ZENTRALSCHWEIZ: Grippeepidemie steht kurz bevor

Erstmals in diesem Winter haben die Grippefälle diese Woche stark zugenommen. Das Schlimmste steht unserer Region aber noch bevor.

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Derzeit grassiert wieder die Grippe. Da helfen meist fiebersenkende Medikamente und einige Tage Bettruhe. (Symbolbild Neue LZ)

Derzeit grassiert wieder die Grippe. Da helfen meist fiebersenkende Medikamente und einige Tage Bettruhe. (Symbolbild Neue LZ)

Die Grippewelle erreicht die Schweiz. Laut dem Bund hat sich das Virus seit dieser Woche in weiten Landesteilen stark ausgebreitet – auch in Luzern und der übrigen Zentralschweiz. «Während sich die Grippeepidemie im stationären Bereich bisher nicht auswirkt, beobachtet die Notfallpraxis am Luzerner Kantonsspital seit vergangener Woche eine Zunahme der Grippefälle», sagt Marco Rossi, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Luzerner Kantonsspital. Wie viele Fälle in den vergangenen Tagen effektiv behandelt wurden, kann er nicht sagen. «Bei vielen Patienten sind die Symptome eindeutig. Dann erübrigt sich ein Labortest zum Virusnachweis.»

Im Unterschied zu einer Erkältungskrankheit ist das spezifische an der eigentlichen Influenza-Grippe hohes Fieber, das quasi über Nacht kommt. Oftmals begleitet von starken Gliederschmerzen, Kopfweh und Schüttelfrost.

Mehr Fälle als vor einem Jahr

Gemäss den neuesten Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) kamen in der zweiten Woche des neuen Jahres in der Zentralschweiz auf 100 000 Einwohner rund 67 Grippeverdachtsfälle. Zum Vergleich: Damit in der Schweiz von einer Grippeepidemie gesprochen wird, braucht es 70 Verdachtsfälle pro 100 000 Einwohner. Dieser Schwellenwert wurde in den meisten Kantonen seit dieser Woche erstmals in diesem Winter überschritten. Einzig die Ostschweiz samt Zürich und die Zentralschweiz liegen derzeit noch darunter. Dennoch wurden diese Wochen auch in der Zentralschweiz mehr Grippeverdachtsfälle verzeichnet als noch vor einem Jahr im selben Zeitraum. «Es ist davon auszugehen, dass in den kommenden Wochen die Zahl der Krankheitsfälle weiter ansteigen wird», sagt der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall.

Beobachtet wird die Grippe vor allem bei den Hausärzten. In der Pilatus-Praxis in Luzern würden derzeit jeden Tag gut 10 Personen wegen grippeähnlichen Symptomen behandelt, sagt Christian Studer, Präsident Vereinigung Luzerner Hausärzte und Arzt in der Gruppenpraxis.

«Leichte und mittelschwere Grippefälle werden in erster Linie durch den Hausarzt oder die Notfallpraxis der Hausärzte behandelt», sagt auch Sonja Metzger, Mediensprecherin des Zuger Kantonsspitals. Nur schwere Grippefälle würden stationär behandelt. Solche Fälle gebe es in ihrem Spital derzeit nicht. Auch am Kantonsspital Nidwalden seien «noch nicht viele» Grippefälle behandelt worden, wie dessen Mediensprecherin Anja Radojewski auf Anfrage bestätigt. Ist das diesjährige Virus also harmloser als in den vergangenen Jahren? «Über den Schweregrad der Grippe und die Zahl der Betroffenen kann man derzeit noch nichts sagen», sagt Rossi. Dies müsse in vier bis sechs Wochen beurteilt werden – dann sollte erfahrungsgemäss die Grippewelle über die Zentralschweiz hinweggezogen sein. «Im Normalfall erfasst uns im Winter nur einmal das Grippevirus.» Es sei darum nicht davon auszugehen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zu einem Grippeausbruch komme.

Empfohlen: Einige Tage Bettruhe

Wie kann man sich gegen die Grippe schützen? Zu beachten seien derzeit vor allem die Hygienemassnahmen, sagt Rossi (siehe Box). «Gehört man nicht zu den Risikopatienten, sollte die Grippe nach einigen Tagen Bettruhe überstanden sein.» Ein erhöhtes Risiko, an der Grippe zu erkranken, haben chronisch Kranke, Schwangere, Frühgeborene oder ältere Menschen. Eine Grippeimpfung sollen diese Patientengruppen aber derzeit dennoch nicht machen: Eine Impfung ist laut Rossi «zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr zu empfehlen».

Erste Patienten an Weihnachten

Klar ist: Die Grippe ist nicht erst seit dieser Woche auf dem Vormarsch. «Die ersten Patienten kamen bereits um die Weihnachtszeit zu uns», sagt die Apothekerin Carla Schaffhauser, Inhaberin der Neustadt-Apotheke und Mediensprecherin des Luzerner Apothekervereins. Seit Anfang Jahr hätten sich die Fälle gehäuft. Allerdings: «Ein Grossteil unserer Kunden hat nicht die Grippe, sondern eine einfache bis mittelschwere Erkältungskrankheit.»

Ähnliche Beobachtungen macht auch Ulrich Jacobsen, Allgemeinmediziner im Notfallzentrum Permanence am Bahnhof Luzern. Gestern hätten viele Patienten mit Halsweh, Husten und Schnupfen die Praxis aufgesucht, sagt er. «Die wechselhaften Temperaturen begünstigen solche Erkältungen.»

Meist reicht der Apothekenbesuch

Doch wann soll man statt in die Apotheke zu einem Arzt gehen? Schaffhauser sagt: «Kleine Kinder, ältere Personen und chronisch Kranke sollten bei plötzlich auftretendem und andauernd hohem Fieber direkt eine medizinische Praxis aufsuchen.» Für die Behandlung von nicht Risikopatienten würden hingegen «oft fiebersenkende Medikamente aus einer Apotheke» reichen. Wie schwer die derzeitige Grippe in Luzern und der Zentralschweiz wirklich grassiert, kann auch Schaffhauser derzeit nicht sagen. Die Zahl der Erkrankten sei im Moment aber sicher grösser als noch im vergangenen Jahr zum selben Zeitpunkt. «2014 gab es keine wirkliche Grippewelle.»

Laut Angaben des Bundes sind derzeit vor allem Kleinkinder und Jugendliche zwischen 15 und 29 Jahren von der Grippe stark betroffen. Warum dies so ist, bleibt unklar. Klar ist laut Schaffhauser aber der Zeitpunkt der häufigen Erkrankungen: «Vor allem zur Weihnachts- und Fasnachtszeit kommen viele Kunden zu uns mit grippeähnlichen Symptomen, weil in diesen Zeiten viele Leute beisammen sind und sich gegenseitig anstecken.»

Yasmin Kunz und Christian Hodel

So können Sie sich schützen

Den wirksamsten Schutz gegen die Grippe bietet gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Impfung. Empfohlen wird diese jenen Personen, welche ein erhöhtes Komplikationsrisiko aufweisen, sowie deren Kontaktpersonen im privaten und beruflichen Umfeld. Zu den Risikogruppen gehören gemäss BAG Personen über 65 Jahren, Personen mit chronischen Erkrankungen und Schwangere.

Allerdings dürfte die Impfung jetzt für die meisten zu spät sein: «Bis der Impfstoff optimalen Schutz gewährt, dauert es 10 bis 14 Tage», sagt der Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall. Der optimale Zeitraum für die Grippeimpfung ist gemäss dem Kantonsarzt von Mitte Oktober bis Mitte November. Doch auch wer die Grippeimpfung nicht gemacht hat, kann sich mit einfachen Hygienemassnahmen gegen eine Ansteckung schützen. Das BAG rät etwa:

  • Waschen Sie sich mehrmals täglich gründlich die Hände mit Wasser und Seife.
  • Niesen oder husten Sie in ein Taschentuch oder die Armbeuge.
  • Wenn sich bei Ihnen Grippesymptome zeigen, bleiben Sie zu Hause, bis die Grippeerkrankung vollständig auskuriert ist.