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Direktorin des Krankenkassen-Dachverbands über die Kosten in den Spitälern: «Wir müssen Mass halten»

Verena Nold, Direktorin des Krankenversicherungsverbandes Santésuisse, kritisiert, dass immer mehr Leistungen erbracht werden – und dass Bettenkapazitäten geschaffen statt abgebaut werden.
Interview: Balz Bruder
Santésuisse, der Dachverband der Krankenkassen, kritisiert, dass auch kleine Spitäler auf teure Geräte setzen, wie hier ein MRI. (Symbolbild: Getty)

Santésuisse, der Dachverband der Krankenkassen, kritisiert, dass auch kleine Spitäler auf teure Geräte setzen, wie hier ein MRI. (Symbolbild: Getty)

Im Herbst rüstet das Zuger Kantonsspital mit einem Mammografiegerät mit Tomosynthese auf. Und im Januar eröffnet das Luzerner Kantonsspital in Zug eine Zweigstelle der Radioonkologie. Was sagt uns das?

Das zeigt, dass verschiedene Spitäler damit rechnen, auf diesem Gebiet gutes Geld zu verdienen. «Bildgebende Verfahren» sind auch darum interessant, weil sie einen «Einstieg» ins System darstellen. Wer beim Zuger Kantonsspital eine Mammografie macht, wird typischerweise auch für die Behandlung dieses Spital wählen. Dasselbe gilt in der Radiologie. Insgesamt führt das zu einem Wettrüsten der verschiedenen Akteure.

Angebot schafft im Gesundheitswesen Nachfrage. Es wird künftig also nicht nur mehr Behandlungen geben, sondern auch mehr Kosten.

Richtig, falls diese neuen Angebote nicht dem tatsächlichen ­Bedarf entsprechen, führt dieses Überangebot von medizintechnischen Geräten zu unnötigen Untersuchungen der Patienten und damit zu einer Kostensteigerung. Schliesslich müssen die Investitionen auch amortisiert werden. Dass ein grosses Angebot mit höheren Kosten einhergeht, ist empirisch gut belegt. So zeigt sich, dass eine hohe Dichte an Spezialärzten mit höheren Kosten verbunden ist.

Wenn es so wäre, dass alle Behandlungen, die durchgeführt werden, notwendig wären, sähe die Sache anders aus, oder?

Genau. Notwendige Behandlungen sollen selbstverständlich durchgeführt werden und die Übernahme dieser Kosten durch die obligatorische Krankenversicherung steht ausser Frage. Wenn wir aber zu viel verschiedene Angebote haben, besteht die Gefahr, dass mehr als notwendig für die Gesundheit der Patienten gemacht wird. So stehen je nach dem nicht mehr der Patient und die Qualität der Behandlung im Vordergrund – sondern das Portemonnaie.

Was ist vorzukehren?

Man gelangt in der Medizin immer mehr zur Erkenntnis, dass konservative Behandlungen, wo auf eine Operation vorläufig verzichtet wird, ebenso zum Ziel führen – bei geringeren Risiken und geringeren Nebenwirkungen. Zu rasche und unnötige Operationen führen zu einer ­ungerechtfertigten Kostensteigerung, die alle Prämienzahler mittragen müssen. Auch der Bundesrat hat festgestellt, dass nicht weniger als 20 Prozent aller Behandlungen unnötig sind.

Die Mengenausweitung findet vor allem im ambulanten Bereich statt. Da zahlen die Krankenversicherungen – und damit die Prämienzahler. Ein teurer Spass.

Aus der Perspektive der Gesamtkosten – also der obligatorischen Krankenversicherung und des Kantons – sind unnötige Untersuchungen und Behandlungen in jedem Fall teuer – unabhängig davon, ob die Behandlung nun ambulant oder stationär durchgeführt wird. Da die Grundversicherung bei einer ambulanten Behandlung 100 Prozent der Kosten trägt und im stationären Bereich nur maximal 45 Prozent, kann eine ambulante Behandlung den Prämienzahler stärker belasten. Dies führt zu Fehlanreizen bei Spitälern, Kantonen und Krankenversicherern. Um diese Fehlanreize zu reduzieren, fordern wir einen Systemwechsel hin zur gleichen Finanzierung von stationären und ambulanten Behandlungen.

«Unnötige Untersuchungen und Behandlungen sind in jedem Fall teuer - unabhängig davon, ob die Behandlung nun ambulant oder stationär durchgeführt wird»: Verena Nold, Direktorin des Krankenversicherungsverbands Santésuisse. (Bild: Gaetan Bally, Keystone)

«Unnötige Untersuchungen und Behandlungen sind in jedem Fall teuer - unabhängig davon, ob die Behandlung nun ambulant oder stationär durchgeführt wird»: Verena Nold, Direktorin des Krankenversicherungsverbands Santésuisse. (Bild: Gaetan Bally, Keystone)

Was bedeutet das für die Prämienentwicklung?

Was die Prämien angeht, ist man in der Zentralschweiz bislang noch einigermassen gut aufgestellt. Das müssen wir so beibehalten, sonst werden die Prämienzahler zu stark belastet.

Das ändert nichts daran, dass die Prämienlast auch in der Zentralschweiz steigt. Und damit auch die Gefahr, dass immer mehr Versicherte auf individuelle Prämienverbilligung angewiesen sind.

Ja, das ist mit ein Grund für die steigende Prämienlast. Und die Begehrlichkeiten – ob nun gerechtfertigt oder nicht – der verschiedenen Akteure werden nicht geringer. Fast täglich liest man von neuen Leistungen, welche die Krankenversicherung neu oder besser vergüten soll. Wir müssen Mass halten.

Aber es gibt auch Versorgungsverantwortung.

Natürlich ist wichtig, dass die sozialen Krankenversicherungen ihre Verantwortung wahrnehmen. Auf der andern Seite sind wir aber auch verantwortlich für die Prämienentwicklung. Hier sehen wir uns in der Pflicht, für die Prämienzahler einzustehen. Gleichzeitig ändern die Kantone – zum Beispiel Luzern – die Kriterien für die Anspruchsberechtigung bei der Prämienverbilligung. Gerechter wird das Gesundheitssystem dadurch nicht. Gravierend ist, wenn die Kantone ihren Beitrag kontinuierlich reduzieren. Eine Santésuisse-Studie aus dem Jahr 2013 zeigt, dass der untere Mittelstand bereits damals stärker belastet war als andere Einkommensklassen und auch Familien mit Kindern einen hohen Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Krankenkassenprämien aufwenden müssen.

Zurück zu den Spitalbehandlungen: Wenn mehr ambulant behandelt wird, sollte es einen Rückgang bei den stationären Behandlungen geben. Trotzdem planen die Kantone – wie Luzern – zusätzliche Bettenkapazitäten. Ist das nachvollziehbar?

Nein, das können wir nicht nachvollziehen. Aber überrascht sind wir nicht: Hier tritt das ein, was wir immer befürchtet haben. Listen mit Eingriffen, die nur ambulant durchgeführt werden sollen, wie sie der Kanton Luzern seit Mitte 2017 anwendet, sind nur sinnvoll, wenn gleichzeitig die Spitalinfrastruktur – konkret die Zahl der Spitalbetten – verkleinert wird. Santésuisse setzt sich für eine schweizweit einheitliche Liste von Eingriffen ein, die in der Regel ambulant durchzuführen sind. Diese Verlagerung führt bei gewissen Behandlungen zu Einsparungen bei den Gesamtkosten. Das müssen die Kantone in der Spitalplanung berücksichtigen und Kapazitäten ab- und nicht ausbauen.

Aber es gibt eine demografische Entwicklung: Immer mehr Leute werden immer älter und brauchen mehr Gesundheitsversorgung.

Die demografische Entwicklung macht die Menschen ja nicht automatisch ungesund. Es gibt sehr viele ältere Menschen, die fit und gesund sind. Dank dem medizinischen Fortschritt können immer mehr Behandlungen ambulant durchgeführt werden, deshalb braucht es in Zukunft eher weniger und nicht mehr Spitalbetten. Das ist auch im Sinne der Menschen, schliesslich ist jeder und jede lieber zu Hause als im Spital.

Wo ist der Hebel anzusetzen? Der Eindruck ist der, dass die Leistungserbringer gar kein Interesse an mehr Effizienz und weniger Kosten haben.

Das Kostenbewusstsein muss geschärft werden. Deshalb braucht es bessere Tarifsysteme als heute – insbesondere Pauschalen für ambulante Behandlungen setzen die richtigen Anreize.

Sagen Sie uns: Wer steht in der Pflicht? Und mit welchen Massnahmen?

Wir stehen alle in der Pflicht. Auch die sozialen Krankenversicherungen. Unsere Aufgabe ist es, für die Prämienzahler einzustehen. Beispielsweise indem sie Rechnungen der Leistungserbringer genau prüfen. Ausserdem müssen wir dafür sorgen, dass Ärzte, Spitäler oder die Pharmaindustrie nicht auf Kosten der Prämienzahler profitieren.

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