«Viele psychische Erkrankungen sind wie eingefroren» – die erwartete Welle bei der Luzerner Kinder- und Jugendpsychiatrie blieb aus

Der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie warnt vor Problemen beim Schulstart. Und er empfiehlt, den Medienkonsum bei Jugendlichen nicht zu stark einzuschränken.

Fabienne Mühlemann
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Bei der der Luzerner Psychiatrie (Lups) hat man sich im Geschäftsbereich Kinder- und Jugendpsychiatrie zu Beginn des Lockdowns auf eine Welle an Anfragen von verzweifelten Eltern eingestellt. Keine Schule, keine Freunde, keine Partys - das ist eine grosse Herausforderung für die jungen Menschen. Doch die Welle blieb aus, wie Oliver Bilke-Hentsch, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie sagt. «Wir verzeichnen keine grossen Veränderungen an Anfragen im Vergleich zur Zeit vor dem Lockdown.»

Oliver Bilke-Hentsch in seinem Büro.

Oliver Bilke-Hentsch in seinem Büro.

Bild: Patrick Hürlimann, Luzern, 5. März 2020

Das erstaunt, wenn man bedenkt, dass die Familien den ganzen Tag beisammen sind und dadurch ein gewisses Konfliktpotential entstehen könnte. Bilke-Hentsch erklärt: «Familienstress gibt es nur in Fällen, in denen das Kind keinen Freiraum hat. Ausserdem können viele Familien die Probleme intern klären.» Grundsätzlich nehme er in dieser Zeit auch sehr kreative und hochkompetente Eltern wahr, die ihre Kinder zu unterhalten wissen. Eltern, die sich andererseits grosse Sorgen um ihre Kinder machen, würden sie bei der Lups auch per Telefon gut beraten können. Wenn bei Therapien der persönliche Kontakt wichtig ist, gibt es auch die Möglichkeit, diese vor Ort mit Hygienemassnahmen durchzuführen. Er ist sich aber sicher: «Familien werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.»

Probleme dürften bei Schulstart auftauchen

Dass die Welle an Anfragen bei der Lups bis jetzt ausblieb, sei erfreulich. Es verberge sich aber auch eine Gefahr dahinter. Denn: «Viele psychische Erkrankungen sind momentan wie eingefroren», sagt Bilke-Hentsch. So seien die schulbezogenen Probleme, wie zum Beispiel Mobbing oder Konzentrationsprobleme, kaum vorhanden. Sie wandern in den Hintergrund, sind aber trotzdem da. «Wenn die Schule dann wieder beginnt, erwarten wir einen Anstieg von solchen Problemen. Auch die Lehrpersonen werden gefordert sein.»

Auch für Personen mit Depression oder Schizophrenie biete die Coronakrise eine Möglichkeit, sich zurückziehen zu können, ohne dass es von Mitmenschen gross bemerkt wird. «Wir nehmen daher aktuell auch nicht mehr Suizidversuche wahr, da der soziale Stress für kranke Jugendliche kaum vorhanden ist», so Bilke-Hentsch. Welche Auswirkungen dieser Rückzug nach der Coronakrise für Kranke haben wird sei unklar. «Es wird auf die Familien, Lehrer, die Gemeinden und die Freunde ankommen, Hinweise auf ernstere seelische Störungen zu erkennen und den Betroffenen zu fachlicher Hilfe zu raten.» Durch die vom Bund geplanten Lockerungen würden die psychischen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen wieder besser erkannt werden, die nun unter den Radar fallen.

Medienzeit nicht stark einschränken

Für viele Jugendliche und Kinder ist das Handy in der Coronazeit unentbehrlich geworden, da sie den Kontakt zu Freunden durch Whatsapp oder Instagram herstellen und damit sie sich sozial nicht abgeschottet fühlen. Führt das nun zu mehr mediensüchtigen Jugendlichen? Nein, findet Oliver Bilke-Hentsch, der sich in seinen Forschungen stark mit diesem Thema beschäftigt. Er halte es für unwahrscheinlich, dass nun viele Kinder oder Jugendliche süchtig werden. «Diese Generation ist mit dem Smartphone aufgewachsen. Sie sind daher weitgehend medienkompetent», sagt Bilke-Hentsch. Die Kunst bestehe für die Jugendlichen darin, insbesondere die sozialen Medien als Ablenkung im Alltag zu erkennen und nicht als reale Welt.

Er empfiehlt daher den Eltern: Die Medienzeit soll nicht zu stark eingeschränkt werden. «Es bietet sich nun die Chance, im häuslichen Umfeld einmal genauer zu erfahren, was die Kinder im Internet so machen». Wichtig sei, dass die Medien nicht passiv genutzt werden - dass die Kinder also nicht permanent Youtube-Videos schauen oder Instagram checken. Es bestünde die Gefahr des sozialen Vergleichs, welcher meist ein schlechtes Gefühl vermittelt. «Eher sollen die Medien aktiv genutzt werden - lieber Fifa spielen als Fussball gucken. Es ergeben sich auch kreative Möglichkeiten wie ein Video zu drehen oder kompetitive Spiele auszuprobieren.»

So nehmen die verschiedenen Altersgruppen die Krise wahr

Um zu eruieren, wie die Kinder und Jugendlichen grundsätzlich die Krise wahrnehmen, muss man gemäss Oliver Bilke-Hentsch die Altersgruppen unterscheiden:

-Kinder bis drei Jahren geniessen es, die Familie dauernd um sich zu haben.

-Die Drei- bis Sechsjährigen brauchen viel Bewegung und Anregungen von aussen.

-Die Sechs- bis Zwölfjährigen sind vernünftige Vertreter und können sich gut an die Regeln halten.

-Schwieriger wird es bei den Zwölf- bis Dreizehnjährigen. Sie schätzen Risiken als weniger hoch ein als zuvor und wollen sich von den Erwachsenen abgrenzen.

-Ab 16 Jahren nimmt diese Abgrenzung wieder ab, sie verspüren eher den Wunsch zur Mitarbeit. 

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