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Billiges Material gefährdet Pflegedienst: Wundambulatorium Luzern steht vor dem Aus

Professionelles Verbandsmaterial wird nicht mehr durch Krankenkassen vergütet – wegen eines Bundesgerichtsurteils gibt es heute keine klare Regelung, wer die Kosten dafür übernehmen muss. Für einen Luzerner Pflegedienst ist das existenzbedrohend.
Beatrice Vogel
Theo Köhler versorgt im Wundambulatorium Luzern die Wunde eines Patienten. (Bild: Manuela Jans-Koch, 18. Juli 2019)

Theo Köhler versorgt im Wundambulatorium Luzern die Wunde eines Patienten. (Bild: Manuela Jans-Koch, 18. Juli 2019)

Das Wundambulatorium Luzern sorgt seit elf Jahren für die Behandlung von Wunden. Spitäler und Ärzte schicken ihre Patienten gern dorthin, weil sie wissen, da sind Experten am Werk. Doch: «Wenn es so weitergeht, mache ich das nicht mehr lange», sagt Theo Köhler. Der Wundexperte führt das Ambulatorium mit einer Kollegin.

Köhlers Frust gründet darin, dass hochwertiges Verbandsmaterial nicht mehr vergütet wird. Die Experten müssen deshalb mit Material arbeiten, das für komplexe Wunden nicht geeignet ist. «Wenn ich einen Verband mit gutem Material machen kann, müssen die Patienten ein- bis zweimal pro Woche zum Verbandswechsel erscheinen. Jetzt muss ich sie aber fast täglich in die Praxis zitieren, was teurer und aufwendiger ist», so Köhler.

So teuer ist billiges Verbandsmaterial

Bei einem offenen Bein mit einer 5x5 Zentimeter grossen Wunde kann eine silberhaltige Wundauflage für 7.50 Franken sowie ein Superabsorber für 4 Franken verwendet werden. Dieser Verband muss ein- bis zweimal in der Woche gewechselt werden. So entstehen Materialkosten von maximal 23 Franken pro Woche. Wird der Verband mit Tupfer und Wundspüllösung gemacht, kostet er 2.80 Franken. Dieser muss aber zweimal täglich gewechselt werden. Auf die Woche gerechnet entstehen so Materialkosten von 39.20 Franken. Wenn der Verbandwechsel in beiden Fällen eine halbe Stunde dauert – bei einem Stundentarif von 95 Franken kostet das also 47.50 Franken – entstehen bei einer Behandlung mit dem hochwertigen Material Gesamtkosten von 118 Franken pro Woche, mit dem minderwertigen Material ganze 704.20 Franken.

Keine Alternative zur Gegenständeliste

Der Sachverhalt ist folgendermassen: Die Verrechnung von hochwertigem Verbandsmaterial ist im Moment wegen eines Bundesgerichtsurteils sistiert. Das Material darf deswegen weder dem Patienten noch den Krankenkassen verrechnet werden. Auch für die Gemeinden als Restfinanzierer gibt es keine gültige Regelung, welches Material sie finanzieren müssen.

Die Gemeinden halten sich an die sogenannte Mittel- und Gegenständeliste (Migel) des Bundes. Dort sind Pflegeprodukte aufgeführt, die der Patient eigenständig anwenden kann und die von den Krankenkassen vergütet werden. Der Passus der Selbstanwendung ist seit 2011 in der Migel enthalten. Bis vor zwei Jahren wurde er aber nicht umgesetzt: Man orientierte sich auch für das Material, das von ambulanten Pflegediensten wie Spitex oder Wundambulatorien verwendet wird, an dieser Liste; die Krankenkassen zahlten.

Doch 2017 urteilte das Bundesverwaltungsgericht, dass die Krankenkassen das Verbandsmaterial der Pflegedienste nicht mehr bezahlen dürfen – schliesslich handle es sich bei der Migel um Produkte zur Selbstanwendung. Weiter sei das Material der Pflegenden bereits im Grundtarif der Krankenkassen abgegolten. Theo Köhler:

«Ein irrwitziges Urteil. Wo man doch weiss, dass der Grundtarif nicht einmal für die Pflege reicht und sich deshalb die Gemeinden an den Kosten beteiligen müssen.»

Für medizinische Verrichtungen – dazu gehören Verbandswechsel – beträgt der Tarif in der Stadt Luzern aktuell 95 Franken pro Stunde. Dieser Betrag verteilt sich auf die Krankenkassen (65.40 Franken pro Stunde), den Patienten (15.90 Franken pro Tag) und die Gemeinden. «Muss das Material über diesen Tarif abgerechnet werden, geht das zu Lasten der Löhne», sagt Köhler.

Nach dem Bundesgerichtsurteil sprangen im Kanton Luzern die Gemeinden ein und übernahmen die Kosten für das Verbandsmaterial, das in der Migel aufgeführt ist. Seither habe sich die Situation aber zugespitzt, so Köhler weiter:

«Es werden laufend Produkte von der Liste gestrichen. Bald sind nur noch Tupfer und Pflästerchen aufgeführt.»

Für ihn ist klar: «Ohne professionelles Material kann ich nicht professionell arbeiten.» Das sei neben dem ohnehin tiefen Lohn der grösste Ärger. Wenn sich die Situation nicht ändere, sei das Luzerner Wundambulatorium bald Geschichte, denn die Kosten seien aktuell nicht gedeckt.

«Es ist eine schwierige Situation», bestätigt Hildegard Stadermann, Leiterin Pflege und Wohnen bei der Stadt Luzern. Als Restfinanzierer versuche die Stadt, den Pflegediensten entgegenzukommen, und bezahle die anfallenden Materialkosten derzeit als Vorschussleistung. «Solange die Angelegenheit auf Bundesebene nicht endgültig geklärt ist, können wir nicht mehr machen», so Stadermann. Die Stadt halte sich an die Mittel- und Gegenständeliste, weil es keine anderen Richtlinien gebe. «Wir können mit Steuergeldern ausschliesslich jenes Material vergüten, das der Bund auf der Liste genehmigt hat.»

Gesetzesänderung wird angestrebt

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist derzeit daran, die Migel zu revidieren. Diese soll weiterhin Produkte enthalten, die Patienten selbst anwenden können. Was das Material betrifft, das durch Pflegepersonal verwendet wird, heisst es beim BAG auf Anfrage, es werde «im Rahmen eines Entwurfs für eine Gesetzesänderung untersucht, wie die Vergütung dieses Materials in Zukunft geregelt werden soll». Separate Vergütung eines Teils des Pflegematerials würde durch die Gesetzesänderung möglich. Für die Übernahme zusätzlicher Kosten kommt laut dem BAG nur der Restfinanzierer in Frage. Das Ziel sei, die Vernehmlassung zum Gesetzesentwurf bis Ende Jahr zu starten.

Diese Neuigkeit stimmt Theo Köhler wenig optimistisch. «Ich würde mir wünschen, dass etwas Positives herauskommt. Bis ein Gesetz umgesetzt ist, dauerte es aber mindestens drei Jahre. Wir brauchen jedoch früher eine Lösung.»

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