ZÄHLUNG: Mit Zähler und Fernglas den Vögeln auf der Spur

Eine halbe Million Wasservögel überwintern in der Schweiz, auch in unserer Gegend. Fünf Teams zählten am Sonntag die gefiederten Gäste im Luzerner Seebecken – eine knifflige Angelegenheit.

Hannes Bucher
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Urs Petermann und Regina Wigger sind geübte Wasservögel-Zähler. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 15. Januar 2017))

Urs Petermann und Regina Wigger sind geübte Wasservögel-Zähler. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 15. Januar 2017))

Hannes Bucher

 

kanton@luzernerzeitung.ch

Eine friedliche Stimmung herrscht früh morgens am Seeufer bei der Schiffstation Seeburg in Luzern. Nur vereinzelte Jogger und Spaziergänger sind auszumachen, kein Boot schlägt Wellen. Entsprechend ungestört lassen sich Scharen von Wasservögel im Wasser treiben und suchen nach Futter. Haubentaucher, Kormorane oder Reiherenten tauchen immer wieder in die kalte Tiefe und bedienen sich dort mit Nahrung. Auf ihrem Menüplan steht seit Mitte der 1970er-Jahre vermehrt die Wandermuschel. Sie hatte sich damals im Vierwaldstättersee angesiedelt und vermehrte sich enorm. Dazu kam eine Zunahme der Unterwasserpflanzen in den 90er-Jahren – dies dank besseren Lichtverhältnissen infolge der geringeren Planktonmengen.

Diese willkommenen Nahrungsquellen führten zu einer Zunahme der Wasservogelbestände. Viele der Tiere, die eben jetzt vor Ort verweilen, sind aber nur Wintergäste. Ihre eigentlichen Brutgebiete in Nord- oder Osteuropa sind wegen der dortigen Kälte monatelang nicht bewohnbar. So ziehen sie nach der Brutzeit weg und verbringen das Winterhalbjahr auf den eisfreien Meeresbuchten, Seen und Flüssen in Europa oder Nordafrika – und eben auch bei uns.

Mit Zähler die Vögel blitzschnell erfassen

Jeweils um den 15. Januar zählen Ornithologen in ganz Europa die überwinternden Gäste. Am gestrigen Sonntag fand dieser Zähltag europaweit das 50. Mal statt – in Luzern werden die Wintervögel schon seit mehr als 60 Jahren so erfasst.

Der Luzerner Biologe und ehemalige Kanti-Lehrer am Alpenquai Urs Petermann ist Obmann des Ornithologischen Vereins Luzern. Er ist seit vielen Jahren mit dabei – so auch gestern Sonntag. Nein, er bringe die Wasservögel nicht aus der Ruhe, sagt er um 9 Uhr morgens beim kurzen Briefing. Auch seine Helferinnen Regina Wigger und Theres Molinaro sind zwei erfahrene Hobby-Ornithologinnen. In winterfester Kleidung, mit Fernglas und Notizblock ausgerüstet, geht es schon bald ans Zählen.

Vögel zählen – wie ist das eigentlich möglich? Schliesslich wechseln diese doch dauernd ihre Position, fliegen weg, gruppieren sich immer wieder neu. Dann gilt es ja auch noch, die Vogelarten auf Distanz zu erkennen, Erpel oder Weibchen zu unterscheiden. «Da ist viel Erfahrung mit dabei. Geübte Zähler erfassen die Tiere in Gruppen und können so blitzschnell den Überblick gewinnen und die Anzahl erfassen», sagt Urs Petermann. Er selber hält einen Zähler in der Hand. Ständig wird dieser betätigt, die Zahlen abgelesen und in die vorbereitete Liste eingetragen. Auch die beiden Helferinnen rapportieren schon regelmässig ihre Ergebnisse. So ist etwa zu vernehmen: Tafelenten: 35 Männchen und 9 Weibchen, 1 Zwergtaucher 12 Lachmöwen, 2 Hockerschwäne, 3 Kormorane. So geht es bis zirka 11 Uhr. Dann ist der Streckenteil von der Hermitage bis zum Trottli erfasst, die Wasservögel gezählt und alles fein säuberlich registriert. Vier weitere Zweierteams sind an diesem Morgen ebenfalls am Luzerner Seebecken unterwegs. Für Regina Wigger und Theres Molinaro ist der ornithologische Arbeitstag zu Ende – Urs Petermann wird am Nachmittag die Arbeit am Rotsee fortführen.

Häufiger Gast aus Spanien

Die ehrenamtlichen Helfer werden auf ihre Arbeit vorbereitet und üben sich in dieser anspruchsvollen Aufgabe. Koordiniert wird die schweizweite Zählung von der Vogelwarte Sempach. Diese erhält dadurch einen Überblick über die Wasservögel in der Schweiz und darüber hinaus deren Bestände und deren wichtigste Rast- und Überwinterungsgebiete. Die Daten liefern schliesslich auch wichtige Grundlagen für den Schutz der Wasservögel.

Urs Petermann kann aufgrund der langjährig erfassten Daten im Kanton selber viel über die Entwicklung respektive Veränderung der Gesamtzahl der Wasservögel schlussfolgern. Ein Fazit: Die Vogelwelt ist sehr dynamisch, Zahlen können sich schnell ändern. Rings um die erwähnte Wandermuschel etwa war 1982 bis 1984 ein Höchstbestand an Tauchenten zu verzeichnen – in der Folge war ihre Anzahl ständigen Schwankungen unterworfen. «Wahrscheinlich in Abhängigkeit der Muschelbestände», vermutet der Biologe. Ein weiteres Phänomen, das sich aus dem gewonnenen Zahlenmaterial zeigt: Luzern hat für die aus Spanien zuziehende Kolbenente ab den 1990er-Jahren enorm an Bedeutung gewonnen: Über ein Drittel der in der Schweiz überwinternden Tiere sind in unserer Region vorzufinden. 2006 war ein Höchstbestand von rund 10600 gezählten Tieren zu verzeichnen. Und 2017? «Kolbenente 1250 – Sex nicht bestimmt», steht seit Sonntag, um 11 Uhr, auf dem Erhebungsblatt unseres Zählteams für seinen Bereich «Hermitage–Trottli». Das Total wird sich dann im Zusammentragen mit den Ergebnissen der andern vier Teams ergeben.