ZENTRALSCHWEIZ: Jodeln für Anfänger – ein Selbstversuch mit Tücken

Jeder darf mitmachen bei offenen Jodler-Proben. Bloss: «jo», «lo» und «dü» in schneller Folge – nicht ganz einfach.

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Offene Probe beim Jodlerklub Heimelig in Horw: Dirigentin Ursula Gernet-Aregger kitzelt die Töne heraus, Journalist Simon Bordier (hinten Mitte) jodelt zum ersten Mal. (Bild Dominik Wunderli)

Offene Probe beim Jodlerklub Heimelig in Horw: Dirigentin Ursula Gernet-Aregger kitzelt die Töne heraus, Journalist Simon Bordier (hinten Mitte) jodelt zum ersten Mal. (Bild Dominik Wunderli)

Es lässt sich überall jodeln, aber nicht überall stösst man damit auf Begeisterung. Manchmal, bei spontanen Gesangseinlagen im Restaurant, nehmen nichtsahnende Sitznachbarn unfreiwillig daran teil. Am besten, man jodelt dann gleich mit. Dazu lädt jetzt auch der Zentralschweizer Jodlerverband (ZSJV) ein: Diesen Monat öffnen seine Vereine ihre Türen für alle, die sich mal als urchige Sänger oder Akrobatinnen versuchen möchten (siehe Kasten). Der Autor dieses Texts, der Jodeln bisher nur vom Hören kannte, wollte es am Dienstagabend beim Jodlerklub Heimelig in Horw wissen – ein Selbstversuch.

Start mit Entspannungsübungen

Im Singsaal des Hofmattschulhauses in Horw, dem Probelokal des Klubs, lädt die Dirigentin Ursula Gernet-Aregger (50) zunächst zum Entspannen ein: eigenen Kopf massieren, Arme und Beine schütteln, Luft ruhig ein- und ausatmen – nach einem gestressten Arbeitstag gar nicht mal übel. Dann gehts mit dem Singen los. Doch der Neu-Jodler von der Zeitung – der einzige Gast des Abends – muss zunächst seine Position im rund 25-köpfigen Chor finden: Soll er tief, hoch oder sehr hoch jodeln? Er schnuppert bei allen Männerstimmen einmal Jodelluft und entscheidet sich schliesslich für sehr hoch, das heisst für die erste Tenorstimme.

Die Chormitglieder können die Lieder auswendig, die Strophentexte lernen sie jeweils zu Beginn einer Probesession zu Hause. Dem Gast gibt man gerne Noten, wobei auch die Augen der Nachbarn hin und wieder darauf ruhen. Beim ersten Blick fallen Verbesserungen auf: Ein «Jahr» wird zu einem «Johr» umbenannt, ein «hie uf Ärde» zu einem «do uf Ärde»; man setzt auf den eigenen Dialekt.

Der Jodelrefrain bereitet weniger Schwierigkeiten. «Jo», «lo» und «dü» klingen schliesslich überall gleich. Meist werden die Silben in langen Notenwerten ausgehalten, über denen die Jodelcracks ihre schnellen Läufe trällern. Doch die Noten halten auch für die erste Tenorstimme einige schnelle «Jo-lo-lo»-Abfolgen bereit, bei denen der schnuppernde Laie aussetzt.

140 Klubs, 4000 Mitglieder

Mit den Schnupperabenden wie beim Jodelklub Heimelig will der ZSJV einen Beitrag zum «Gästival» leisten. Unter diesem Namen feiern die Zentralschweizer Kantone dieses Jahr ihre 200-jährige Tourismusgeschichte. Diese wäre ohne Jodler, Alphornbläser und Fahnenschwinger nicht denkbar. «In gewisser Hinsicht verstehen wir uns durchaus als Tourismusförderer», meint ZSJV-Präsident Richard Huwiler. Wichtig sei seinem Verband aber etwas anderes: «Wir möchten zeigen, dass uns ein lebendiges Brauchtum am Herzen liegt.» Der Jodlerverband kann so auch Werbung in eigener Sache machen.

Wie steht es denn um den Nachwuchs? «Wir zählen heute 140 Jodlerklubs mit rund 4000 Mitgliedern», sagt Huwiler. Die Zahlen seien in den letzten zehn Jahren etwa konstant geblieben. «Besonders freut uns die Zunahme von Kinderjodlerklubs und reinen Frauenchören.» Zu denken gebe ihm der Stadt-Land-Graben: «Der Generationenwechsel bereitet den städtischen Klubs tendenziell mehr Mühe.»

Der Horwer Jodlerklub Heimelig hat als (vor-)städtischer Verein nur bedingt Nachwuchsprobleme. Die Zahl der Mitglieder bewege sich seit Jahren um 25, so Präsident Fritz Brun, der Chor sei altersmässig gut durchmischt. Der Horwer Stefan Frei (28), einer der jüngsten Jodler, meint: «Das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Generationen ist einmalig.» Im Gespräch mit den Chormitgliedern stellt sich heraus, dass oft die eigenen Eltern den Zugang zum Jodeln bereitet haben. Dirigentin Gernet-Aregger versucht auch den Journalisten vom Weitermachen zu überzeugen, weil der Nachwuchs bei den Tenören fehle. Diesem fehlt leider Zeit. Aber im Restaurant will er das nächste Mal gerne mitsingen.

Simon Bordier