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WOHNEN: Verzweifelt gesucht: Wohnung in Luzern

Wer in der Stadt Luzern mit Kind und Katze auf Termin eine Wohnung finden muss, erlebt zumindest Abenteuer. Protokoll einer Wohnungssuche.
Das St.-Karli-/Bramberg-Quartier gilt als beliebte Wohngegend in Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Das St.-Karli-/Bramberg-Quartier gilt als beliebte Wohngegend in Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Edith Arnold

Unsere Kündigung wegen Eigenbedarfs datiert vom 30. Juni 2014 auf den 30. September 2014. Die Begründung des Hausbesitzers: Sein Sohn lebe seit dem Auslandaufenthalt in einem verschimmelten Zimmer im Privathaus. Zudem sei uns ein weiterer Umbau nicht zuzumuten. Das Erdgeschoss werde nach der Schliessung der Brockenstube umfassend saniert. Tatsächlich sind wir die Einzigen, die seit der Renovation 1999 ständig im Wohnhaus leben. Rund zwei Jahre lässt sich Eigenbedarf hinauszögern. Vor der Schlichtungsbehörde einigen wir uns am 25. September auf den 30. Juni 2015 als Auszugstermin. Als Entschädigung für die Planungssicherheit sollen 5000 Franken fliessen. Doch die Wohnung an der St.-Karli-Strasse verlässt man nicht gerne. Sie liegt strategisch gut und hat durch die Werkterrasse etwas Individuelles. Auch die Tochter, eine Zweitklässlerin, ist hier gut vernetzt.

Eine Bekannte träumt, sie habe uns an einem prächtigen neuen Wohnort besucht: Wartet also noch Besseres auf? Suchabos werden auf Newhome, Alle-Immobilien, Homegate, Comparis etc. eingerichtet. Gute Seelen versprechen, Angebote im Intranet sofort zu melden. Doch dann passiert auf Jahresende hin fast nichts im Quartier zumindest unter 2500 Franken inklusive Nebenkosten. Am Stichtag 1. Juni 2014 ermittelte Statistik Luzern eine Leerwohnungsziffer von 0,91 Prozent in der Stadt. Ich streife durch die Bramberg-Zone: Wo sind Freiräume? Zuoberst an der Mühlemattstrasse steht ein leergekündigtes Jugendstilhaus.

Katze? Das ist zu viel

Ob der Flaute verpasse ich fast das Inserat «Nachmieter in wunderschöne Jugendstilvilla mit riesigem Zaubergarten» gesucht. WG-tauglich und kinderfreundlich müsse man sein. Ein privates Cluster-Modell? Nichts wie hin! Bei der Anmeldung schreibe ich «1 Katze» hin. Das ist zu viel: Der Hausbesitzer dulde keine Haustiere, sagt die Verwaltung. Das Rennen gewinnen zwei Parteien: eine Studentin und ein Vater mit Trennungshintergrund. Soll ich mehr auf Drama machen? Kündigung infolge Eigenbedarfs! Tochter will in derselben Schule bleiben!

Anhaltende Nachfrage

Im «Immo-Monitoring 2015/2» von Wüest & Partner in Zürich leuchtet Luzern orange. Robert Weinert, der Leiter der Publikation, erklärt: «Die Preise in der Innerschweiz steigen seit 2010 stärker als in der Region Zürich, wo bereits ein hohes Niveau erreicht ist. In der Innerschweiz wurden neue Arbeitsstellen geschaffen. Zudem ist Luzern gut an den Wirtschaftsgrossraum Zürich angeschlossen. Das macht die Stadt noch attraktiver.» Die Prognosen für 2015: «Im höherpreisigen Segment schwächt sich die Nachfrage weiter ab respektive verlagert sich weiter ins Wohneigentum. Im preisgünstigen Segment an gut erschlossenen Lagen besteht ein anhaltender Nachfrageüberhang.»

Suche wird zum Nebenjob

Eine Wohnung nahe der Schule ist ausgeschrieben. Doch die grosszügige Wohnung zwischen Kapelle, Kirche und Pfarreiheim ist wohl eher etwas für klassische Familien. Ich erspare mir die Absage.

Drei bis vier Zimmer im Quartier die Suche wird zum Nebenjob. Als zusätzliche Strategie rufe ich Hausbesitzer an. Der Sound der Abbruchmaschine, der vom Erdgeschoss hochdröhnt, scheint für den Zweck ideal: Wir suchen eine neue Wohnung. Wird in Ihrem interessanten Haus zufällig etwas frei? Bei Spaziergängen sehe ich Verdichtungspotenzial: Einige Kelleretagen von stattlichen Häusern könnten zu Gartenwohnungen umfunktioniert werden. Waschküchen mit Aussicht aufs Grüne sind Luxus pur.

Nur für langjährige Mieter

Zwischendurch erlaube ich mir den Spass, Wohnungen für über 4000 Franken anzuschauen. Beispielsweise jene aussichtsreiche bei der Museggmauer: Unter solchen Stuckaturen lässt es sich wohl gut vom intensiven Job erholen. Trotzdem verlassen die Expats das Etablissement wieder Richtung New York.

Äusserst beliebt bei Familien ist die Tribschenstadt. Bei der Wohnbaugenossenschaft ABL haben derzeit nur langjährige Mitglieder eine Chance. Vielleicht hätte man die 3,5-Zimmer-Wohnung für 2190 Franken von der Lubag doch schnappen sollen. An der Industriestrasse und an der oberen Bernstrasse sind gemeinnützige Wohnsiedlungen geplant. Wegen des Minergie- und 2000-Watt-Standards muss wohl auch dort mit Preisen um 2000 Franken gerechnet werden.

«Charmante 4-Zimmer-Wohnung mit Badeplatz an Reuss» für 1350 Franken inklusive etwas Gartenarbeit. Das wäre ideal für eine Journalistin für Ökologie und Lifestyle. Doch der Besitzer wünscht keine Kinder, wie die Dame von der Verwaltung sagt. Anscheinend handelt es sich um einen Dr. in Biologie. Die Wohnung geht an ein doppelverdienendes Paar.

Aus dem herausgebrochenen Holz im Erdgeschoss richtet sich mein Girl einen Geheimplatz ein. Für einen Bandenort ist die Location ziemlich cool. Eigentlich kommt sie auch den neugierigen Polizisten und Polizistinnen gelegen: Die umdefinierte Zone hält Obdachlose fern. «Vielleicht haben Sie den Schlüssel zu einem Schloss?»: Ich entschliesse mich, Flyer zu produzieren und diese an bestimmten Orten auch in anderen Quartieren zu platzieren. Postwendend meldet sich jemand von einer Lieblingsadresse. Es werde etwas frei, ich solle mich im Sommer wieder melden. Weitere Inserate kommen auf Webseiten von Ron Orp, Tutti, Anibis, Facebook.

Zwielichtige Angebote statt Vertrag

Nach Ostern klingelt das Telefon. Ob mich die Wohnung noch interessiere, die ich vor ein paar Wochen angeschaut habe?, fragt der Hausbesitzer von der Mühlemattstrasse. Es sei unglaublich, genau diese Wohnung werde nun per 1. Oktober frei. Die Miete bleibe mit 1700 Franken für gut 100 Quadratmeter gleich. Ein Depot brauche er nicht. Natürlich!, jubiliere ich. Worauf er meint, dann dürfe ich mich freuen. Wir verabreden uns eine Woche später. Inzwischen möchten langjährige Mieter von ihrer 3- in die 4-Zimmer-Wohnung wechseln. Ich gebe das Okay für die kleinere Wohnung. Bereits sehe ich mich im Jugendstilhaus wohnen. Ringsum Schulgenossinnen, mit denen mein Girl spielen kann. Ein Angebot in einem anderen Quartier sage ich ab. Statt des Vertrages treffen dann Einladungen für Ausflüge in den Süden im Briefkasten ein. Zudem erreicht mich die Information, dass die Schwester einer anderen Mieterin unbedingt in dieselbe 3-Zimmer-Wohnung ziehen möchte obwohl sie bereits in der Nachbarschaft wohnt. Es stehe nun fifty-fifty, sagt der Hausbesitzer. Wir sollen es untereinander besprechen. Niemand will von den Eigeninteressen abrücken. Vor dem älteren Herrn in den Ring steigen?

Auf Hinter-Bramberg leeren sich Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern, die abgerissen werden. Bis 31. Januar 2016 kann man sie im Ist-Zustand mieten. An der Libellenstrasse liesse sich bis Ende 2017 hausen. Von einer Wohnung auf Zeit in die nächste ziehen? «Gentrifiziert euch selber!» prangt seit kurzem an einer renovierten Fassade Anfang Bernstrasse. Hoffentlich drohe das nicht auch ihrem Gebäude weiter oben, sagt Irene Haas von Ubinas. Im «denkmalgeschützten Haus» wäre gerade eine restaurierte 4-Zimmer-Wohnung für 2450 Franken frei. Für drei Studenten eine bezahlbare Möglichkeit.

Die Notfallstrategie

Quartieraufwertung durch hohe Mietzinse? Verdrängung oder Durchmischung der Bewohner? Ubinas verwaltet auch teure Objekte an der vormals günstigen Lindenstrasse. Die Bilder, die seit Monaten im Internet hängen, zeugen von Stil: Anhydrit-Steingussböden, Sichtsteinmauern, Holzbalken, Eisentreppen zur Galerie. Trotzdem stehen bald wieder zwei Wohnungen, 80 Quadratmeter für 2300 Franken, leer. Sie seien mit anderen Angeboten voll beschäftigt, beschwichtigt Haas. Über Easy-Living bietet man möbliertes Wohnen auf Zeit an. Haas führt mich zu einem jüngeren Mann, der mir entsprechende Prospekte überreichen soll. Er stellt sich als Sohn unseres Hausbesitzers heraus. Genau er will also von der verschimmelten Zelle in «meine» Wohnung ziehen. Gut, dass man sich bei dieser Gelegenheit mal in die Augen schauen könne, meint er mit einem bestimmten Lachen. Seine Möbel würden übrigens pünktlich angeliefert.

Bis zum 30. Juni bleiben noch rund 30 Tage. Immerhin scheinen diese durch die schlaflosen Nächte mehr Stunden zu haben. Die Notfallstrategien? In den goldenen Türmen bei der Allmend gibt es zuverlässig freie Wohnungen. Gerade kommt eine SMS mit einem «Wohnungsangebot unter der Hand» an. Es bleibt spannend.

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