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Zahnärzte schwatzen Patienten unnötige Behandlungen auf – weil sie zu wenig Arbeit haben

Warum einfach, wenn es auch kompliziert und vor allem teuer geht? Die hohe Arztdichte scheint viele Zahnärzte erfinderisch zu machen – ganz zum Leidwesen älterer Patienten. Experten fordern nun eine Ombudsstelle.
Raphael Zemp
In guten Händen? Ein Patient beim Zahnarzt. (Symbolbild: Gaetan Bally, Keystone)

In guten Händen? Ein Patient beim Zahnarzt. (Symbolbild: Gaetan Bally, Keystone)

«Es ist menschenverachtend.» So schliesst ein an unsere Zeitung adressierter Brief einer empörten Leserin. Die vorangehenden anderthalb A4-Seiten, sie lesen sich wie eine Anklageschrift gegen den Stand der Zahnärzte, mit dem die Stadtluzerner Rentnerin «viele schlimme Erfahrungen» gemacht hat. Begonnen haben ihre Unannehmlichkeiten mit einem schmerzenden Stiftzahn, der einen Zahnarztbesuch unausweichlich machte.

Nach einem ersten Röntgenbild sieht die alte Dame, die beileibe nicht zum ersten Mal auf einem Zahnarztstuhl liegt: Die Zahnwurzeln sind intakt. Eine einfache Wurzelbehandlung wird es wohl richten. Der erste Zahnarzt allerdings findet: ein Implantat muss her. Kostenpunkt: 5000 Franken. Auch die Zahnärzte zwei und drei sind der Meinung. Die Frau aber bleibt standhaft. «In meinem Alter noch ein Implantat? Das ist doch Blödsinn.»

700 statt mehrere tausend Franken

Wiederholt muss die Patientin auf eine einfache Wurzelbehandlung pochen, bis Zahnarzt Nummer drei diesen Eingriff schliesslich doch noch vornimmt, wenn auch widerwillig. Statt mehreren tausend Franken bezahlt die ältere Dame bloss 700 Franken. Seither ist «alles in Ordnung», die Schmerzen verflogen.

«Seit Jahren beklagen sich immer wieder Patienten bei uns über unnötige Zahnarzteingriffe.»

Maggie Reuter,



Schweizerische Stiftung Patientenschutz

Ob die Geschichte sich tatsächlich so zugetragen hat, lässt sich nicht überprüfen. Die involvierten Zahnärzte berufen sich auf die Schweigepflicht und verweigern ihre Aussagen. Unabhängig davon aber zeigt der Fall exemplarisch auf: Es gibt offenbar Zahnärzte, die ihren Patienten unnötige und teure Eingriffe verkaufen. Das bestätigt auch Maggie Reuter von der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz (SPO). «Seit Jahren beklagen sich immer wieder Patienten bei uns über unnötige Zahnarzteingriffe.» Genaue Zahlen lägen aber keine vor. Und auch ob sich Fälle von Überbehandlung häuften, könne sie nicht sagen.

Nur wenige Fälle werden bekannt

Überhaupt lässt sich das Ausmass dieser Problematik nur schwer abschätzen. Denn bis ein Fall an Patientenschutzorganisationen wie die SPO gelange, muss ein «gewaltiger Vertrauensbruch» vorliegen, sagt Reuter. «Wir kriegen lediglich die Spitze des Eisberges zu sehen.» Auch der Emmer Zahnarzt Michael Willi, Präsident der Zahnärztlichen Begutachtungskommission der Luzerner Zahnärzte-Gesellschaft (LZG), glaubt, dass sich nur die wenigsten Patienten gegen eine Überbehandlung wehren. Beschwerden von Patienten, die sich von LZG-Mitgliedern behandeln lassen, prüfe seine Kommission zwar gratis. Für die meisten anderen gelte aber: «Eine Beschwerde geht nur mit Anwalt, der auch noch über Sachkenntnisse verfügen sollte. Das wird teuer.»

So wenig greifbar das Phänomen Überbehandlung statistisch ist, so einig sind sich die kontaktierten Personen über einen seiner Hauptgründe: die «verrückt hohe Zahnarztdichte», wie es Maggie Reuter ausdrückt. Alleine im Kanton Luzern sind laut Kantonszahnarzt Peter Suter derzeit rund 450 Berufsausübungsbewilligungen für Zahnärzte ausgestellt. Schweizweit sind gemäss Schätzungen der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft (SSO) rund 6100 Zahnärzte tätig (Stand 2016).

Zugewanderte Konkurrenz

Statistiken sind auch in diesem Bereich Mangelware. Klar ist aber: Seit im Jahr 2002 die bilateralen Verträge in Kraft getreten sind, hat der Druck auf die Zahnärzte durch zuwandernde Kollegen aus dem Ausland stark zugenommen, wie die Zahlen des Bundes zeigen: Während die Behörden in den letzten 16 Jahren über 5000 ausländische Diplome anerkannt haben, sind im gleichen Zeitraum bloss 1573 eidgenössische Zahnarztdiplome erteilt worden. Als Folge würden besonders Zahnärzte in den Städten und Agglomerationen an Patientenmangel leiden, sagt Marco Tackenberg, Pressesprecher der SSO. Fast die Hälfte der städtischen Praxen blieben an mindestens einem Tag in der Woche leer. Das habe eine Umfrage unter mehr als 1300 SSO-Mitgliedern im Jahr 2016 ergeben.

Ein gefährlicher Umstand. Denn der Emmer LZG-Zahnarzt Michael Willi weiss: «Eine Überbehandlung entsteht am ehesten, wenn Arbeitsmangel vorliegt.» Und von diesem wiederum zeugten aggressive Werbekampagnen, wie sie fast zu 100 Prozent von Nicht-LZG-Mitgliedern gefahren würden. «Das sind die Fakten, alles andere ist Spekulation.»

Patienten tragen Mitschuld

Ebenfalls Fakt ist, dass Zahnärzte besonders oft Zahnimplantationen vornehmen, auch wenn oftmals einfachere und kostengünstigere Eingriffe angezeigt wären (siehe Box). Und dass unter den Implantat-Opfern besonders viele ältere Patienten sind. Weil sie Zahnärzten oft genug blind vertrauen. Weil sie kommentarlos abnicken, was die Halbgötter in Weiss im Mund herumwerkeln. Dabei seien künstliche Zähne für sie oftmals eine denkbar schlechte Option. Vor allem wenn sich die Betroffenen mehr schlecht als recht um ihre Zahnhygiene kümmern können. Um nicht über den Tisch gezogen zu werden, brauche es daher eine funktionierende Vertrauensbeziehung zum Zahnarzt, einen kritischen Geist – oder aber eine Zweitmeinung.

Solche Zweiteinschätzungen bietet die SPO-Patientenschutzstiftung an. Ihre Ressourcen aber sind begrenzt. Deshalb wünscht sich Patientenschützerin Reuter nichts sehnlicher als eine zusätzliche Gratis-Ombudsstelle. Zwar gibt es bereits ähnliche Dienstleistungen. Oft sind diese aber nur für gewisse Patientengruppen kostenlos (etwa für Patienten von LZG-Zahnärzten). Zudem würden Beanstandungen nicht selten durch Kollegen beurteilt – wie auch bei der Luzerner Zahnärzte-Gesellschaft. «Doch kann man die Arbeit eines Verbandskollegen tatsächlich unbefangen und unabhängig einschätzen?», fragt sich Reuter.

Bis eine solche Anlaufstelle sich dereinst den Sorgen (überbehandelter) Zahnarztpatienten annehmen kann, wird es wohl noch dauern. Bis dahin gilt: Sich informieren und hartnäckig bleiben – so wie die rüstige Rentnerin aus der Stadt Luzern. Die hätte sich auch eine teure Implantat-Behandlung leisten können. Gewehrt hat sie sich dagegen aber aus Prinzip. Sie erklärt: «Es wurden schon viele Leute ausgenutzt und geschädigt. Mit dieser böswilligen Praxis soll jetzt endlich Schluss sein.»

«Implantätli» boomen

Besonders oft zu Überbehandlungen kommt es laut Patientenschützerin Maggie Reuter beim Einsetzen von Zahnimplantaten. «Vor zwanzig, dreissig Jahren noch wurde alles darangesetzt, um einen Zahn eines Patienten zu retten. Heute zieht man diesen viel früher und setzt ein Implantat ein», sagt Reuter. Ein teurer Eingriff, der sich für den Zahnarzt mehr rechnet als einfachere Behandlungsmethoden. Denn künstliche Zahnwurzel samt -krone kosten schnell ein paar tausend Franken. Gegenüber Patienten würden Zahnärzte dabei oftmals verniedlichend von «Implantätli» sprechen, um damit zu suggerieren: Ein Implantat einzupflanzen, das ist bloss ein kleiner, unbedenklicherer Routineeingriff. Dabei gäbe es erstens keinerlei Garantie für eine risikofreie Behandlung, sagt Reuter. «Wird zum Beispiel der Nervenstrang im Unterkiefer getroffen, dann drohen lebenslange Gefühlsstörungen und eventuell sogar Geschmacksverlust.»

Zudem wollen «Implantätli» häufig und gründlich gereinigt sowie regelmässigen Röntgen-Kontrollen unterzogen werden. Denn während ein künstliches Hüftgelenk etwa relativ geschützt im Körper liege, sei die Ausgangslage für Zahnimplantate ungleich ungemütlicher, sagt Reuter: «Im Mundraum existieren mehr Bakterien als Menschen auf der Erde, von denen uns nicht alle gut gesinnt sind.» Entsprechend hoch ist laut der Patientenschützerin die Gefahr von Peri-Implantitis, einer bakteriellen Entzündung des Gewebes um das Zahnimplantat herum. (zar)

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