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Wüster Streit zerrüttet Facebook-Gruppe «Luzerner helfen Luzernern»

Die Facebook-Gruppe «Luzerner helfen Luzernern» will Bedürftigen mit Spenden zur Seite stehen. Jetzt werden Vorwürfe laut, der Verantwortliche sacke die Gelder selber ein. Dieser reagiert tief getroffen und beendet sein Engagement per sofort.
Kilian Küttel
Online-Hilfswerke sollte man sich genau ansehen - auch auf Facebook. (Bild: Pius Amrein / LZ)

Online-Hilfswerke sollte man sich genau ansehen - auch auf Facebook. (Bild: Pius Amrein / LZ)

Die Kinder brauchen neue Kleider, die Stromrechnung ist da und die Miete noch nicht bezahlt. Aber das Bankkonto ist genau so leer wie der Kühlschrank. Wer solche Probleme hat, dem steht seit kurzem die geschlossene Facebook-Gruppe «Luzerner helfen Luzernern» bei.

Bedürftige können sich mit einem Post direkt an die Mitglieder wenden oder das Administratorenteam kontaktieren, welches einen anonymen Aufruf startet. Spender erhalten entweder die Kontaktdaten der Betroffenen oder die Administratoren sammeln Geld, kaufen davon Essensgutscheine und geben es an die Bittsteller weiter.

Die Gruppe steht in keinem Zusammenhang zu der Stiftung «Luzern hilft», die das Luzerner Fest organisiert (sie hiess 2016 noch «Luzerner helfen Luzernern», wurde jedoch umbenannt).

Von der Gründung im Juli bis Mitte September haben sich über 680 Personen der Gruppe angeschlossen. Sie soll ein Leuchtturm der Solidarität sein. Eine klassische Erfolgsgeschichte also? Nicht ganz, denn der Turm wankt, das Hilfswerk wird von internen Querelen erschüttert.

Im Fokus steht der Gründer der Gruppe, ein 28-jähriger Familienvater aus dem Kanton Luzern. Dieser muss sich heftige Vorwürfe anhören: «Wir haben den Verdacht, dass er sich selber an den Spendengeldern bereichert. Die Transparenz fehlt völlig», sagt Livia Peter, die der Gruppe angehört hat und unsere Zeitung von den offenbaren Missständen unterrichtet hat.

Fehlende Transparenz, fragwürdiger Umgangston

Mit ihren Vorwürfen steht die 27-Jährige nicht alleine da. Im Umfeld des Hilfswerks hat sich eine Widerstandsgruppe formiert, die vor dem Familienvater warnen will. Dazu gehört auch Rosa Kolm, die Initiantin der Gruppe «Zuger helfen Zugern». Diese existiert seit fünf Jahren und umfasst über 15 000 Mitglieder. Verschiedene Institutionen und die Stadt Zug anerkennen und unterstützen das Projekt.

Das Zuger Modell hat als Vorbild für die Luzerner Gruppe gedient: «Der 28-Jährige hat die Gruppe zuerst von sich aus gegründet, mich danach aber gefragt, ob er von meinen Erfahrungen profitieren kann», sagt Rosa Kolm auf Anfrage. Sie ist einverstanden, tritt dem Luzerner Ableger auch selber bei. Bald aber wird sie skeptisch. Besonders der Umgangston des Gründers stört die 52-Jährige: «Als ich ihm mitgeteilt habe, dass ich gewisse Sachen anders machen würde, reagierte er sehr gereizt.» Zudem hinterfragt auch sie die Transparenz: «Was mit dem Geld geschieht, war nie ganz klar.»

Kolm wird selber aktiv und ruft am 25. Juli die Facebook-Gruppe «Luzerner helfen Luzernern original» ins Leben, die sie nach ihren Vorstellungen führt.

«Als ich ihm mitgeteilt habe, dass ich gewisse Sachen anders machen würde, reagierte er sehr gereizt.»

Rosa Kolm, Initiantin der Gruppe «Zuger helfen Zugern»

Die Frage ist nun, ob der Gründer die Spenden tatsächlich selber eingesackt hat oder ob die Unterstellungen haltlos sind. Woher rühren die Vorwürfe? Livia Peter wird stutzig, als sie einen neuen Spendenaufruf sieht. Sie will wissen, wohin das Geld fliessen soll. Unter falschem Namen schreibt sie dem Gründer, sagt, ihre Grossmutter wolle etwas spenden. Sie bittet ihn um eine IBAN-Nummer und fragt, wem das Geld zugute kommt. Der 28-Jährige antwortet, nennt den Namen einer Frau, für die das Geld bestimmt sei. Was er verschweigt: Bei der Genannten handelt es sich um seine eigene Freundin. In mindestens einem weiteren Fall verfährt er gleich. Der möglichen Spenderin erklärt er dabei, er warte, bis ihm die Bedürftige ihre Bankverbindung nenne. Andernfalls könne die Spenderin den Betrag auf sein eigenes Konto überweisen.

«Es war eine Kurzschlussreaktion»

Ob die Anschuldigungen stimmen, ist unklar. Eine Anfrage bei der Luzerner Staatsanwaltschaft zeigt, dass gegen den 28-Jährigen aktuell keine Untersuchung hängig ist. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Konfrontiert mit den Vorwürfen, reagiert der Gründer bestürzt: «Es verletzt mich zutiefst, mir solche Vorwürfe anhören zu müssen.» Er wisse selber, wie es ist, als Familie jeden Rappen umdrehen zu müssen. «Deshalb habe ich diese Gruppe gegründet.» Er habe niemals Geld unterschlagen und könne dies auch mit Bankauszügen belegen. Aber er bestreitet nicht, seine Freundin als Abnehmerin angegeben zu haben: «Am 4. September habe ich in der Gruppe einen Beitrag erstellt, in der ich von einer Familie berichtete, die zur Zeit in einem Engpass steckt.» Dabei habe es sich um eine befreundete Familie gehandelt, die anonym bleiben wollte. Anfangs will laut dem Luzerner niemand Unterstützung bieten, doch dann melden sich erste Helfer. Diese wollen wissen, für wen das Geld ist. Der Gründer nennt den Namen seiner Freundin: «Es war eine Kurzschlussreaktion, weil ich dieser Familie helfen wollte. Dafür möchte ich mich entschuldigen.»

Die Anfrage unserer Zeitung bringt den jungen Mann so sehr aus der Fassung, dass er am gleichen Abend als Verwalter der Gruppe zurücktritt, was er den Mitgliedern auch mitteilt. Mehrere Personen melden sich daraufhin, die ebenfalls harsche Kritik am Gründer üben. Mittlerweile sind diese Kommentare gelöscht. Der 28-Jährige hat mit seinem Engagement definitiv abgeschlossen, spricht in einem emotionalen Schlussplädoyer von Cybermobbing und öffentlicher Blossstellung: «Wenn Euch das stark macht und Ihr dadurch Respekt und Anerkennung erhaltet, dann macht weiter so», schreibt er am Montagabend in die Gruppe. Zwischen dem Gründer, Mitgliedern und Ex-Mitgliedern ist zeitweise eine veritable Schlammschlacht entbrannt. Innerhalb der Gruppe, aber auch in privaten Chats, gab es Anfeindungen und heftige Wortgefechte, ebenso wurden rechtliche Konsequenzen angedroht. Zudem folgte ein wahrer Exodus: Am Mittwochmittag waren nur noch gut 550 Personen Mitglied in der Facebook-Gruppe. Das Hilfswerk hätte eine Bastion der Nächstenliebe, ein Leuchtturm der Solidarität sein sollen. Der Turm bricht gerade zusammen.

Vorsicht mit Online-Hilfswerken

Ob die Anschuldigungen an den Gründer der Facebook-Gruppe «Luzerner helfen Luzernern» berechtigt sind, ist nicht klar. Unabhängig von den Streitereien ist es aber ratsam, sich Online-Hilfswerke genau anzusehen, bevor man etwas spendet. Dies sagt der Zürcher Rechtsanwalt Martin Steiger, der auf IT-Fragen spezialisiert ist: «Spender müssen sich selbst ein Bild verschaffen. Seriöse Hilfswerke helfen mit entsprechenden Publikationen.» Beispielsweise, indem sie einen Jahresbericht und eine Jahresrechnung veröffentlichen. Viele Hilfswerke seien zudem als Vereine organisiert: «Das heisst, es gibt einen Vorstand und eine jährliche Generalversammlung», so Steiger. Dies trifft unter anderem auf die Gruppe «Zuger helfen Zugern» zu, die seit Juni als Verein konstituiert ist.

Dem Anwalt ist nicht bekannt, ob es in der Schweiz Beschränkungen und Richtlinien für den Aufbau von Mini-Hilfswerken in sozialen Medien gibt. Deshalb rät Steiger: «Bei fehlender Transparenz sollte man im Zweifelsfall kein Geld spenden. Auch ein Warnzeichen ist, wenn mögliche Spender unter Zeitdruck gesetzt werden.» (kük)

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