Diese Damen haben für den Bahnhofschalter in Nottwil gekämpft

Ende Jahr schliesst der Bahnhofschalter in Nottwil. Die drei Angestellten blicken auf eine intensive Zeit zurück.

Stephan Santschi
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Von links: Agnes Ottiger, Christine Bucher und Marie-Theres Murer führten den Bahnschalter Nottwil. 16. Dezember 2019)

Von links: Agnes Ottiger, Christine Bucher und Marie-Theres Murer führten den Bahnschalter Nottwil. 16. Dezember 2019)

Bild: Boris Bürgisser (

Am Montag, 30. Dezember, öffnet der Schalter im Bahnhof Nottwil zum letzten Mal. Bereits 1993 wollten ihn die SBB schliessen und zogen das Personal ab. Seither führt ihn eine Interessengemeinschaft als «Euse Bahnhof» auf privater Basis, bestehend aus der Gemeinde Nottwil, Buttisholz (bis 2015), dem SPZ und Hotel Sempachersee. Zuletzt war der Betrieb defizitär, die Nachfrage ging wegen der Digitalisierung zurück. Auch das Beratungszentrum für Handicapierte etablierte sich nicht als Nachfolgelösung, zudem stehen zwei Pensionen an.

Für die Stationshalterinnen Agnes Ottiger (64), Marie-Theres Murer (63) und Christine Bucher (46) geht eine Ära zu Ende. «Wir nehmen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Kenntnis», sagt Bucher. Lachend, weil die Arbeit abgenommen habe; weinend, weil es noch immer zahlreiche, dankbare Kunden gebe, die Zugbillett, Abonnement und Mehrfahrtenkarte am Schalter kaufen. Der nächste bediente Bahnschalter befindet sich in Sursee.

Umsatz um das Fünffache gesteigert

Christine Bucher stiess 2006 zum Nottwiler Team, «damals herrschte hier wirklich ‹Action›», berichtet sie. «Die Leute standen zeitweise am Schalter an und drinnen am Tisch sass ein Kunde beim Kaffee und liess sich über eine Reise beraten.» Seit 26 Jahren und damit von Beginn weg dabei sind Marie-Theres Murer und Agnes Ottiger. «Wir mussten Aufbauarbeit betreiben, denn schon damals hatten die SBB-Mitarbeiter die Order, Kunden an den Automaten zu schicken», sagt Murer und betont: «Wir haben für diesen Schalter gekämpft.»

Anfänglich hätten sie mit Comicschildern darauf hingewiesen, dass Billette auch am Schalter gekauft werden können. Den Umsatz steigerten sie von jährlich 300000 auf 1,5 Millionen Franken, in Spitzenjahren hatten sie bis zu 11000 Kundenkontakte. Ihre Arbeit war in Nottwil und Umgebung sehr beliebt. «Schokolade, Guetzli, Hautcreme, Blumen – wir haben immer wieder Geschenke der Wertschätzung erhalten», so Murer.

«Die Beziehung zu den SBB war ein Auf und Ab»

Weniger wohlwollend war die Haltung der SBB-Angestellten. «Es hiess, wir würden ihnen den Job wegnehmen», erinnert sich Murer. Und Ottiger erzählt, dass «wir den Leuten eben nicht die teuersten, sondern die günstigsten Billette ausstellten». Grotesk wurde es, als der Betrieb ohne Defizitdeckung der IG hätte geführt werden können. «Wir arbeiteten auf Provision. Beim Verkauf eines GAs etwa gab es neun Prozent. Diese Provisionen wurden in der Folge massiv gekürzt», so Ottiger.

Die Nottwilerinnen sollten also zum Aufgeben bewegt werden, doch das war für sie kein Thema. «Die Beziehung zu den SBB war ein Auf und Ab», sagt Murer und erwähnt schmunzelnd jenen Teilerfolg, als sie einen Beitrag für Betriebsausflüge erwirken konnten: «London, Goldenpass, Brüssel oder Glacier Express – wir haben einiges gemacht. Diese Erfahrungen nutzten uns dann ja auch wieder bei den Kundenberatungen.»

Zwei gehen in Pension, eine ist auf Jobsuche

Dass nun der Moment zum Aufhören gekommen ist, sei nachvollziehbar. «Es gab Nachmittage, da hatte ich noch drei Kunden. Zum Däumchendrehen möchte ich nicht hier sein», sagt Agnes Ottiger. Sie wäre seit letztem Mai pensioniert, «nun freue ich mich aufs Fotografieren, Reisen und Wandern». Marie-Theres Murer fehlen fünf Monate bis zum Ruhestand, «doch die lasse ich gut sein. Bald habe ich mehr Zeit für die Enkelkinder». Die dreifache Mutter und gelernte Detailhandelsangestellte Christine Bucher ist auf der Suche nach einem Job – «als Sachbearbeiterin am Telefon oder Empfang, wo ich meine Kundenfreundlichkeit einsetzen kann».Wer sich den Billettkauf am Handy erklären lassen will, eine Reise plant oder Abschied nehmen möchte, hat bis zum 30. Dezember Zeit. Dann wird mit Nottwil eine der letzten Bastionen privat betriebener Bahnschalter fallen. Ende 2020, wenn das Moratorium von National- und Ständerat ausläuft, ziehen die SBB allen Privaten den Stecker.