WISSENSWERTES: Entlarvt: Gerüchte rund um die Fasnacht

Auf dem feucht-fröhlichen Boden der rüüdigen Zeit gedeihen Gerüchte über Alkohol, Affären und Arbeitsmoral. Wir sagen, was wirklich dran ist.

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Bild Angel Sanchez/Neue LZ.

Bild Angel Sanchez/Neue LZ.

Zur Fasnachtszeit herrscht in vielerlei Hinsicht Ausnahmezustand. Die Bundfaltenhose weicht dem Draculakostüm, das Feierabend-Cüpli dem Bierfass, und die Nacht wird mit ohrenbetäubendem Krach zum Tag gemacht. Dass solche Zustände nicht ohne Folgen bleiben, liegt auf der Hand. Doch welche Fasnachts-Klischees sind Fakt und welche eine blosse Mär?

Bei Dauer-Hochstimmung und morgendlichem Kater könnte man zum Beispiel meinen:

An der Fasnacht leidet die Arbeitsmoral!
Daniel von Arx, Kommunikationschef bei der Luzerner Kantonalbank, einem der grössten Arbeitgeber im Kanton, winkt aber ab. Unpünktlichkeit, Gähnattacken und andere Unseriositäten hatte die LUKB während der Fasnachtszeit äusserst selten zu beklagen. «Die wirklich angefressenen Fasnächtler kommen ohnehin nicht arbeiten – sie haben sich ihre Ferien auf Jahre hinaus entsprechend eingeplant», sagt von Arx. Der Februar sei bei den Mitarbeitern sehr beliebt, um Ferientage zu beziehen, auch um mit der Familie Ski fahren zu gehen. Dies erfordere zwar eine sorgfältige Planung, zu Engpässen habe es aber noch kaum geführt, denn es seien in dieser Zeit ja auch deutlich weniger Kunden zu bedienen. Übrigens: Das Bankpersonal darf am Schalter fasnächtliche Kleidung tragen. Masken sind dort jedoch aus Sicherheitsgründen für alle verboten.

Was uns zu unserer nächsten Behauptung führt:

Verkleidung hat eine enthemmende Wirkung!
In manchen Jahren konnte die AidsHilfe Luzern kurz nach der Fasnacht einen deutlichen Anstieg der Anfragen nach Aids-Test-Adressen verzeichnen. «Es gibt Anzeichen, dass Risikokontakte tatsächlich häufiger sind an der Fasnacht, obschon man das statistisch nicht erfassen kann», sagt Stellenleiterin Marlies Michel. «Es ist zu vermuten», erklärt sie, «dass eine Maskierung, also ein Verhüllen der eigenen Identität, nebst Alkohol oder anderen Drogen zu einem gesteigerten Risikoverhalten beiträgt. Moralvorstellungen und Grenzen werden an der Fasnacht teilweise gelockert.»

Auch Maya Wyss vom Telefon 143 Zentralschweiz (Dargebotene Hand) hat beobachtet, dass nach der Fasnacht oftmals mehrere Hilfesuchende von einem Seitensprung berichten, oder sich inmitten des bunten Treibens in eine verheiratete Person verliebt haben.

Dass solche Eskapaden «nicht ohne Folgen» bleiben, galt früher als ungeschriebenes Gesetz. Und heute?

Neun Monate danach gibts einen Babyboom!
Das ist eindeutig nicht so. Wenn man die Geburtenzahlen der Zentralschweizer Kantone der letzten acht Jahre vom Bundesamt für Statistik analysiert, sind eher die Sommermonate besonders geburtenreich. Was, wenn schon, eher für einen Zeugungs- als einen Geburtenboom im November spricht. Nur gerade dreimal sticht im untersuchten Zeitraum der November als besonders geburtenreich heraus, und zwar im Jahr 2002 in Obwalden (37 Geburten) und in Schwyz (129), sowie im Jahr 2003 in Uri (34). Entweder sind das Zufälle, oder alle anderen haben eben besser «vorgesorgt».

Geburtenkontrolle hat Hochkonjunktur!
Aber auch das ist eine Mär, wie die Verkaufszahlen von Kondomen bei der Migros bestätigen. «Wir stellen an der Fasnacht keine grössere Nachfrage nach Kondomen fest», sagt Florian Meier von der Genossenschaft Migros Luzern. «Vielleicht werden sie in dieser Zeit tatsächlich mehr gebraucht, aber man hat sie einfach schon zu Hause auf Vorrat», vermutet er. Auch die Nachfrage nach der «Pille danach» steigt übrigens an der Fasnacht nicht an, wie uns Marina Lieber von der Luzerner Falken-Apotheke bestätigt.

Ob nun das fasnächtliche Paarungsverhalten jenseits des Ehebetts mehr Nachwuchs generiert oder nicht, die «Krise danach» ist programmiert.

Nach der Fasnacht kommt die (Beziehungs-)Krise!
«Die Fasnacht ist ein Highlight, auf das sich viele Menschen das ganze Jahr lang freuen», sagt die Psychotherapeutin Edith Oswald Jakob aus Luzern. «Psychologische Hilfe wird daher während dieser Zeit eher weniger benötigt – das Volksfest wirkt wie ein vorübergehender Rettungsanker.» Danach folge tatsächlich nicht selten ein «Taucher», der einen die Leere wieder spüren lasse. Und die Agenda der Psychologin füllt sich wieder.

Ein weiteres Indiz kommt aus der Immobilienbranche. «Wir bekommen jedes Jahr in den Tagen nach der Fasnacht auffallend viele Telefonate von Männern und Frauen, die wegen einer Trennung ganz dringend und per sofort eine neue Wohnung suchen.» Dies sagt uns ein Mann von einer Zuger Baugenossenschaft, der allerdings aus Diskretionsgründen seiner Mieterschaft gegenüber anonym bleiben möchte. Er frage jeweils nicht nach den genaueren Umständen der Trennungen, es klinge jedoch verdächtig nach Fasnachtsaffären, Rausschmiss und ausgewechselten Schlössern.

Von wegen Schlösser: Dass ein richtiger Fasnächtler beim Nachhausekommen das Schlüsselloch nicht mehr findet, ist wohl das Fasnachts-Klischee Nummer eins.

Fasnacht fördert den Alkoholismus!
Die Psychotherapeutin Edith Oswald Jakob arbeitete früher in einer Suchtklinik für Alkoholkranke und weiss, dass jeweils in der Fasnachtszeit viele happige Rückfälle zu verzeichnen waren. Auch war ersichtlich, dass bei zahlreichen Patienten die Sucht einst durch Gruppenzwang an der Fasnacht (oder im Militär) ihren Anfang genommen hatte.

Auch bei vielen «Gesunden» ist Kampftrinken an der Fasnacht Programm: Marina Lieber von der Falken-Apotheke weiss, dass sich Fasnächtler meist schon vor dem bunten Treiben mit ausreichend Alka Seltzer für das berühmte Kopfweh am Tag danach eindecken.

Laut Jan Rosenkranz, Leiter Notfall Chirurgie am Kantonsspital Luzern, wurden an der letztjährigen Fasnacht etwa 25 Prozent mehr Notfälle behandelt als in einer normalen Woche. Einen Grossteil dieser Verletzungen stellt er in Zusammenhang mit Alkoholüberkonsum, wie zum Beispiel Gehirnerschütterungen in Folge von Stürzen oder tätlichen Auseinandersetzungen.

Guuggenmusig macht taub!
Ohrenschmerzen und Schwerhörigkeitsprobleme scheinen hingegen keine typischen Fasnachtserscheinungen zu sein. Laut Dr. Jan Rosenkranz häufen sich diese Fälle im Kantonsspital zur Fasnachtszeit nicht. Gehörschütze gehören schliesslich zu den am häufigsten verkauften Artikeln in der Falken-Apotheke – neben dem erwähnten Alka Seltzer, allgemeinen Grippemitteln und Lippenpflege für Musikanten.

Was uns die Stichwörter zu den letzten zwei Fasnachts-Klischees gibt:

Guugger sind musikalische Laien!
Es ist tatsächlich so, dass etwa zwei Drittel aller Guugger ausserhalb der Fasnacht keine Instrumente spielen und dieses erst drei Monate davor wieder zum Üben hervornehmen. Alceo Benedetti, Präsident der Vereinigten Guuggenmusigen Luzern, hält jedoch fest, dass die Qualität in den letzten Jahren angestiegen ist. Es entstünden immer mehr Kleinformationen aus Guuggen, die auch unter dem Jahr spielen.

Und wie steht es mit der Behauptung, Guuggen leiden unter Mitgliederschwund? «Das stimmt ganz und gar nicht», sagt Alceo Benedetti. Der «Vereinigten» seien seit Jahren gleich viele Guuggen angeschlossen. Während einige tatsächlich wegen zu weniger Mitglieder eingegangen seien, seien ebenso viele neue Guuggen entstanden.

Das Wetter ist an der Fasnacht immer garstig!
Stephan Bader von Meteo Schweiz hat für uns im Archiv die Aufzeichnungen des Zentralschweizer Wetters der letzten vier Fasnachten durchstöbert. Sein Befund: Der Eindruck täuscht. Schöne und trübe Tage hielten sich so ziemlich die Waage. In den Jahren 2006 und 2008 herrschte vorwiegend Wetter zum Drinnenbleiben. Zum Beispiel am 23. Februar 2006 – passend für den «Schmutzigen» Donnerstag: «Mit Hochnebel ganzer Tag trüb, zeitweise etwas Nieselregen.» 2005 und 2007 überwogen indes das schöne Wetter. Am Güdisdienstag 2007 verzeichnete Meteo Schweiz beispielsweise: «Ganzer Tag sonnig und frühlingshaft mild.»

Annette Wirthlin