Wirten mit kleinen Hindernissen

Drei Brüder führen konfliktfrei den «Hirschen» in Oberkirch. Das ist erstaunlich, denn zwei der drei sind mit Down-Syndrom geboren worden. Am Donnerstag feiert der Luzerner Dokumentarfilm in Altdorf Schweizer Premiere.

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Die Hauptdarsteller Thomas, Markus und Andreas Wicki (von links). (Bild: PD)

Die Hauptdarsteller Thomas, Markus und Andreas Wicki (von links). (Bild: PD)

Andy und Thömeli Wicki, 41- und 47-jährig, können minutenlang eine Konversation führen über Bier, aus der man nicht mehr erfährt als den Namen des Produkts. Manche ihrer Sprüche - etwa «Ich mache, was ich sage» oder «Muttimäuschen» - haben schon fast poetisches Potenzial. Auf liebenswerte Art drollig auch eine Szene, in der Andreas winkt, worauf Thomas ihn ermahnt, das zu unterlassen. «Saumode», gibt Andreas zu, «s'isch nume wäge dr Kamera».

Im «Hirschen» in Oberkirch

Jedenfalls gibt es im «Hirschen» in Oberkirch, den Andreas' und Thomas' Bruder Markus führt, immer etwas zu lachen. Die Lehrtochter hat durch die beiden stets adrett gekleideten Küchenhelfer Geduld gelernt und ist nun weniger aufbrausend als früher, wie sie gesteht. Der Stift merkt die Behinderung der beiden angeblich schon gar nicht mehr. Und auch Chef Markus bezeichnet die Zusammenarbeit als «nahezu unproblematisch». Bei seinen Brüdern dauert halt alles etwas länger als bei andern. Dafür hat jeder seine Stärken, der eine kann besser schnetzeln, der andere besser bräteln.

Der Traum von einer besseren Gesellschaft

Und selbst wenn es ihm «manchmal etwas zu viel wird», zugleich Bruder und Vater der beiden zu sein, ist Markus Wicki überzeugt, dass die Gesellschaft eine bessere wäre, wenn mehr Behinderte in den normalen Alltag integriert würden, «authentischer, menschlich reicher, zufriedener».

Der Erstlingsfilm der Luzernerin Silvia Häselbarth Stolz vermag aber hinter der Güte, der Fairness und dem Bemühen um Toleranz der Nicht-Behinderten auch die Schattenseiten einzufangen: Den «Höllenschock» der Mutter etwa bei der Geburt des ersten behinderten Kindes und das Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit, als sie ein weiteres mit Down-Syndrom zur Welt bringt.

Auch die Hänseleien der Mitschüler, unter denen die «normalen» Geschwister litten und die unterdrückte Sehnsucht des Küchenchefs nach mehr Freiheit scheinen leise durch. Das ist gut gemacht, denn mit Beschönigung allein wäre dem Thema nicht Genüge getan.

Integration von Handicapierten ist keine einfache Sache, ihre Gettoisierung in Heimen und Werkstätten ist bequemer. Aber es sind die schwierigen Aufgaben, an denen eine Gesellschaft wächst, wie Markus Wicki sagt. «Leute, wacht auf» würde er manchmal gern den Politikern entgegenschreien.

sda

Hinweis:
Der Film feiert am 26. April im Kino Leuzinger in Altdorf Schweizer Premiere und wird anschliessend in vielen Deutschschweizer Kinos gezeigt.