WINTER: Störche bleiben öfter hier

Weissstörche verbringen den Winter normalerweise in Spanien oder Afrika. Das war einmal. Zahlreiche Tiere werden derzeit im Kanton Luzern und in der ganzen Schweiz gesichtet. Nun werden sie gezählt.

Susanne Balli
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Zwei Störche im Schnee: Solche Bilder zeigen sich auch in unserer Region. (Bild: Kurt Anderegg (Rapperswil-Jona))

Zwei Störche im Schnee: Solche Bilder zeigen sich auch in unserer Region. (Bild: Kurt Anderegg (Rapperswil-Jona))

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Auf einer Wiese nahe der Landi Buchrain hat sich zwischen Weihnachten und Neujahr ein Weissstorch aufgehalten. Mehrere Tiere wurden am letzten Samstag auch bei Wauwil entlang der Bahnlinie gesehen. Die Liste jüngster Storchensichtungen liesse sich beliebig weiterführen. Das erstaunt, denn die markanten weiss-schwarzen Vögel mit den langen rotfarbenen Schnäbeln und Beinen bieten auf reifgefrorenen oder schneebedeckten Wiesen ein ungewöhnliches Bild. Weissstörche sind eigentlich Zugvögel und sollten die Wintermonate in Zentralafrika verbringen. «Wir stellen aber fest, dass hierzulande im Winter immer mehr Störche anzutreffen sind», sagt Peter Enggist, Geschäftsführer der Gesellschaft Storch Schweiz, die 1976 als Gesellschaft für die Förderung des Storchenansiedlungsversuches gegründet wurde.

Diesen Samstag, 7. Januar, realisiert Storch Schweiz in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Vogelwarte Sempach eine Storchen-Winterzählung. «Wir führen dieses Projekt seit 20 Jahren erstmals wieder durch und möchten herausfinden, warum immer mehr Störche den Zug in den Süden unterlassen», so Enggist. Die Storchenzählung findet von 15.30 Uhr bis zum Einbruch der Dämmerung statt. «Alle Personen, die in dieser Zeit Störche sichten, sollen dies per E-Mail an storch-schweiz@bluewin.ch oder telefonisch unter 062 965 29 26 melden», sagt Enggist. Die Resultate werden wissenschaftlich genutzt.

Zugdrang kaum oder nur wenig entwickelt

In der Schweiz war der Weissstorch Ende der 40er-Jahre ausgestorben. Seit den 50er-Jahren wurde er hierzulande wieder angesiedelt; 1994 wurde letztmals ein Storch ausgewildert. Livio Rey, Mediensprecher der Vogelwarte Sempach, sagt auf Anfrage: «Die Störche des Auswilderungsprojektes haben den Zugdrang nicht oder nur schwach entwickelt und sind jeweils auch im Winter in der Schweiz geblieben.» Jüngere Störche fliegen laut Rey eher in den Süden. Aber auch deren Verhalten verändert sich seit längerem. Zahlreiche Störche fliegen im Winter nur noch bis Südspanien und Nordafrika oder bleiben gleich hier.

Anscheinend verliert nun auch die Destination Spanien für die Störche an Attraktivität. Peter Enggist sagt: «Am Flachsee im Kanton Aargau wurden am letzten Sonntag 36 Störche gesichtet. Einer davon konnte anhand seines Fussrings erkannt werden. Es handelt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um ein Exemplar, das im Herbst nach Spanien flog und bereits wieder zurückgekehrt ist.» Der Storchenexperte vermutet, dass diese aussergewöhnlich frühe Rückkehr mit neuen Richtlinien der EU zusammenhängt. «Nach diesen dürfen auf den Mülldeponien keine organischen Abfälle mehr entsorgt werden. Dies bedeutet für die Störche weniger Nahrung auf den Müllhalden in Spanien, und sie fliegen wieder früher zurück.»

Die Winterkälte macht Weissstörchen übrigens nichts aus, so Livio Rey. «Solange die Störche an genügend Nahrung in Form von Würmern oder Mäusen kommen, können sie problemlos hier überwintern.» Wenn sie längere Zeit nicht mehr genug Nahrung finden, fliegen sie etwas weiter südlich, aber nur so weit wie nötig. «Störche sind Wildvögel, man sollte sie nicht füttern. Sonst besteht die Gefahr, dass die Störche zu lange in einem nicht optimalen Gebiet bleiben», sagt Rey. Bei anderen Vogelarten ist die Fütterung hingegen eher unproblematisch (siehe Kasten).

Storchenpopulation wächst stark

Die Weissstorchenpopulation in der Schweiz wächst kontinuierlich. «In den letzten zehn Jahren verzeichneten wir bei der Anzahl der Brutpaare eine jährliche Zunahme von rund 10 bis 15 Prozent», sagt Peter Enggist. Im letzten Jahr wurden schweizweit 456 Brutpaare gezählt, ein Jahr zuvor waren es 389 Paare.