ZEITUNGSTEXT: Der Walfisch in Zürich

Text des Artikels «Der Walfisch in Zürich» aus der Morgenausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom Freitag, 14. März 1952.

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Der Artikel in der Morgenausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom Freitag, 14. März 1952. (Bild: Fragment: Archiv NZZ)

Der Artikel in der Morgenausgabe der Neuen Zürcher Zeitung vom Freitag, 14. März 1952. (Bild: Fragment: Archiv NZZ)

At. In Bern ist einmal ein Walfisch-Abkommen unterzeichnet worden, von Magistraten, die den Verhandlungsgegenstand nur aus dem Brehm kannten. In den letzten Jahren ist in unser Land ein besonders herrliches Exemplar vom Manesse-Verlag eingeführt worden, der Moby Dick Melvilles. Jetzt aber ist ein echter Finnwal zu sehen, und zwar auf dem Stumpengeleise am Sihlquai, hinter rotweißen Vorhängen eines improvisierten Jahrmarktzeltes.

Es ist immer erregend, wenn man ein Ding, das man lediglich in der Illustrierten oder in der innern Vorstellung besaß, plötzlich real vor sich hat. Die Vision wird nun mit der Wirklichkeit konfrontiert. Hier handelt es sich allerdings nur um eine Leiche, um ein mit 7000 Liter Formalin vollgepumptes Kadaverwesen. Wenn mau vor ihm steht und beide Augen zudrückt, sieht man die Weite des Ozeans, die herrliche Gräßlichkeit des Meeres und die Riesenblöcke des Himmels. Und man riecht den Tran und mit dem Tran die Küste Norwegens, vor der diese Walin mit der Harpune erlegt worden ist. Öffnet man die Augen, haben wir auf einem Spezialfrachtwagen die 23 Meter lange asphaltschwarze Riesensäule vor uns. Man denkt nicht an Fleisch und nicht an Blut, sondern an schwarzen Stein, und lediglich um den offenen zahnlosen Wiesenrachen schwebt die Magie des Kreatürlichen, Da sind zwei vorn zugespitzte Riesenkiefer, und vom oben hängt eine breite Gardine von Borsten herab" . . . sieht aus wie die Bürste beim städtischen Straßenreinigungsauto. Hinter dem Winkel des Maules liefen die Schlitzaugen, nur faustgroß und doch groß genug, um das Urbild des Ozeans ins Antje zu fassen. Jetzt sind diese Augen geschlossen, Glanz und Sinn sind aus ihnen gewichen. Nach unserem Spaziergang um das Riesenmaul herum marschieren wir zur Seitenflosse weiter, einem kleinen, verkümmerten Seitensteuer, und dann setzen wir die Wanderung zur Schwanzflosse fort, die jetzt unendlich welk herunterhängt, obgleich sie einmal die Kraft besessen hätte, mich, der ich jetzt ihr hartes Leder beklopfe, mit einem einzigen Wedelschlag vom Sihlquai entweder ins Jenseits oder zum mindesten ans jenseitige Ufer der Sihl hinüberzubefördern.

Von den 55 000 kg Gesamtgewicht entfallen auf das Herz 500 kg. Es pumpte 100 000 Liter Blut durch das Kabel der Aorta. Wie muß dieses Bündel Herz pulsiert haben, als am 17. September 1951 das Tier, die Harpune im Leib und mit einem 300 Tonnen schweren Schiff im Schlepp, auf der Höhe von Cap Haroy mit 30 Kilometern pro Stunde das Meer durchpflügt hat. Da war ein Schütze, hieß Olaf Saebjörnsen, und der gab mit einer zweiten Harpune den Rest. Das Herz stand still. Jetzt liegt dieser Herzfels in einer Vitrine neben der Schwanzflosse. Eine Frau zeigt es ihrem Kind: ist sein Herz, Emma." Und Emma ist verdutzt: Solch ein Klumpen! Und sie hat doch das Herz aus den Plakaten von Kaffee Hag und aus den Jaßkarten ihres Papas so schön in Erinnerung. Sie erkennt in diesem schwarzen unförmigen Riesenbeutel das hübsche rote Herzblatt nicht wieder.
Durch den Lautsprecher spricht ein Herr wissenschaftlich zum Publikum, und wenn er eine Pause macht, hört man Jazz oder Revuegesang. Ach, dieser Goliath hätte einen andern Stil verdient; man sollte Platten mit dem Orgelrauschen des Meeres laufen lassen, zur Stütze unserer Phantasie, damit dieser Hartgummikoloß sich für uns magisch mit jener Naturszenerie umgebe, aus der er heraustranchiert worden ist.

Auf einigen Tafeln lesen wir Angaben und Zahlen von Inflationsgröße: ist so schwer wie fünfzehn Elefanten". Dieser Vergleich geht noch an, aber jetzt folgt der zweite so schwer wie tausend Durchschnittsfrauen", womit offenbar auf das Gewichtsmäßige und auf nichts Anderes angespielt wird.

 Da liegt der Finnwal mit dem familiären Namen einer Mrs. Haroy. Es ist ein alter pikanter Trick der Menschen, sich mit den Dämonen der Natur so auf Du und Du zu stellen, indem man ihnen joviale Namen gibt. Da liegt das Ungetüm des Meeres, hört den freundlichen Pressechef die Zukunftsabsicht des Veranstalters, durch den Einbau einer Kühlanlage das Kadaverdasein dieser Kreatur zu verlängern, bekanntgeben ... hört die Leute im Volksmundstil sagen «wie wär's mit einem Kotelett!» oder «Welch eine respektable Dame»,  er hört auch vom nahen Bord her das zahme Gurgeln der Sihl, und er denkt: ist keine ozeanische Musik mehr."