ZELL: Sie sammelt Briefe von wildfremden Leuten

Die 49-jährige Verena Stöckli aus Zell hat einen ganz besonderen Gedenktag erfunden. Dieser gewährt Einblicke in persönliche Briefe.

Mirjam Weiss
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Verena Stöckli aus Zell beim Sichten von persönlichen Briefen. (Bild Dominik Wunderli)

Verena Stöckli aus Zell beim Sichten von persönlichen Briefen. (Bild Dominik Wunderli)

Am kommenden Mittwoch ist der Tag des Briefes. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen nationalen oder internationalen Gedenktag, sondern um eine Erfindung von Verena Stöckli (49) aus Zell. Vor sieben Jahren hat sie diesen Tag ins Leben gerufen. Ihre Idee: Alle Interessierten schicken einem Freund, Verwandten oder Bekannten auf den 9. Oktober einen handgeschriebenen Brief. Anschliessend schreiben sie ihn ein zweites Mal und schicken diesen an Verena Stöcklis Atelier Rustica in Zell. Dort werden die Briefe ausgestellt und können vom 10. bis zum 12. Oktober öffentlich eingesehen werden.

«Kulturgut» Brief schützen

«Ein Brief ist ein handgeschriebenes Stück Wertschätzung für einen anderen Menschen und ein Kulturgut, das nicht verloren gehen sollte», sagt Verena Stöckli, die selber leidenschaftlich gern Briefe schreibt. Mit dem Tag des Briefes hofft sie, andere mit ihrer Begeisterung anstecken zu können. An den vergangenen sechs Tagen des Briefes sind insgesamt gegen 100 Briefe zusammengekommen, die sie in einer Kartonschachtel aufbewahrt. Darunter sind viele Geburtstags- oder Beileidsbriefe, viele Erzählbriefe, aber auch Liebesbriefe und sogar eine Reklamation. «Manche sind richtige Kunstwerke», sagt Verena Stöckli und holt bemalte und fein säuberlich beschriftete Kuverts aus der Schachtel.

Ein Brief, der ihr in schöner Erinnerung geblieben ist, stammt von einer Bauersfrau: «An ihrem mehrseitigen Brief hat die Frau an drei Sonntagen in Folge geschrieben – an den ersten beiden schrieb sie ihn vor, und am dritten ins Reine», erzählt Verena Stöckli. Einen anderen Brief habe eine junge Frau zum Dank an ihre Eltern geschrieben, «das war sehr berührend». Ebenso wie der Brief eines verwitweten Mannes an einen Bekannten, dessen Frau ebenfalls gestorben war, und der im Brief seinen Schmerz zum Ausdruck brachte. «Das Erlebte auf dem Papier abzuladen, erleichtert», ist sie überzeugt. Die Briefe gewähren persönliche Einblicke in das Leben eines wildfremden Menschen. Diese öffentlich auszustellen, erfordert einiges an Mut, dessen ist sich Verena Stöckli bewusst. «Ich rate den Schreibenden deshalb, im Brief auf Orts­angabe und Absender zu verzichten.»

Briefmarken im Ofenloch versteckt

Sie habe schon als Kind sehr gern geschrieben, erzählt die gelernte Schriftsetzerin. In ihrer Kindheit seien Papier und Briefmarken jedoch ein seltenes Gut gewesen. Schmunzelnd erinnert sich die in Winikon aufgewachsene Bauerntochter daran, wie ihre Mutter die Briefmarken einmal im Ofenloch versteckte, damit sie ihre Tochter nicht findet – vergebens. «Wenn ich heute jemandem etwas per Post schicke, dann lege ich immer einen Brief bei. Nur für einen kurzen Gruss ist mir die Briefmarke zu schade.» Dabei achtet sie jeweils darauf, dass die Marke farblich zum Kuvert passt. In ihrem Wohnzimmer stapeln sich Schachteln mit verschiedenfarbigem Papier.

Nach der Geburt ihrer vier Kinder hat sich Verena Stöckli selbstständig gemacht. In ihrem Atelier gestaltet sie unter anderem Geburtstags- und Beileids­karten und gibt Kurse in Kalligrafie. Natürlich verschicke sie auch Nachrichten per E-Mail. «Aber ich würde nie einen persönlichen Brief am Computer schreiben.» Wenn der Pöstler einen persönlichen Brief bringe, empfinde sie jeweils ein kleines Glücksgefühl. Ihre persön­lichen Briefe füllen mehrere Bundesordner, nach Jahr sortiert. Daneben sammelt Verena Stöckli aber auch Briefe von Wildfremden. Einige ihrer Schätze stammen aus dem 18. Jahrhundert und sind so verschnörkelt geschrieben, dass man sie kaum entziffern kann. Die letzten Worte auf einem solchen historischen Brief lassen den Inhalt aber erahnen: «Deine Dich tief innig liebende Marie.»

Hinweis

Briefe, die bis am 9. Oktober beim Atelier Rustica, Bifigmatte 10, in 6144 Zell eingegangen sind, werden im Atelier ausgestellt. Vom 10. bis zum 12. Oktober jeweils von 14 bis 17 Uhr können sie dort gelesen werden.