ZENTRALSCHWEIZ: Alternativmedizin auf Vormarsch

Komplementäre Behandlungsmethoden liegen in unserer Region im Trend – im Gegensatz zur gesamten Schweiz. Die Gründe für dieses Phänomen liegen laut Experten über zehn Jahre zurück.

Yasmin Kunz
Drucken
Teilen
Homöopathische Globuli vor einem Glasfläschchen, in dem sie aufbewahrt werden. (Bild: Keystone (Symbolbild))

Homöopathische Globuli vor einem Glasfläschchen, in dem sie aufbewahrt werden. (Bild: Keystone (Symbolbild))

In der Zentralschweiz steigt die Zahl der Ärzte, die auch komplementärmedizinische Leistungen anbieten. Komplementärmedizin, auch Alternativmedizin genannt, umfasst ergänzende Angebote zur Schulmedizin wie etwa die Pflanzenheilkunde. Auffällig dabei ist, dass diese Innerschweizer Entwicklung quer zum nationalen Trend steht.

So hat in den Zentralschweizer Kantonen die Zahl der komplementärmedizinisch tätigen Ärzte zwischen den Jahren 2005 und 2015 um 10 Prozent zugenommen – von 91 auf 101. Schweizweit nimmt die Zahl ab, wie ein Blick in die aktuellste Ärztestatistik zeigt. Zwischen 2005 und 2015 ist die Zahl in der Schweiz von 1117 auf 1050 gesunken. Das entspricht einer Reduktion von 6 Prozent. Besonders stark ist der Rückgang im Kanton Zürich: Zwischen 2010 und 2015 ist die Zahl an Ärzten, die auch komplementärmedizinische Leistungen anbieten, um mehr als ein Drittel von 237 auf 151 geschrumpft. Gezählt werden hierbei alle berufstätigen Ärzte, die einen entsprechenden Fähigkeitsausweis in der Komplementärmedizin vorweisen.

Nur Akupunktur ist bewilligungspflichtig

Bis auf die Akupunktur sind komplementärmedizinische Behandlungsmethoden nicht bewilligungspflichtig, erklärt Roger Harstall, Luzerner Kantonsarzt. Will heissen: Die Anwendung solcher Massnahmen wie etwa Pflanzenheilkunde ist auch Ärzten ohne entsprechenden Fähigkeitsausweis erlaubt. Demzufolge wird die Zahl komplementär­medizinisch tätiger Ärzte wohl grösser sein als ausgewiesen.

Auch Naturheilpraktiker, also Therapeuten ohne Arztdiplom, welche komplementärmedizinische Behandlungen anbieten, brauchen mit Ausnahme der Akupunktur in Luzern keine Bewilligung. Die Zahl der Naturheilpraktiker, ohne und neu auch mit einem eidgenössischen Diplom, steigt in der Schweiz jährlich an. Gemäss Erfahrungsmedizinisches Register (EMR) zählte der Kanton Luzern im Jahr 2011 120 Naturheilpraktiker. Im vergangenen Jahr waren es 155. Auch in den anderen Zentralschweizer Kantonen zeigt sich ein ähnliches Bild. In Schwyz stieg die Zahl im gleichen Zeitraum von 35 auf 55.

Ob Ärztediplom oder nicht: Stellt sich die Frage, warum die Zentralschweiz nicht vom Abwärtstrend betroffen ist. Eine Vermutung hat die eidgenössisch diplomierte Naturheilpraktikerin Katharina Wyrsch, die seit knapp 20 Jahren eine Praxis in Luzern führt. «Die Luzerner Naturheilpraktiker haben sich Anfang 2006 gewehrt, als der Kanton die Bewilligungspraxis abgeschafft hat. Dieses politische Engagement steigerte das Ansehen des Berufs.» Die Naturheilpraktiker haben sowohl die Wiedereinführung der Bewilligungspflicht als auch eine vom Bund anerkannte Ausbildung verlangt.

Beruf seit einem Jahr staatlich anerkannt

Seit etwas mehr als einem Jahr ist nun der Naturheilpraktiker als Gesundheitsberuf staatlich anerkannt. Wyrsch: «Die Anerkennung und Qualitätssicherung des Bundes schafft bei der Bevölkerung ein Vertrauen für unsere Tätigkeit. Deswegen gehe ich davon aus, dass künftig noch mehr Personen auf Komplementärmedizin zurückgreifen.»

Renata Maria Meile, Vorstandsmitglied des Vereins Luzerner Naturheilpraktiker und Naturheilpraktikerinnen, pflichtet Wyrsch bei und fügt an: «Die Zentralschweizer sind sehr traditionsverbunden – die Naturheilkunde ist in dieser Region stark verankert.»

Das umfasst die komplementäre Medizin

Gemäss Bundesamt für Gesundheit umfasst die Komplementärmedizin die anthroposophische Medizin, die Homöopathie, die Phytotherapie und die Traditionelle Chinesische Medizin sowie die Akupunktur. Solche Leistungen werden in der Regel von den Krankenversicherungen vergütet.

– Phytotherapie ist die Pflanzenheilkunde. Pflanzenbestandteile werden unter anderem zu Extrakten oder Tinkturen verarbeitet.
– Die Homöopathie ist ein eigenständiges Medizinsystem, in dem spezielle Arzneimittel, die bei
gesunden Menschen krankhafte Symptome hervorrufen, ebendiese Krankheiten heilen sollen.
– Traditionelle Chinesische Medizin befasst sich mit der Lebensenergie, dem Qi. Eine Therapieform der Chinesischen Medizin ist die Akupunktur.
– Die anthroposophische Medizin orientiert sich an den individuellen seelisch-geistigen Bedürfnissen des Menschen. Dabei werden unter anderem Mal- und Gestaltungstherapien angewandt. (kuy)

Yasmin Kunz