WOLHUSEN: Nach 50 Jahren als Schiedsrichter gibt er die Pfeife ab

Karl Baumann hat 1964 als 16-Jähriger sein erstes Fussballspiel gepfiffen. Damals stand er unter Strom – im wahrsten Sinne.

Roger Rüegger
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Karl Baumann (66), gestern auf dem Sportplatz Blindei in Wolhusen, war 50 Jahre lang Schiedsrichter. (Bild Pius Amrein)

Karl Baumann (66), gestern auf dem Sportplatz Blindei in Wolhusen, war 50 Jahre lang Schiedsrichter. (Bild Pius Amrein)

Nach seinem ersten Meisterschaftsmatch als Schiedsrichter hat Karl Baumann (66) das Spielfeld fast fluchtartig verlassen. «Es war beim Derby Ruswil gegen Sursee. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich vermutlich einige grobe Fehlentscheidungen getroffen habe. So kroch ich unter einem Elektrozaun einer Viehweide durch und rannte über das Feld zum Schulhaus, wo die Schiedsrichterumkleidekabine war», erinnert er sich. Unter dem geladenen Zaun habe es ihm noch eins gezwickt.

Im Nachhinein betrachtet sei die Situation aber gar nicht so arg gewesen. «Damals dachte ich, dass es besser sei, zu verschwinden, bevor mir ein Spieler einen Tritt in den Hintern verpasst. Aber richtig böse war niemand auf mich», so der Wolhuser lachend. Die Spieler seien gleich alt gewesen wie er und hätten wohl nur einige Entscheide diskutieren wollen nach dem Spiel.

«War kein guter Tschütteler»

Das war vor 50 Jahren. Dass er sich für eine Karriere als Schiedsrichter und gegen die eines Fussballers entschied, hatte einen simplen Grund und basierte auf Zufall. «Ich war kein guter Tschütteler. Als ich eines Tages mit dem Zug nach Luzern fuhr, traf ich einen aus einer Nachbargemeinde, den ich vom Fussballspielen her kannte. Er erzählte, dass er einen Schiedsrichterkurs besuche, und schwärmte davon.» Baumann, der damals in Luzern eine Lehre als Automechaniker absolvierte, meldete sich ebenfalls für einen Kurs an und wurde alsbald mit 16 der jüngste Schiedsrichter im Innerschweizerischen Fussballverband (IFV), wahrscheinlich sogar der jüngste der Schweiz.

Bald hörte Kari – er bietet seinem Gesprächspartner nach wenigen Gesprächsminuten das Du an – mit Fussballspielen auf. «Ich ging noch für zwei Jahre zum FC Entlebuch. Doch mein damaliger Trainer Adrian Kiener sah, dass ich kein Riesentalent bin. Er sagte: Charly, du spielst linker Flügel.» Dort konnte er am wenigsten Schaden anrichten. Den Wink des Trainers verstand er und entschloss sich mit 20, die Fussballschuhe an den Nagel zu hängen.

Als Schiedsrichter aber hatte er Ambitionen. «Ich nahm jeden Match, der mir angeboten wurde.» Pro Saison muss ein Schiedsrichter zwölf Spiele pfeifen, Baumann leistete aber stets mehr Einsätze. «Zu Spitzenzeiten leitete ich drei Spiele in der Woche», sagt er. Mit der Zeit stieg der ehrgeizige Schiri durch seine Leistungen in höhere Ligen auf. Bis er Ende der 70er-Jahre in der Oberliga angekommen war und fast drei Saisons Spiele in der 1. Liga leitete.

Kudi Müller wollte Spiel abbrechen

Wenn Kari Anekdoten zum Besten gibt, geht ein Gespräch locker in die Verlängerung. Sie handeln von Tessiner Linienrichtern, die partout kein Abseits gegen Giubiasco anzeigten. Oder von Kudi Müller, dem Spielertrainer des SC Kriens, bei einem Spiel gegen seinen Stammverein Emmenbrücke. Dieser drohte nach einem nicht gegebenen Abseits, das zu einem Tor führte, mit dem gesamten Team den Platz zu verlassen. «Ich erinnerte Kudi, dass es keine gute Idee sei, das Spiel zu verlassen», schmunzelt Baumann. Kudi Müller und sein Team spielten fertig. Schiedsrichter Baumann setzte sich abermals durch. Er verdiente sich einen Ruf, der ihm vorauseilte.

Oft war seine Ehefrau Trudy (54) am Spielfeldrand. Sie erlebte dabei etliche Dinge, die ihr Mann nicht mitbekommen hatte: «Ich hörte oft, dass Spieler vor einer Partie sagten: Uiii, de Buume pfifft. Höt müemmer ruhig si ofem Platz», berichtet die Frau, die eine Menge von Fussball versteht und ebenfalls gerne Schiedsrichterin geworden wäre. Leider habe es beruflich nicht gepasst.

Lob und Tadel von Roger Berbig

Die Warnung der Spieler spricht für sich: Karl Baumann hatte die Spiele und die Spieler im Griff. Als Schiri habe man es etwas einfacher gehabt als heute. «Ich habe einen Generationenwechsel erlebt. Polizisten, Lehrer, Pfarrer und Schiedsrichter waren früher Respektspersonen. Ein Schiedsrichterentscheid war unumstösslich.» Heute müsse der Unparteiische manchen Entscheid begründen, weil fast jeder Pfiff von den Spielern kommentiert werde. Dennoch erlebte Baumann selber niemals – abgesehen vom ersten Spiel –, dass es während oder nach dem Spiel brenzlig wurde.

Erlebnisse, auf die er gerne verzichtet hätte, gibt es einige. Etwa das Nationalliga-A-Spiel, bei dem er als Linienrichter ein Abseits nicht signalisierte, was zu einem Gegentor für GC führte. «Der damalige GC-Goalie Roger Berbig kam nach dem Spiel zu mir und bedankte sich für meinen Einsatz mit den Worten: ‹Heute haben wir beide nicht fehlerfrei gespielt.›» Ein Lächeln huscht über Baumanns Lippen. Dieser Berbig sei ein hochanständiger Sportsmann gewesen, zu dem er und viele seiner Schiedsrichterkollegen hochgeschaut hätten.

Mittagsschlaf war Pflicht

Die Zeit als Linienrichter in der Nationalliga A war die eindrücklichste in Baumanns Karriere. Auch wenn es merkwürdige Vorschriften gab. So habe das Schiedsrichter-Trio bei Abendspielen unter der Woche immer am Nachmittag in einem vom Fussballverband bezahlten Hotel am Spielort sein müssen. «Um 15 Uhr mussten wir uns schlafen legen, damit wir am Abend ausgeruht waren.»

In dieser Zeit hatte er auch Linienrichtereinsätze in der Europaliga. Für Spiele auf Malta und in Belgien wurde er aufgeboten. Ausserdem leitete er Länderspiele der Damennationalmannschaft und auch einige internationale Juniorenspiele. So jenes der Sowjetunion gegen Island, das in Entlebuch stattfand.

Gibt es ein Abschiedsspiel?

Das ist nun vorbei. Kari Baumann hat nach 50 Jahren als Schiedsrichter und 32 Jahren als Inspizient genug. So viele Jahre als Schiri agierten in der Schweiz nur wenige. Beat Dittli, Präsident Schiedsrichter-Kommission des IFV: «Beim IFV ist er der Erste. Gesamtschweizerisch gab es höchstens vier, die so lange aktiv waren.» Aktuell sind in der Innerschweiz 445 aktive Schiedsrichter gemeldet.

Baumann weiss, worauf es ankommt: «Wenn sich ein Schiedsrichter natürlich verhält und Autorität zeigt, kommt er durch. Man darf nicht schauspielern, das merken die Fussballer.» Das Schönste für ihn war, dass er mit den besten Schiedsrichtern der Schweiz auftreten durfte. «Das war für mich eine Ehre.» Seinen bisher letzten Einsatz hatte er bei der Veteranenpartie Südstern gegen Wauwil. Sie endete 7:1 zu Gunsten des Luzerner Quartiervereins. Ohne Zwischenfälle – wie immer, wenn Baumann pfiff. Ob das letzte Kapitel in seiner Geschichte geschrieben ist, steht noch nicht fest. Baumann: «Ein Abschiedsspiel in meiner Region wäre schon verlockend.»