ZENTRALSCHWEIZ: Kirchen wachsen, ihr «Marktanteil» sinkt

Die römisch-katholische und in manchen Kantonen auch die evangelisch- reformierte Kirche verzeichnen einen Mitgliederzuwachs. Das füllt allerdings noch lange nicht die Kirchen.

Alexander von Däniken
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Ein Blick in die Katholische Kirche St. Martin in Malters. (Symbolbild LZ)

Ein Blick in die Katholische Kirche St. Martin in Malters. (Symbolbild LZ)

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Es hat sich in den letzten Jahren in unseren Köpfen festgesetzt, das Bild der leeren Kirchenbänke. Dabei hat sich die Mitgliederzahl der beiden grossen Landeskirchen entgegen der landläufigen Meinung vergrössert. Dies meldete kürzlich das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut auf Basis der aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Vor allem die römisch-katholische Kirche hat fast überall an Mitgliedern gewonnen. Im Kanton Luzern zum Beispiel stieg die Zahl zwischen 2010 und 2015 um rund 3000. Schweizweit stieg die Zahl um rund 60 000 auf über 2,5 Millionen. Die Mitgliederzahl der evangelisch-reformierten Kirche ist zwar schweizweit gesunken – um satte 100 000 innerhalb von sechs Jahren. Aber in Luzern, Schwyz, Zug, Nidwalden und Uri verzeichneten auch die Reformierten ein Wachstum ­(siehe Tabelle).

Gemäss dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen ­Institut geht oft vergessen, dass der grösste Teil der in die Schweiz zugewanderten Menschen der christlichen Religion angehört; nämlich 53 Prozent. Die meisten davon, 37,3 Prozent, sind römisch-katholischen Glaubens. Das leichte Wachstum bei den Katholiken ist also in der Migration begründet. Die Reformierten hingegen können kaum von der Migration profitieren, da nur 7 Prozent der Zuwanderer dieser Konfession angehören.

1970 erreichten Kirchen fast die ganze Bevölkerung

Mehr Mitglieder heisst nicht automatisch, dass auch die Bedeutung der Kirchen steigt. Ein Beispiel: Wären die römisch-­katholische und die evangelisch-reformierte Kirche Fernsehsender, hätten sie 1970 in der Schweiz gemeinsam eine Reichweite von 95,5 Prozent ausweisen können. Die katholische Kirche hatte einen «Marktanteil» von 48,8 Prozent, die reformierte ­einen von 46,7 Prozent.

In den letzten 45 Jahren sind zwar (um im Bild zu bleiben) immer mehr potenzielle Fernsehzuschauer hinzugekommen, aber auch mehr Sender – von anderen christlichen Gemeinschaften bis zum Islam. Gleichzeitig entschieden sich auch immer mehr für ein fernsehfreies Leben. Allein die Zahl der Letzteren, der Konfessionslosen, nahm schweizweit seit 2010 um über 300 000 auf 1,6 Millionen zu. Diese Entwicklung sorgte dafür, dass der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung schweizweit auf 37,3 Prozent gesunken ist, jene der Reformierten auf 24,9 Prozent. Die beiden Kirchen erreichen heute also rund einen Drittel der Bevölkerung weniger als 1970.

Lose Bindung zu katholischer Kirche

Edi Wigger ist Synodalverwalter der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. Zur Frage, warum die Kirchenbänke trotz steigenden Mitgliederzahlen nicht voller werden, sagt er: «Viele Mitglieder haben keine enge Bindung zur Kirche mehr. Die Bindung darf allerdings auch nicht nur am Gottesdienstbesuch gemessen werden.» Vielen sei zu wenig bekannt, dass die Kirche weitere Leistungen anbiete. Zum Beispiel die Generationenarbeit, die Begleitung von Menschen in schwierigen Situationen oder die Integrationsarbeit.

Unabhängig von der Konfession nähmen viele am Programm der von der Kirche geförderten Jugendarbeit teil. Wigger: «Dank der konstant hohen Mitgliederzahl ist es zudem möglich, die bedeutenden Kulturgüter zu unterhalten. Speziell zu erwähnen sind dabei die Kirchen, die meist das Dorfbild prägen und tadellos unterhalten werden.» Anfang Februar lud die Landeskirche zu einem «Ideenabend» ein, um Meinungen dazu einzuholen, wie die Kirche ihr Wirken für die Gesellschaft besser aufzeigen könnte. Letztlich gehe es auch darum, Marketing zu betreiben und so das Image der Kirche ins rechte Licht zu rücken. Stichwort Rolle: Laut Wigger wolle die Kirche alles daran setzen, weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft wahrzunehmen.

«Auch die reformierte Kirche freut sich über jedes neue und bisherige Mitglied», fügt Regina Hauenstein, Sprecherin der reformierten Landeskirche Luzern, an. Man sei sich dessen bewusst, «dass eine Kirchenmitgliedschaft nicht mehr selbstverständlich sei, und das soziale Engagement sowie das solidarische Handeln zentrale Bestandteile kirchlicher Arbeit sind.» Während bei den Katholiken die internationale Migration eine besondere Rolle spielt, ist es bei den Reformierten die interkantonale. Das mache sich insbesondere in katholisch geprägten Kantonen wie Luzern bemerkbar.