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Gastkommentar

Städtebau-Experte: «Wir sollten nicht mehr für die Ewigkeit bauen»

Nach mir die Sintflut: Nach diesem Motto würden heute noch Quartiere geplant, kritisiert Peter Schwehr von der Hochschule Luzern. Er plädiert für einen Paradigmen-Wechsel – und dafür, die Endlichkeit von Gebäuden schon bei der Planung zu berücksichtigen.
Peter Schwehr*
Schützen oder abreissen: Diese Frage stellt sich auch beim Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens. (Bild: Corinne Glanzmann, 1. Februar 2016)

Schützen oder abreissen: Diese Frage stellt sich auch beim Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens. (Bild: Corinne Glanzmann, 1. Februar 2016)

Unser Alltag verändert sich schnell. Aber wir bauen weiterhin für die Ewigkeit. Ein Widerspruch? Ja. Vorstellungen, Konzepte und Programme für Wohnen, Arbeiten, Lernen und Pflegen werden neu definiert. Der gebaute Lebensraum jedoch bleibt der alte. Was aber, wenn sich die bestehenden Gebäude den veränderten Bedürfnissen nicht anpassen können? Dann droht entweder die Abrissbirne oder sie werden zum schützenswerten Objekt erhoben. Und damit ist ein Zielkonflikt vorprogrammiert: Der Wunsch nach Erhalt von Baukultur und die berechtigte Forderung nach einer zeitgemässen (Um-)Nutzung des Gebäudes prallen aufeinander.

Dass Architektur ein wichtiger Ausdruck unserer Kultur ist, steht ausser Frage. Doch genauso gilt: Architektur ist keine Kunst. Gebäude sind Gebrauchsgegenstände, die ihre Sinnhaftigkeit erst durch ihre Funktion erhalten. Können und wollen wir in Gebäuden wohnen und arbeiten, die nicht mehr unseren Bedürfnissen entsprechen? Was ist der Mehrwert des «erhaltenswerten» Gebäudes für einen Schüler, wenn er in einem zu kleinen Klassenzimmer lernen muss, oder für die Pflegebedürftige, wenn das Manövrieren mit dem Rollstuhl auf den zu engen Gängen des Pflegeheimes nicht mehr möglich ist? Das sind die Fragen, die sich heute stellen.

Was nun können wir daraus für die Architektur der Zukunft lernen? Oder anders gefragt: Wieviel Beständigkeit verträgt die Architektur? Wir müssen uns eingestehen, dass wir die künftigen Entwicklungen nur bedingt prognostizieren, kaum kontrollieren und schon gar nicht planen können. Umso wichtiger ist es, dass wir in Zukunft imstande sind, mit unseren Gebäuden auf neue Veränderungen zu reagieren, dass wir uns also schon beim Planen fragen: Wie können die Gebäude später mit angemessenem Aufwand umgenutzt, ergänzt oder auch wieder rückgebaut werden? Die Endlichkeit unserer Gebäude bereits in der Planung zu berücksichtigen, ist eine Verantwortung, die wir späteren Generationen gegenüber tragen. Diese Haltung steht in direktem Gegensatz zur «nach mir die Sintflut»-Realität aktueller Quartierplanungen, die aufgrund ihrer starren Bauweise nur noch mir sehr grossem Aufwand den neuen Anforderungen angepasst werden können, und betrifft den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes. Von der Vision des Ortes, über die Erstellung zum Betrieb und späteren möglichen Abbruch eines Gebäudes.

Wir müssen uns also vom Bauen für die Ewigkeit verabschieden. So wie alles im Leben sind auch unsere Gebäude und Städte Veränderungen unterworfen. Der Entscheid zwischen Erhalt, Umnutzung oder Abriss erfordert Aushandlungsprozesse aller Beteiligten und verträgt keine dogmatischen Positionen. Im Mittelpunkt sollten aber die Nutzenden stehen – die heutigen und die zukünftigen –, sowie die Angemessenheit der Massnahmen und der Beitrag des Gebäudes zur Lebensqualität im Ort.

*Peter Schwehr (54) ist Leiter des Kompetenzzentrums Typologie und Planung in Architektur der Hochschule Luzern, Departement Technik und Architektur. Einmal im Monat äussern sich Professoren des Departements zu städtebaulichen Themen.

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