nur für jene Bauern, die sich aus Überzeugung für die Landwirtschaft entscheiden.»

Vom Produzent zum Unternehmer

Die zweifache Mutter, die noch bis Ende Jahr am landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg im Aargau unterrichtet, ist während ihrer Lehrer- und Beratertätigkeit Bauern begegnet, die aus Pflichtgefühl den elterlichen Hof übernommen haben. Sie kennt Landwirte, die unter Burn-out leiden, überlastet sind und resignieren. Sie spricht von Bauern, die beim Melken täglich einen Verlust erwirtschaften – wegen der Arbeitsüberlastung oder den vermeintlich fehlenden Alternativen aber trotzdem nichts ändern. «Manchmal würde es einem Betrieb gut tun, wenn der Bauer eine Stunde pro Woche mehr im Büro sitzen würde, statt draussen auf dem Hof zu arbeiten.»

Bis in die 1990er-Jahre war der Schweizer Bauer per Gesetz für die Nahrungsmittelproduktion zuständig, der Staat sorgte für fixe Preise und garantierte die Abnahme. Heute spielt der Wettbewerb. Der Bauer ist innert kurzer Zeit vom reinen Produzenten zum Unternehmer, Vermarkter, Touristiker und Landschaftspfleger geworden. Milch, Fleisch und Kartoffeln machen noch einen Teil des Einkommens aus – Geld verdient er heute aber auch mit ökologischen Ausgleichsflächen, der Stromproduktion oder Ferienlagern auf dem Bauernhof.

Standortbestimmung von Zeit zu Zeit

Die Liberalisierung der Landwirtschaft hat das Berufsbild massgeblich geprägt. Amrein vergleicht die heutige Situation von Bauern mit jener von kleinen und mittleren Unternehmen. Und in jeder Firma müsse von Zeit zu Zeit eine Standortbestimmung gemacht werden. Warum soll das bei Bauernbetrieben anders sein? Das Problem ist nur: «Viele Bauern sind sich nicht bewusst, dass sie selbst ein entscheidender Erfolgsfaktor sind.»

Hier setzt Amrein an. Neues wagen heisst für sie die «eigenen Ressourcen zu kennen und diese zu nutzen». Es mache aus topografischen oder geografischen Gründen nicht überall Sinn, Direktvermarktung zu betreiben oder seltene Gemüsesorten anzupflanzen. Sie ist aber überzeugt: «Auch in der heutigen Zeit lässt sich auf einem Landwirtschafts­betrieb Geld verdienen, wenn sich der Bauer so gut wie möglich mit den Rahmenbedingungen arrangiert.» Und dabei spiele es keine Rolle, wie gross der Betrieb sei. «Auch 10 Hektaren Ackerland reichen für einen Landwirten, wenn er die Ressourcen entsprechend nutzt und Einnahmen und Ausgaben im Griff hat.»

Teils seien es nur kleine Dinge, die sie bei Gesprächen Bauern mit auf den Weg gebe. Etwa beim Kauf einer Maschine eine zweite Offerte einzuholen, statt sich mit den 10 Prozent Rabatt des ersten Verkäufers zu begnügen. Kurzum: Den Betrieb in die eigene Hand nehmen, lautet Amreins Devise. Dass dies aber nicht alle Bauern schaffen werden, ist sie sich bewusst. Ebenso, dass es Strukturen gibt, die Landwirte nicht beeinflussen können. Die Unterstützung durch den Bund etwa sei «Fluch und Segen zugleich». Einerseits brauche man die Gelder des Steuerzahlers dringend. Andererseits bestimmen so auch viele Parteien mit unterschiedlichen Interessen über die Rahmenbedingungen.

Bauern wie zu Gotthelfs Zeiten

«Manchmal sind die Regeln und Vorschriften fast eine Demütigung», sagt Amrein und nennt ein Beispiel: «Die Politik möchte eine Landschaft wie zu Gotthelfs Zeiten und unterstützt etwa die Errichtung von Lattenzäunen mit Bundesgeldern. Gleichzeitig sollen Landwirte innovativ sein. Das geht doch nicht auf.» Klar sei indes: Ohne die Direktzahlungen könne aktuell keiner der rund 54 000 Bauernbetriebe in der Schweiz überleben, da die Preise für die produzierten Lebensmittel die Kosten längst nicht mehr decken. «Man muss sich aber auch bewusst sein, dass ein Grossteil der ausgeschütteten Direktzahlungen wieder reinvestiert werden. Das Geld geht etwa an Futtermühlen, Maschinenhersteller, Bauunternehmer oder Tierärzte.»

Im nächsten Jahr bekommen die Schweizer Bauern 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen – 61,1 Millionen Franken mehr als vom Bundesrat vorgeschlagen. Dies hat das Parlament diese Woche beschlossen. Die Unkenrufe der 10 000 demonstrierenden Bauern wurden erhöht. Nicole Amrein blieb am Tag der Demonstration zu Hause in Willisau. Sie musste sich um ihre Söhne und den Hof kümmern, den sie zusammen mit ihrem Mann auf einem Hügelzug Richtung Menzberg führt. In einer Idylle, fast wie zu Gotthelfs Zeiten, züchten die Amreins Kühe und betreiben Milchwirtschaft. Amrein sagt: «Künftig wollen wir biologische Milch produzieren und bei den Kühen gänzlich auf Antibiotika verzichten.» Auch ihr Betrieb müsse sich verändern, um bestehen zu können. «Veränderungen sind nicht leicht und benötigen Zeit», sagt Amrein und zitiert den chinesischen Philosophen Konfuzius: «Doch auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.»

Jedes Jahr verschwinden in der Schweiz tausend Bauernbetriebe

Landwirtschaft chh. Täglich schliessen in der Schweiz im Durchschnitt drei Landwirtschaftsbetriebe. Häufig, weil sie zu klein oder ohne Nachfolge sind. Laut dem Bundesamt für Statistik gab es in der Schweiz im vergangenen Jahr noch gut 54 000 Betriebe – rund 10 000 sind innert zehn Jahren verschwunden. Im Kanton Luzern zählte der Bund 2014 noch 4746 Landwirtschaftsbetriebe, wovon 70 Prozent hauptberuflich betrieben wurden. Über 13 500 Personen arbeiten im Kanton Luzern in diesem Sektor – die Mehrheit (57 Prozent) in einem Teilzeitpensum. In der Zentralschweiz gibt es 8692 Bauernbetriebe. Im Kanton Uri sind es 602, in Schwyz 1647, in Obwalden 661, in Nidwalden 457 und in Zug 579 Höfe.

Die Schweizer Bauern erwirtschafteten 2015 laut ersten Schätzungen des Bundes rund 600 Millionen Franken. Das sind fast 11 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor. Die Hauptursache sind Preissenkungen bei der Milch- und der Schweinefleischproduktion.

220 Millionen Franken für Luzerner
Mit der neuen Agrarpolitik 2014–2017 zahlt der Bund den Bauern keine Beiträge mehr pro Tier, sondern entschädigt sie nach Grösse der Fläche. Für die Finanzierung der Direktzahlungen stehen den Schweizer Bauern bis 2017 jährlich 2,8 Millionen Franken zur Verfügung. 2014 wurden im Kanton Luzern 220 Millionen Franken Direktzahlungen an 4500 Landwirtschaftsbetriebe und 250 Alpen entrichtet.

Bauer – ein Beruf mit hohen Risiken

Burn-out chh. Knapp ein Fünftel der Erwerbstätigen in der Schweiz sind im Beruf starken Belastungen ausgesetzt, wie eine Erhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt. Schätzungen zufolge sind etwa 10 Prozent aller Arbeitnehmer, die in einem Risikoberuf arbeiten, vom Burn-out-Syndrom betroffen. Zahlen zu einzelnen Berufsgruppen gibt es nicht. Auch darum, weil in der Wissenschaft umstritten ist, wann effektiv von einem Burn-out gesprochen werden kann.

Klar ist hingegen: Der Beruf des Landwirts erfüllt Komponenten, die zu dieser psychischen Erschöpfungskrankheit führen können – etwa Stress und eine hohe Arbeitsbelastung. So wurden in der Land- und Forstwirtschaft 2014 laut dem BFS pro Arbeitsplatz die meisten Arbeitsstunden geleistet, im Vergleich mit den übrigen Branchen.

Christian Hodel

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