ZENTRALSCHWEIZ: Notruf setzt auf öffentliche Defibrillatoren

Bei einem Herzstillstand zählt jede Minute – und oft rettet ein Defibrillator Leben. Bisher aber kannte der Sanitätsnotruf die Standorte dieser Geräte nicht. Das ist nun anders.

Flurina Valsecchi
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Ein öffentlich zugänglicher Defibrillator am Bahnhofplatz in Stans. (Bild Corinne Glanzmann)

Ein öffentlich zugänglicher Defibrillator am Bahnhofplatz in Stans. (Bild Corinne Glanzmann)

Wenn das Herz aufhört, regelmässig zu schlagen, und wenn das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird, dann zählt jede Minute. Rund 10 000 Menschen erleiden jährlich einen Herzstillstand. In der Schweiz gehören Herzinfarkt, Herzstillstand und Hirnschlag zu den häufigsten Todesursachen.

Kein Wunder haben immer mehr Städte, Gemeinden und Firmen in den letzten Jahren einen Laien-Defibrillator – einen sogenannten Automatisierten Externen Defibrillator (AED) – gekauft. Um nur drei Beispiele zu nennen: Alle Baarer Schulhäuser sind dank einem Spender-Ehepaar mit Defibrillatoren ausgestattet. In Sursee will der Verein «Herzsicheres Sursee» nach dem Herztod von Otto Ineichen flächendeckend Defibrillatoren anschaffen. Und in Kriens wird abgeklärt, ob man die AED-Standorte öffentlich bekannt geben soll.

Enges Netz an Geräten ist nötig

Über diese Entwicklung ist Urs Bischof, technischer Leiter des Kantonalverbands Luzerner Samaritervereine, sehr froh: «Erleidet ein Mensch einen Herzstillstand, sind die Rettungschancen mit Reanimation und Defibrillator am optimalsten, wenn das Gerät innerhalb von fünf Minuten vor Ort ist.» Deshalb müsse das Netz der AED-Geräte engmaschig sein. Bischof erklärt: «Je mehr Geräte es gibt, desto höher sind die Überlebenschancen des Patienten. Allerdings sind Kompressionen und Beatmung nach wie vor das Wichtigste für die Wiederbelebung.»

Im Durchschnitt kommt es laut dem Sanitätsnotruf 144 Zentralschweiz monatlich zu einem AED-Einsatz, letztmals im Juli in Obwalden. Dort konnte dank des sofortigen Einsatzes des AED-Geräts und der First-Responder (ausgebildete erste Helfer) erfolgreich ein Leben gerettet werden.

Wo ist im Ernstfall ein solches AED-Gerät verfügbar? Eine Übersicht dazu hat bislang gefehlt. Deshalb hat der Sanitätsnotruf 144 Zentralschweiz, der im Luzerner Kantonsspital angesiedelt ist, vor einem Jahr eine Erhebung der AED-Standorte in der Zentralschweiz durchgeführt. Hintergrund: «Kommt via 144 ein Notruf bei uns rein, können wir den Helfer sofort darüber informieren, wo sich der nächstgelegene Defibrillator befindet. So gewinnen wir wertvolle Zeit, bis der Rettungsdienst eintrifft», erklärt Iris Weber, Leiterin des Sanitätsnotrufs 144. Eine öffentlich einsehbare Liste gibt es nicht, weil laut Weber der erste Schritt im Notfall der Anruf bei 144 ist. Kommt hinzu, dass viele dieser Geräte nicht rund um die Uhr öffentlich zugänglich sind. Und der Sanitätsnotruf deren Standorte nur im Notfall auf direkte Anfrage bekanntgeben darf.

Jetzt zieht Weber für unsere Zeitung erstmals Bilanz über dieses Projekt: Innerhalb dieses Jahres wurden beim Sanitätsnotruf 144 Zentralschweiz rund 420 AED-Geräte gemeldet und registriert. «Diese Zahl ist sehr erfreulich», sagt Weber. Denn es sei alles andere als selbstverständlich, dass Gemeinden oder Firmen aus Eigeninitiative einen Defibrillator anschaffen und ihn den eigenen Mitarbeitern oder der ganzen Öffentlichkeit frei zur Verfügung stellen. Je nach Modell kostet ein solches Gerät 3000 bis 7000 Franken. Doch die Arbeit ist für den Sanitätsnotruf 144 damit noch lange nicht getan. Weber stellt klar: «Wir stehen erst am Anfang.» Ziel ist es, möglichst viele Geräte zu erfassen. Inhaber neuer Geräte können ihren AED-Standort beim Sanitätsnotruf melden (notruf144@luks.ch).

Im Tessin gibts erste Erfolge

Interessiert schauen Fachleute in den Kanton Tessin, der in diesem Bereich schweizweit als Vorbild gilt. Die Stiftung «Fondazione Ticino Cuore» hat seit 2005 mehrere Projekte umgesetzt. So zählt man heute rund 950 Defibrillatoren; 200 davon sind öffentlich zugänglich. Jeder Oberstufenschüler absolviert einen Nothelferkurs. Und es gibt ein Netz von gut 6000 First-Respondern. Das heisst, jeder Polizist und Feuerwehrmann, aber auch Privatpersonen, die einen Kurs absolviert haben und sich freiwillig melden, erhalten bei einem Herznotfall ein SMS mit den Koordinaten des Patienten. Diejenige Person, die am nächsten ist, rückt aus und reanimiert, bis der Krankenwagen eintrifft. Auch in der Zentralschweiz bestehen neben anderen auch in Lungern oder in Risch solche First-Responder-Gruppen.

Die Massnahmen im Tessin zeigen Erfolg: Die Rate der Überlebenden ist in zehn Jahren von 9 auf 19 Prozent gestiegen. Treffen die Retter ein, wenn noch ein Kammerflimmern da ist, sind die Überlebenschancen gar bei 43 Prozent.

«Die Hemmschwelle ist hoch»

Jeder Laie kann ein AED-Gerät ohne Vorwissen bedienen. Doch kommt es tatsächlich zu einem Ernstfall, ist alles nicht mehr so einfach, wie es tönt. Samaritervertreter Urs Bischof sagt: «Wir beobachten, dass die Hemmschwelle, zu helfen, immer noch relativ hoch ist.» Ähnliche Beobachtungen macht Bischof ganz generell in der Ersten Hilfe. «Rein theoretisch haben viele Leute vom Nothelferkurs das Wissen, aber es ist leider auch schnell wieder vergessen.» Für den Experten gibt es nur einen Tipp: «Übung macht den Meister.» Bischof würde es befürworten, wenn man alle fünf Jahre einen Wiederholungskurs absolvieren müsste, um solche Notsituationen zu trainieren.

Herzstillstand – was tun im Notfall?

Anzeichen für einen Herzstillstand sind:

  • Das Opfer fällt um oder sinkt im Stuhl zusammen.
  • Keine Reaktion auf lautes Ansprechen und Schütteln.
  • Keine Atmung.

Helfen kann man dem Opfer eines Herzstillstands folgendermassen:

  • Hilfe rufen! Notrufnummer 144.
  • Defibrillator holen lassen.
  • Unverzüglich mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen. (30 kräftige Brustkorbkompressionen mit einer Frequenz von 100 pro Minute, gefolgt von zwei Atemstössen).
  • Ohne Unterbruch mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung fortfahren, bis der Defibrillator angelegt ist. Die Reanimation erst dann beenden, wenn der Patient Lebenszeichen hat oder der Rettungsdienst eintrifft.

So funktioniert der Defibrillator:

  • Gerät einschalten, dann wird jeder Schritt genau erklärt.

Spital kauft neue Defibrillatoren

Das Luzerner Kantonsspital schafft neue Defibrillatoren an. Dabei geht es aber nicht um Geräte für Laien (sogenannte AED-Geräte, siehe Haupttext), sondern um solche für ausgebildetes Personal. Die entsprechende Ausschreibung läuft noch bis am 20. Oktober. Wie Sprecherin Ramona Helfenberger erklärt, handelt es sich dabei um eine ordentliche Ersatzbeschaffung. «Die zu ersetzenden Geräte sind teilweise bis zu 14 Jahre alt.» Es sollen insgesamt 45 Profi-Geräte für die Bereiche Rettungsdienst, Anästhesie, Intensivstationen, Notfall und Kardiologie am Standort Luzern gekauft werden. Zu den Kosten macht das Luzerner Kantonsspital aufgrund der laufenden Ausschreibung keine Angaben.

Was aber geschieht mit den alten Defibrillatoren? Man versuche, die alten Geräte einzutauschen, zu verkaufen oder einer Hilfsorganisation zur Verfügung zu stellen, sofern diese noch einsetzbar seien, sagt Helfenberger.