ZEITZEUGEN: Das sind die Krienser Trouvaillen

Der Kanton Luzern hat sein Inventar schützenswerter Bauten in Kriens erstellt. Im Vergleich mit anderen Gemeinden gibt es nur wenige davon – dafür haben sie eine interessante Geschichte.

Christian Glaus
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Das 1914 erbaute Haus Lehn beim Holderchäppeli. (Bild: Boris Bürgisser ( 22. Februar 2017))

Das 1914 erbaute Haus Lehn beim Holderchäppeli. (Bild: Boris Bürgisser ( 22. Februar 2017))

Christian Glaus

christian.glaus@luzernerzeitung.ch

274 Objekte in der Gemeinde Kriens sind schützens- oder erhaltenswert. Sie sind ins Bauinventar der kantonalen Denkmalpflege aufgenommen worden. Das kantonale Inventar ist seit Dezember 2016 in Kraft und ersetzt das kommunale. Das Bauinventar der Gemeinde Kriens muss deshalb vom Einwohnerrat an dessen Sitzung am 16. März ausser Kraft gesetzt werden.

Ins kantonale Inventar geschafft haben es auch eine Handvoll Objekte, die bisher von der Gemeinde nicht berücksichtigt wurden. Prominentestes Beispiel dafür ist das Haus Lehn, das sich in der Nähe des Holderchäppeli befindet und von der Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft wird. Der stattliche Heimatstilbau wurde 1914 als Ferienheim für das Waisenhaus der Stadt Luzern gebaut. Heute wird es vom Verein Akzent Prävention und Suchttherapie genutzt und bietet Platz für 15 Personen in drei Wohngemeinschaften.

Ging das Gebäude bei der Gemeinde vergessen?

«Wir haben gestaunt, dass dieses Haus nicht in das Krienser Bauinventar aufgenommen wurde», sagt Mathias Steinmann, Leiter Bauinventar bei der kantonalen Denkmalpflege. «Das Haus ist typologisch und geschichtlich sehr interessant.» Weshalb der Bau von der Gemeinde Kriens nicht als schützenswert erachtet wurde, kann Bauvorsteher Matthias Senn (FDP) heute nicht mehr sagen. Das Inventar wurde vor knapp 20 Jahren erstellt. Eine These ist, dass das Gebäude beim Erstellen des Inventars schlicht vergessen wurde.

Ebenfalls neu im Bauinventar erscheinen zwei Staumauern: jene beim Bruderhusen- und beim Bellenweiher. Die Staumauer beim Bruderhusenweiher wurde 1899 zur Wasserkraftnutzung erstellt. Historisch interessanter ist die Mauer beim Bellenweiher. Sie wurde 1862 vom Fabrikanten August Bell in Auftrag gegeben. Entstanden ist ein Damm mit einer Spannweite von 20 Metern und einer Höhe von 8,5 Metern. Er kann rund 8000 Kubikmeter Wasser stauen. Vom Weiher führt eine Druckleitung zu den früheren Bell-Fabrikanlagen in Kriens. In den Werkstätten wurde so eine sogenannte Peltonturbine, eine Versuchsanlage zur Stromerzeugung, angetrieben.

Heute befinden sich Damm und Weiher im Besitz der Gemeinde. Das Gelände ist nur schwer zugänglich. «Die elegante Talsperre stellt für ihre Zeit eine bemerkenswerte und eindrückliche Ingenieurleistung dar, die für den Kanton Luzern als einmalig bezeichnet werden darf», beschreibt die Denkmalpflege den als schützenswert eingestuften Damm. Gebaut wurde die Mauer mit Sandsteinquadern aus dem Renggloch. Sie gilt bis heute als genügend standhaft.

Trotz dieser vom Kanton entdeckten Krienser Trouvaillen: Insgesamt enthält das kantonale Bauinventar rund 40 Objekte weniger als jenes der Gemeinde. Dies hat zwei Hauptgründe: Einerseits wurden mehrere Gebäude, die im Gemeindeinventar aufgelistet waren, inzwischen abgerissen – etwa das Scala oder der Trambahnhof im Ortskern, die der neuen Zentrumsüberbauung weichen mussten. Andererseits wird die Schutzwürdigkeit einzelner Objekte anders beurteilt. Dies, weil sie baulich stark verändert wurden oder weil sich ihre Umgebung so stark verändert hat, dass sie heute von der Denkmalpflege unrühmlich als «Restposten» bezeichnet werden.

Kriens ist keine Denkmal-Wüste

Verglichen mit dem restlichen Kantonsgebiet gibt es in Kriens unterdurchschnittlich wenige Gebäude, die schützens- oder erhaltenswert sind. Kantonal liegt der Durchschnitt bei 5,8 Prozent, in Kriens sind es 4,6 Prozent. Ist Kriens für Bauhistoriker und Denkmalpfleger deshalb ein langweiliges Pflaster? Nein, sagt Ma­thias Steinmann. «Dass in Kriens verhältnismässig wenige Bauten ins Inventar aufgenommen wurden, hat vor allem mit der relativ jungen Geschichte der Gemeinde zu tun. Das ist für Agglomerationsgemeinden typisch.» Anders als in Luzern oder Sursee gibt es keine historische Altstadt. «Innerhalb von rund 100 Jahren hat sich Kriens vom Bauerndorf zum Industriedorf gewandelt. Dadurch ist der Bestand an Neubauten relativ hoch.» Hinzu kommt, dass durch die Bauerei insbesondere im Zentrum viele ältere Gebäude abgerissen wurden. «Es ist viel verloren gegangen.»

Dafür sei die Vielfalt gross. «Da gibt es beispielsweise bemerkenswerte Einfamilienhäuser der Nachkriegsmoderne am Sonnenberg, militärische Bauten oder typische Dorfhäuser», sagt Steinmann. Hinzu kämen einige bedeutsame Zeugnisse der Industriegeschichte wie die Hallen der früheren Spinnerei Schappe oder der Maschinenfabrik Bell. Matthias Senn ist nicht traurig, dass in Kriens verhältnismässig wenige Bauten als erhaltens- oder schützenswert gelten. «Wir haben dafür mit dem Schloss Schauensee, der Wallfahrtskirche in Hergiswald oder der alten Hergiswaldbrücke als ältester Holzbogenbrücke der Schweiz ­einige bedeutsame Bauten, auf die wir stolz sein können.»
 

HINWEIS

Einen Überblick über schützens- und erhaltenswerte Bauten im Kanton Luzern finden Sie hier:
www.geo.lu.ch/map/kulturdenkmal

Der Abriss des alten Trambahnhofs. (Bild: Dominik Wunderli / LZ (11. April 2016))

Der Abriss des alten Trambahnhofs. (Bild: Dominik Wunderli / LZ (11. April 2016))

Die Staumauer beim Bellenweiher. (Bild: PD)

Die Staumauer beim Bellenweiher. (Bild: PD)