ZENTRALSCHWEIZ: Sie chrampfen für Meister-Medaillen

Melken, schweissen, sägen – 1000 Berufsleute messen sich erstmals an einer gesamtschweizerischen Meisterschaft in Bern. Wir haben Teilnehmer aus der Region begleitet.

Roger Rüegger
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Drei Zentralschweizer am Donnerstag im Berufswettkampf in Bern: der Luzerner Stefan Rölli beim Melken (grosses Bild), der Zuger Dominic Kanis beim Schweissen (oben rechts) und die Nidwaldnerin Vreni Barmettler beim Zuschneiden eines Holzstücks. (Bilder: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Drei Zentralschweizer am Donnerstag im Berufswettkampf in Bern: der Luzerner Stefan Rölli beim Melken (grosses Bild), der Zuger Dominic Kanis beim Schweissen (oben rechts) und die Nidwaldnerin Vreni Barmettler beim Zuschneiden eines Holzstücks. (Bilder: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Der Publikumsaufmarsch auf dem Bern-Expo-Gelände ist am frühen Morgen gewaltig. Wer erst um 9 Uhr mit dem Auto anreist, hat schlechte Karten für einen Parkplatz in der Nähe des Geländes. Das wird in den kommenden Tagen bis Sonntag nicht anders sein, denn die Veranstalter der Berufsmeisterschaft Swiss Skills Bern 2014 erwarten rund 200 000 Besucher (siehe auch Kasten). Der Andrang beim Eingang ist gestern quasi analog zu jenem, den man vom benachbarten Stade de Suisse bei Länderspielen der Fussball-Nationalmannschaft kennt. Und wie beim Sport sieht man auch hier ab und zu eine Fangruppe mit Transparenten, die ihren Favoriten beim Wettkampf anfeuern.

Die Vielseitigkeit der Berufswelt wird in Bern eindrücklich präsentiert: Der Bootsbauer neben dem Forstwart, der Strassenbauer in unmittelbarer Nachbarschaft der Bodenleger. Oder der Gerüstbauer, der seine Arbeit im Freien verrichtet. Die Wettbewerbe der Berufsleute beginnen vor 9 Uhr und enden um 17.30 Uhr – praktisch ein gewöhnlicher Arbeitstag also.

Stefan Rölli (24), Lieli

Top gestartet ist Stefan Rölli, Landwirt aus Lieli, der auf einem Betrieb in Altwis arbeitet. Beim Abdrehen der Sämaschine haben ihm die Experten 99 von 100 Punkten erteilt. Weniger gut lief es beim Melken, wo er präsentieren musste, wie eine Kuh maschinell gemolken wird. «Da hab ich einen Bock geschossen. Ich vergass, die Euter vorab zu putzen. Aber das ist eh nicht meine Paradedisziplin», sagt der 24-Jährige später, ohne sich darüber zu ärgern. Er habe ohnehin nur am Wettbewerb teilgenommen, weil man ihn in der Berufsschule dazu motiviert habe. Grund war seine Note an der Lehrabschlussprüfung: eine 5,5. «Es gab Bessere. Einer hatte eine 5,6», sagt Rölli und ergänzt, dass er 2010 bereits eine Lehre als Schreiner abgeschlossen habe – ebenfalls mit der Note 5,5, was ihn zum besten Schreiner-Lehrabgänger des Kantons Luzern machte. Dass er in Bern ebenfalls der Beste sein wird, glaubt er nicht. «Aber ich versuche, vorne dabei zu sein.»

Stefan Rölli , Landwirt aus Lieli, während der Arbeit. (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ))
15 Bilder
Dominic Kanis, Schweisser aus Menzingen, während der Arbeit. (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ))
Vreni Barmettler, Schreinerin aus Ennetbürgen, während ihrer Arbeit. (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ))
Strassenbauer während ihrer Arbeit an den Swissskills (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ) Bachmann)
Vreni Barmettler, Schreinerin aus Ennetbürgen, während ihrer Arbeit (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ) Bachmann)
Schüler von Sachseln, Severin von Wyl und rechts Nico Haas besucht das Messegelände (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ) Bachmann)
Bundesrat Johann Schneider-Ammann, links, signiert neben Silvio Borchian, Präsident des Schweizer Plattenverbandes, eine Schweizerkreuz aus Keramikplatten. (Bild: Keystone)
Eine Hotelfachassistentin bügelt ein Kleidungsstück. (Bild: Keystone)
Köche bereiten ein Menu zu. (Bild: Keystone)
Eine Coiffeuse bearbeitet ein Modell. (Bild: Keystone)
Ein Elektroniker studiert seinen Plan. (Bild: Keystone)
Ein Jugendlicher versucht sich an einem Geschicklichkeitstest. (Bild: Keystone)
Bundesrat Johann Schneider-Ammann, links, besucht die SwissSkills. (Bild: Keystone)
Die Arbeit eines Plattenlegers. (Bild: Keystone)
Besucher der SwissSkills auf dem Messegelände in Bern. (Bild: Keystone)

Stefan Rölli , Landwirt aus Lieli, während der Arbeit. (Bild: Eveline Beerkircher (Neue LZ))

Dominic Kanis (18), Menzingen

Das ist auch das Ziel von Dominic Kanis aus Menzingen. Der Metallbauer nimmt als Schweisser an den Swiss Skills teil und würde im nächsten Jahr nur zu gerne die Schweiz an der WM in São Paulo vertreten. «Der Umgang mit Metall ist für mich seit der Kindheit faszinierend. Zu Hause haben wir einen Betrieb, den ich wohl einmal übernehmen werde», erklärt der 18-Jährige seine Beweggründe, diesen Beruf zu lernen.

Um 10.45 Uhr gilt es ernst. Kanis spannt eine 10 Millimeter dicke Metallplatte in den Schraubstock, setzt den Winkelschleifer an und bearbeitet das Stück. Die Funken sprühen, der Lärm ist gross. Gross ist das Interesse der Besucher, die den Handwerker beobachten. Fotoapparate werden gezückt, als er zum Schweissapparat greift und die Platte mit einer anderen verschweisst.

Vreni Barmettler (21), Ennetbürgen

Aufgabe der Schreiner ist es, ein Möbel mit beweglichen Teilen anzufertigen. Also mit Schublade oder Tür. Dafür haben die neun Teilnehmer – eine Frau und acht Männer – 15 Stunden Zeit. «Eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn dürfen sie die Zeichnung studieren, nach der sie das Möbel anfer­tigen», erklärt Tobias Hugentobler, Chefexperte der Möbelschreiner.

Die einzige Schreinerin im Wettkampf heisst Vreni Barmettler. Sie ist die erste Frau in der Schweizer Schreiner-Nationalmannschaft. Mit geübtem Griff legt sie ein Messband auf ein Holzbrett, zieht mit dem Bleistift einen Strich und längt das Stück auf einer Maschine ab. «Die Bearbeitung von Holz gefällt mir. Speziell der Umgang mit Massivholz», so die 21-Jährige, die in der Klosterschreinerei Engelberg arbeitet. Ihr Ziel definiert sie knapp: «Nicht gewinnen und nicht Letzte sein. Einfach das machen, was ich kann.» Das ist eine Menge: Nur neun Schreiner von 900 Bewerbern haben sich für die Swiss Skills qualifiziert.

Schüler legen Hand an

Das gestrige Publikum an den Berufsmeisterschaften setzte sich zum grossen Teil aus Schulklassen zusammen. Viele Schüler machten Notizen und liessen sich animieren, selber Hand anzulegen. So kann man beim Malerverband zum Pinsel greifen. Einige Schüler der 2. Oberstufe aus Sachseln versuchen sich im Nageln. Der 14-jährige Severin von Wyl macht sich so ein Bild seines künftigen Berufes. «Ich will Schreiner lernen. Etwas herzustellen aus Holz, stelle ich mir spannend vor.» Sein Kollege Malik Millàn interessiert sich für die Informatik: «Ich glaube, das wäre etwas für mich.»

Den Siegern winken WM-Tickets nach Brasilien

Meisterschaft Berufsmeisterschaften sind in der Schweiz kein Novum. Viele Berufsverbände führen seit Jahren regelmässig solche Wettkämpfe durch. Neu ist allerdings, dass sich mit den bis am Sonntag dauernden Swiss Skills in Bern 130 Berufe (70 davon sind im Wettbewerb) von 56 Berufsverbänden gemeinsam unter einem Dach zur Meisterschaft treffen – auf dem 80 000 Quadratmeter grossen Bernexpo-Gelände. Rund 200 000 Besucher werden erwartet. Die Schweizer Berufsmeisterschaften sind insbesondere auch auf den Besuch von Schulklassen ausgerichtet.

Erstmalig: Bauern, KV, Gesundheit

Rund 1000 Berufs-Wettkämpfer aus der ganzen Schweiz haben sich für die fünftägige Berufsschau angemeldet, darunter auch 103 Vertreter aus den sechs Zentralschweizer Kantonen.
Für einige Berufe wie etwa Landwirte, kaufmännische Angestellte oder Gesundheitsfachleute bieten die Swiss Skills gar die erste Gelegenheit überhaupt, um sich mit Berufskolleginnen und -kollegen messen zu können: Ihre Verbände haben bisher keine Meisterschaften durchgeführt. 2013 standen schweizweit über 233 000 Personen in einer beruflichen Grundausbildung, 64 900 von ihnen beendeten diese laut Bundesamt für Statistik.

Kosten: 15 Millionen Franken

Die Swiss Skills kosten rund 15 Millionen Franken. Der Bund (9 Millionen), der Kanton Bern (2 Millionen) und Sponsoren beteiligen sich am Budget. «Vier Jahre haben wir für die Vorbereitung gebraucht», sagt der Luzerner Ueli Müller, Generalsekretär der Stiftung Swiss Skills. Er kommentiert die finanziellen Ausgaben so: «Der grösste Brocken ist die Miete für das Bernexpo-Gelände.» Hinzu kämen Infrastruktur, Löhne und Verpflegung. 15 000 Sandwiches, 1600 Frühstücke und 6800 Mittagessen brauchen die Wettkämpfer und Experten. Laut Müller kann ein derart grosses Budget nicht jedes Jahr gestemmt werden. «Die nächsten vier Jahre findet die Berufsmeisterschaft wieder in den Verbänden statt.» Nichtsdestotrotz wird Müller auch ohne Swiss Skills weiterhin mit jungen Berufsleuten zu tun haben. Er begleitet nämlich die Sieger der Swiss Skills zu den Europa- und Weltberufsmeisterschaften. Die Bestplatzierten von Bern qualifizieren sich für die EM in diesem Jahr im französischen Lille und/oder für die WM 2015 im brasilianischen São Paolo.

Was beobachtet Ueli Müller bei den jungen Berufsleuten? «Ich bin beeindruckt, wie engagiert diese jungen Leute sind», sagt er. In der Öffentlichkeit, den Medien käme das Image der Jugend oft schlecht weg, umso schöner sei es, auch die andere Seite der Jugendlichen zu sehen.

Yasmin Kunz

Hinweis: www.swissskillsbern2014.ch