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WILLISAU: Wo Integration an ihre Grenzen stösst

Die Stadt fördert mit dem Tandem-Projekt die Integration von Migranten. Was sinnvoll tönt, erweist sich in der Praxis als schwierig.
Übersetzerin Hava Dzaurova (rechts) und die gebürtige Ukrainerin Svitlana Kovtsun Hodel (Mitte) sind Teil des Integrationsprojektes in Willisau. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Übersetzerin Hava Dzaurova (rechts) und die gebürtige Ukrainerin Svitlana Kovtsun Hodel (Mitte) sind Teil des Integrationsprojektes in Willisau. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Stephan Santschi

Ausländer sollen aktiver am Leben in der Gemeinde teilnehmen und mehr Verantwortung tragen. In etwa so lautete der Vorsatz der Hochschule Luzern, als sie sich 2011 auf die Suche nach Pilotgemeinden für Integrationsprojekte machte. «Teil-haben statt Geteilt-sein» nannte sie das Programm, das mit Bundesgeldern finanziert und auf Anregung der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen lanciert worden war. In Willisau, wo man sich gerade grundsätzliche Gedanken zum eigenen Integrationskonzept machte, stiess man auf offene Ohren. Und so gründete man im Luzerner Hinterland vor drei Jahren das Tandem-Projekt.

Die Idee dahinter: Freiwillige mit Migrationshintergrund, sogenannte Tandemfahrer, sollen neu zugewanderte Landsleute im Alltag unterstützen und ihre Erfahrungen weitergeben, die sie als Neuankommende seinerzeit gemacht haben. Angefangen hat man bei den Kleinsten in der Spielgruppe. «Weil wir mit der Integration ganz unten beginnen wollen. Und weil der erste und wichtigste Schritt der Integration die Sprache ist», erklärt Erna Bieri, Stadtpräsidentin von Willisau, das über einen Ausländeranteil von rund 10 Prozent verfügt.

«Ich wollte hier zuerst nicht leben»

Ende 2013 schloss die Hochschule Luzern das Gesamtprojekt ab, seither läuft das Programm in Willisau unter der Leitung von Bieri und Stadträtin Brigitte Troxler. In der Praxis sieht das so aus: Die Tandemfahrer begleiten Familien mit Verständigungsproblemen durch das Spielgruppenjahr. «Kinder und Eltern, die kaum Deutsch sprechen, sind in der Spielgruppe verloren», sagt Tandemfahrerin Anita Dedaj. Die 36-Jährige weiss, wovon sie spricht. Sie selber kam vor 18 Jahren aus dem Kosovo in die Deutschschweiz und beherrschte die Sprache nicht. «Im ersten Jahr habe ich hier nicht leben wollen», erinnert sie sich. Es sei deshalb ihr Bedürfnis, jenen, die nun in der gleichen Situation sind, zu helfen.

Neben Dedaj beteiligen sich sechs weitere Frauen an diesem Projekt – sie kommen aus Thailand, Eritrea, Syrien und wie Svitlana Kovtsun aus der Ukraine. Sie begleitete am Dienstag das Mädchen einer Russisch sprechenden Familie zum Start der Spielgruppe. Die Tandemfahrerinnen übersetzen die Informationen, damit Eltern und Kinder alles Wichtige mitbekommen und über schweizerische Gepflogenheiten wie Räbeliechtliumzug, Samichlaus oder Fasnacht orientiert werden. «Für uns ist es einfacher, über eine Tandemfahrerin mit dem Kind zu kommunizieren, als den Eltern mit Händen und Füssen zu erklären, wie es bei uns läuft», sagt Nadja Birrer, eine der Spielgruppenleiterinnen. Die Tandemfahrerinnen leisten dabei Fronarbeit. Stadtpräsidentin Bieri erwähnt aber, dass deren soziales Engagement unter anderem fördernd in Einbürgerungsverfahren einfliessen würde.

Kritik an der Lernbereitschaft

Was sinnvoll tönt, birgt aber auch Schwierigkeiten. Zwar habe man in Willisau fast 100 Prozent der fremdsprachigen Kinder in der Spielgruppe. Trotzdem sagt Birrer: «Ich bin mir nicht sicher, ob vielen Migranten wirklich bewusst ist, wie stark wir uns für sie einsetzen.» Das Tandemprojekt sei vor Ort wenig bekannt, «es wird nicht viel Werbung dafür gemacht». Manchmal fehle den neuen Migrantenfamilien auch die Bereitschaft, Deutsch zu lernen. Wenn man nicht richtig an die Leute herankomme, sei es manchmal schwierig, offen und aufgeschlossen zu sein, berichtet Birrer. «Teilweise ist es zeitaufwendig, die neuen Migranten zu kontaktieren. Dann, wenn keine Telefonnummer vorhanden ist und man vor verschlossener Tür stehen bleibt.»

Stadtpräsidentin mahnt zur Geduld

Probleme, die Stadtpräsidentin Bieri nachvollziehen kann, die sie aber nicht am Potenzial des Projekts zweifeln lassen. «Man darf jetzt nicht schwarz­malen, sondern soll die Eltern weiter für eine Zusammenarbeit motivieren. Das Zielpublikum zu erreichen, ist die grösste Herausforderung. Integrationsprojekte brauchen einen langen Schnauf.» Als Nächstes sei die Unterstützung von Familien mit Kindern im Kindergartenalter angedacht. Daneben könnten Tandemfahrerinnen bei weiteren Herausforderungen des täglichen Lebens unterstützend wirken. «Beispielsweise erklären, wie die Abfallentsorgung funktioniert, wo Sprachkurse angeboten werden oder wo die Mütter-/Väterberatung stattfindet.» Bieri erhofft sich von dieser gegenseitigen Unterstützung eine erleichterte Integration und eine soziale Vernetzung, von der beide Seiten profitieren.

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