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ZENTRALSCHWEIZ: Bibliotheken müssen sich neu erfinden

Die Besucherzahlen der Kantonsbibliotheken gehen weiter zurück. Doch diese steuern dem Trend erfolgreich entgegen – dank der elektronischen Buchausleihe. Und auch dank einer neuen Ausrichtung.
Student Cristian Rohrer auf Büchersuche. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 13. März 2018))

Student Cristian Rohrer auf Büchersuche. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 13. März 2018))

Chiara Stäheli

chiara.staeheli@luzernerzeitung.ch

Seit Jahren sind die Besuchszahlen in den meisten Zentralschweizer Bibliotheken rückläufig. So zählte beispielsweise die Bibliothek Zug 2016 knapp 180'000 Besucher – 2012 waren es noch mehr als 200'000. Der technologische Wandel scheint den Institutionen keine rosige Zukunft vorherzusagen. Doch neueste Erhebungen zeigen, dass die Bibliotheken dem Negativtrend erfolgreich entgegenwirken können: Mit neuen Angeboten und zusätzlichen digitalen Möglichkeiten haben sich die Bibliotheken in den letzten Jahren an die Kundenbedürfnisse angepasst. Dies scheint sich gelohnt zu haben. Denn bei den elektronischen Ausleihen sind im vergangenen Jahr in sämtlichen Kantonsbibliotheken der Zentralschweiz neue Rekordwerte verzeichnet worden. Es ist also nicht so, dass die Leute grundsätzlich weniger lesen.

Betrachtet man das Gesamttotal der Ausleihen, verzeichnen fast alle Zentralschweizer Bibliotheken nur leichte Rückgänge. Das liegt unter anderem daran, dass die Besucherzahl nicht direkt mit den Ausleihen zusammenhängt – denn wer elektronisch auf seine Lektüre zugreift, wird nicht als Besucher registriert.

Die Bibliothek hat neue Aufgaben

Seit Juni 2013 sind alle grossen Zentralschweizer Bibliotheken Teil der Digitalen Bibliothek Zentralschweiz (DiBiZentral). Auf dieser Plattform können alle Personen, die einen gültigen Bibliotheksausweis besitzen, online auf über 50'000 Medien zugreifen. Das gilt in besonderem Masse für die Kunden der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB): «Besonders Studenten nutzen vielfach elektronische Angebote und schätzen die Bibliothek als Arbeits- und Lernort», sagt Ina Brueckel von der ZHB. Auch der budgetlose Zustand des Kantons habe seinen Teil zu den rückläufigen physischen Ausleihen beigetragen: «Bis September 2017 konnten wir keine Printmedien für die Kantonsbibliothek anschaffen – DiBiZentral hingegen war nicht vom Ausgabenstopp betroffen. So haben viele Nutzer die aktuellen und neu erschienenen Medien elektronisch gelesen.»

Dieses Angebot wird auch in Zug immer reger genutzt – 2016 betrug der Anteil der digitalen Medien an den Totalausleihen bereits 11 Prozent. Dies entspricht mehr als 73'000 elektronischen Ausleihen. «Wir möchten alle Leute ins digitale Zeitalter mitnehmen und führen daher in Zusammenarbeit mit Pro Senectute auch Kurse für ältere Leute durch», sagt die Leiterin der Bibliothek Zug, Pia Rutishauser.

Nichtsdestotrotz: Die Ausleihe physischer Medien sowie die Besucherzahlen sind in beinahe allen Kantonen rückläufig. Pia Rutishauser nennt Gründe für den Rückgang: «Mit dem Internet und dem technologischen Wandel ist es viel einfacher als früher, sich Wissen anzueignen. Vor nicht allzu langer Zeit musste man sich zur Informationsbeschaffung stets in eine Bibliothek begeben.» Zudem seien Bücher in den letzten Jahren billiger geworden, und der Gratiszugang auf Online-Nachrichten und Sachtexte habe den Besucherrückgang ebenfalls verstärkt.

In der Bibliothek Zug ist man sich bewusst, dass die Bibliothek, wie man sie als solche kennt, ein Auslaufmodell ist. «Wir werden immer mehr zu einem Ort für Menschen und sind nicht mehr nur ein Ort für Bücher. Wir bieten vielfältige Angebote wie etwa Sprachförderung für Kinder oder präsentieren Bücher, die bei unseren Kunden gefragt sind», sagt Rutishauser. Dabei verweist sie auf rund 300 Veranstaltungen, die im vergangenen Jahr in der Bibliothek Zug stattgefunden haben. Mehr als 8000 Personen haben an diesen teilgenommen.

In der Kantonsbibliothek Nidwalden beträgt der Anteil der elektronischen Ausleihen bereits mehr als ein Drittel. Das heisst, rund jedes dritte Buch wird nicht mehr physisch, sondern via eBook-Reader, Laptop oder Smartphone ausgeliehen. Die Leiterin der Bibliothek, Brigitte Dönni, ist sich sicher, mit DiBiZentral eine neue Kundschaft anzusprechen: «Die elektronische Ausleihe ist ein Zusatzangebot, das in unserer Bibliothek die physische Ausleihe nicht konkurrenziert. Besonders grosser Beliebtheit erfreuen sich auch die Hörbücher, die online und offline – also auch ohne Internetzugang – gehört werden können.»

Ähnlich sieht es in der Kantonsbibliothek Schwyz aus. Im vergangenen Jahr wurden dort 185000 Bücher ausgeliehen, davon jedes fünfte in elektronischer Form. Der Kantonsbibliothekar Markus Rickenbacher weiss, weshalb die elektronischen Ausleihen auch in Schwyz zugenommen haben: «Dank der Möglichkeit, Medien ortsunabhängig herunterzuladen, können alle Kantonsbewohner von ihrer Bibliothek profitieren. So nutzen mittlerweile auch vermehrt Ausserschwyzer unser erweitertes Angebot.»

In Schwyz sind die Besucherzahlen seit Jahren konstant, Rickenbacher meint dazu: «Wir hatten nach der Einführung von DiBiZentral tatsächlich einen marginalen Besucherrückgang zu verzeichnen. Seither ist es uns aber gelungen, die Besucherzahl zu halten.» Man versuche die Bibliothek als sogenannten «dritten Ort» zu gestalten – sie soll ein Treffpunkt zum Verweilen, Austauschen und Diskutieren sein.

Identisch sieht man es in der Kantonsbibliothek Uri. Co-Leiterin Martina Wüthrich sieht in der Wandlung der Bibliotheken eine Chance: «Wir arbeiten daran, vermehrt als Treffpunkt wahrgenommen zu werden. Die Bring-Hol-Funktion steht nicht mehr alleine im Zentrum – vielmehr wird die Bibliothek auch zu einem Verweil- und Diskussionsort für alle.» Die Ausleihen via DiBiZentral stiegen auch in der Urner Kantonsbibliothek im vergangenen Jahr um rund 12 Prozent auf 17'000 an.

Die neue Rolle der Bibliothek bestätigt auch André Sersa, Kantonsbibliothekar in Obwalden: «Bibliotheken sind schon länger nicht mehr alleinige Hüter des Wissens und der Information. Auch belasten die Sparmassnahmen und die Forderung nach einem höheren Eigenfinanzierungsgrad Bibliotheken immer stärker. Wir sehen uns heute als Vermittler von Informations- und Medienkompetenzen.»

Nicht überall ist die Ausleihe gratis

Weitreichende Unterschiede zwischen den Bibliotheken zeigen sich auch bei den jährlichen Gebühren: In Schwyz, Nidwalden, Luzern und Zug bezahlen die Kantonseinwohner nichts, können also alle Medien – egal ob physisch oder elektronisch – gratis ausleihen. Anders sieht es in Obwalden aus: Die Nutzer zahlen hier 30 Franken pro Jahr. In Uri sind es gar 40 Franken. Obwohl mit DiBiZentral alle Zentralschweizer Zugriff auf dieselben elektronischen Medien haben, muss man als Bürger in einigen Kantonen also dafür bezahlen und in anderen nicht – abhängig von den finanziellen Entscheidungen des Kantons.

Sollten in Zug jemals Gebühren zur Diskussion stehen, wird sich Pia Rutishauser wehren: «Wenn der Kanton plötzlich will, dass die Bürger für die Nutzung der Bibliothek zahlen sollen, werde ich vehement dagegen kämpfen.»

In Luzern waren Bibliotheksgebühren trotz Sparmassnahmen noch nie ein Thema. «Grundsätzlich wären Gebühren auch in der ZHB möglich – davon war aber auf politischer Ebene noch nie die Rede. Davon ausgenommen wären ohnehin die Studierenden, die das ZHB-Angebot als Teil des Studiums erwarten dürfen» sagt Regula Huber vom Bildungs- und Kulturdepartement. Auch Markus Rickenbacher von der Kantonsbibliothek Schwyz äussert sich skeptisch zu allfälligen Gebühren: «Eine Kantonsbibliothek hat den Auftrag, Schriftgut zu erhalten und Leseförderung zu betreiben. Dies sollte mit finanziellen Mitteln des Kantons geschehen.»

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