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Sans-Papiers-Beratungsstelle: Maria Holl hört denjenigen zu, die offiziell gar nicht hier sein dürften

Die neue Leiterin der Sans-Papiers-Beratungsstelle in Luzern berät Migrantinnen und Migranten, die sich ohne Bewilligung in der Schweiz aufhalten. Bei einem freiwilligen Engagement im Ausland wurde ihr klar: In der Schweiz leben wir in einer Seifenblase.
Ines Häfliger
Berät Migranten ohne Aufenthaltsbewilligung: Maria Holl. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 27. September 2018))

Berät Migranten ohne Aufenthaltsbewilligung: Maria Holl. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 27. September 2018))

«Rechte haben. Rechte bekommen.» Der Flyer an der Tür des Pfarreizentrums St. Anton macht deutlich: Hier an der Langensandstrasse setzt man sich für Sans-Papiers ein, also für Migranten, die sich ohne Bewilligung in der Schweiz aufhalten. Das Staatssekretariat für Migration geht von ungefähr 76 000 Sans-Papiers in der Schweiz aus. Die Dunkelziffer ist hoch, es handelt sich bei der Zahl nur um eine Schätzung. Viele der Sans-Papiers sind nicht registriert – sie leben im Schatten der Gesellschaft.

Seit September leitet Maria Holl die Luzerner Kontakt- und Beratungsstelle für Sans-Papiers. Ihre Vorgängerin Maria-Ursula Kind hat sich nach neun Monaten im Amt für ein Theologiestudium und gegen die Beratungsstellenleitung entschieden. Das Ethnologiestudium hat Maria Holl bereits hinter sich. Ursprünglich wollte sie sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren, doch dann sei sie «in den Asylbereich reingerutscht». Das Flair fürs Soziale wurde ihr in die Wiege gelegt. Holl ist die Älteste von sieben Geschwistern, der Vater ist Sozialarbeiter, die Mutter lebte ihr Nächstenliebe täglich vor.

Selbst freiwilliges Engagement ist verboten

Als sie mit 20 Jahren in Bolivien in einem Kinderspital Freiwilligenarbeit leistete, öffnete das ihr die Augen: «Ich realisierte, dass ich in der Schweiz in einer Seifenblase lebe. Und manchmal sehen wir sogar die Missstände im eigenen Land nicht.» Die Lage der Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus sei prekär, so die 37-Jährige: «Unregistrierte Sans-Papiers sind im Dauerstress. Sie leben in der ständigen Angst, aufzufliegen.» Nicht alle der Sans-Papiers sind völlig unsichtbar. Bei einem Nichteintretens- oder Negativentscheid des Asylgesuchs haben die abgewiesenen Migranten das Recht auf Nothilfe – falls eine Rückkehr in ihr Heimatland nicht möglich ist. Machen sie diesen Anspruch geltend, werden sie registriert. Ihr illegaler Status ist somit von den Behörden anerkannt. Unabhängig davon, ob jemand behördlich registriert ist: Die Perspektivenlosigkeit ist allen gemein. «Das treibt viele in die Verzweiflung», sagt Holl, die langjährige Erfahrung im Asylsektor mitbringt. Wunder könne sie keine bewirken, dessen ist sich die gebürtige Baslerin bewusst. Sans-Papiers haben weder das Recht, zu bleiben, noch das Recht, einer Arbeit nachzugehen. Selbst freiwilliges Engagement ist ihnen gesetzlich verboten. Bei der Arbeitssuche kann Maria Holl daher nicht helfen – auch wenn sie das gerne täte. «Der Mensch ist zufriedener, wenn er eine Beschäftigung hat.»

Bei Fragen in Bezug auf Gesundheit, Zugang zu den Gerichten oder Bildung steht sie den Sans-Papiers aber beratend zur Seite – diese Grundrechte gelten für alle. Die meisten der Ratsuchenden stammen aus Tibet, Afghanistan und Äthiopien. Doch auch Arbeitgeber, Schulen und Personen aus der Zivilgesellschaft nützen das Angebot. «Viele sind unsicher, was den Umgang mit den Sans-Papiers anbelangt.»

Der Handlungsspielraum der durch Kirchengelder und private Spenden finanzierten Beratungsstelle ist begrenzt. Doch eines kann Maria Holl: zuhören. «Es ist wichtig, den Menschen ein offenes Ohr zu bieten.» Sie erzählt von der grossen Dankbarkeit der Sans-Papiers: «Eine Eritreerin meinte nach der Beratung, das Gespräch sei für sie wie Nah- rung gewesen. Das beeindruckte mich.» Wenn die Perspektiven fehlen, müsse man sich mit den kleinen Glücksmomenten zu­friedengeben. Dennoch träumt Maria Holl von einer Lösung für die Menschen in der Illegalität. «Es wäre schön, wenn meine Arbeit irgendwann einmal überflüssig werden würde.»

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