ZENTRALSCHWEIZ: Spitex-Nachfrage nimmt laufend zu

Die kantonalen Organisationen der Spitex leisten jedes Jahr Tausende Stunden mehr. Uns dies, obwohl private Anbieter wie Pilze aus dem Boden schiessen.

Yasmin Kunz
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Fabienne Odermatt von der Spitex Stadt Luzern pflegt eine Patientin zu Hause. (Bild Nadia Schärli)

Fabienne Odermatt von der Spitex Stadt Luzern pflegt eine Patientin zu Hause. (Bild Nadia Schärli)

Der Mann (56) leidet an starker Demenz. Er braucht fast rund um die Uhr Betreuung. Seine Partnerin (54) ist berufstätig und kann sich darum nur beschränkt um ihn kümmern. Hier kommt die Spitex zum Einsatz. Sie hilft dem Mann zu Hause bei alltäglichen Dingen, die er nicht mehr selber tun kann.

Die Spitex betreut Menschen zu Hause, die auf pflegerische Hilfe angewiesen sind oder im Haushalt Unterstützung benötigen. Im Jahr 2013 wurden schweizweit 261 408 Personen zu Hause gepflegt und betreut, wie das Bundesamt für Statistik im November 2014 berechnete. Das sind 3,2 Prozent der Schweizer Bevölkerung oder mehr als doppelt so viele Personen, wie der Kanton Zug Einwohner hat.

Aufwand pro Patient nimmt zu

Alleine in Luzern stieg die Zahl der Betreuungsstunden der kantonalen Spitex-Organisationen von rund 464 000 im Jahr 2011 auf inzwischen über 482 000 Leistungsstunden an (siehe Grafik). Peter Schärli, Präsident des kantonalen Spitexverbandes Luzern, kennt die Gründe für die Zunahme: «Leute wollten heute so lange wie möglich zu Hause wohnen.» Im Kanton Luzern mussten deswegen einzelne Spitex-Organisationen das Personal aufstocken, so Schärli weiter. Zahlen von Lustat Statistik Luzern zeigen, dass bei spital- und heimexterner Pflege vor allem die Stunden pro Patient zugenommen haben: Benötigte ein Patient 2012 noch 53,4 Stunden pro Jahr, waren es im ein Jahr später bereits 54,7 Stunden

Menschen werden immer älter

Die Leistungsstunden der gemeinnützigen Spitex steigen in allen Zentralschweizer Kantonen, ausser in Schwyz. Walter Wyrsch, Geschäftsführer der Spitex Nidwalden, sagt zum Zuwachs: «Das sind die Auswirkungen der demografischen Entwicklung – die Menschen werden älter.» Der Anteil über der 65-Jährigen würde aktuell 17,4 Prozent der Nidwaldner Bevölkerung ausmachen, «und dieser Anteil dürfte in den nächsten Jahren noch steigen».

Für Irène Röttger, Geschäftsführerin der Spitex Obwalden, ist klar, dass auch das ausgebaute Angebot der Spitex die Leistungsstunden in die Höhe schnellen lässt: «Seit einigen Jahren werden nun auch Palliative Care (Betreuung unheilbar kranker Personen), Wundbehandlung und Psychiatriepflege angeboten.»

Bei der kantonalen Spitex in Zug kennt man einen weiteren Grund für den steigenden Betreuungsaufwand. Doris Ruckstuhl, Geschäftsleiterin Spitex Kanton Zug, sagt: «Aufgrund der technischen Möglichkeiten und des Kostendrucks der Spitäler werden Patienten immer früher entlassen, obwohl sie noch pflegebedürftig sind.» In dieser Übergansphase würde dann die Spitex einspringen, erklärt Ruckstuhl.

Zum Leistungsstunden-Rückgang in Schwyz sagt Markus Walker, Geschäftsleiter Spitex Kantonalverband Schwyz: «Die gemeinnützigen Spitex-Organisationen sind seit jeher strikt bedarfsorientiert, das heisst, so viel wie nötig, aber nicht mehr.» Andererseits hätten die Privaten massiv Leistungsstunden zugelegt. Insgesamt resultiert auch in Schwyz ein Wachstum von über 7 Prozent seit 2011.

Kann die Arbeit der kantonalen Spitex-Organisationen angesichts der stetig wachsenden Nachfrage problemlos bewältigt werden? Walter Wyrsch: «Personell müssen wir uns immer der Nachfrage anpassen. Bis jetzt haben wir immer genügend qualifiziertes Personal rekrutieren können.»

Private Firmen: Von 6 auf 18

Den wachsenden Markt bewirtschaften auch kommerzielle Firmen, also private Spitex-Organisationen. Diese scheinen die Mehrarbeit förmlich zu riechen. Private schiessen mit der neuen, seit 2011 geltenden Pflegefinanzierung (siehe Box) wie Pilze aus dem Boden. Gab es im Kanton Luzern 2010 sechs, sind es heute bereits 18 Private. Wer eine private Spitex gründen will, braucht eine Bewilligung vom Kanton.

Auch die kommerziellen Organisationen verzeichnen seit 2011 ein kontinuierliches Wachstum, wie Lustat vorrechnet: Wurden im Jahr 2012 knapp 114 000 Stunden von 13 privaten Luzerner Spitex-Organisationen geleistet, waren es ein Jahr später bereits über 137 000 Stunden von 18 Anbietern.

Unterschied: Versorgungspflicht

Die gemeinnützigen Spitex-Organisationen sehen in den privaten auch eine Konkurrenz. Dominic Illi, stellvertretender Geschäftsleiter der Spitex Stadt Luzern, sagt: «Wir sind nicht nur konkurrierend, sondern auch ergänzend.» Konkurrenz herrsche vorwiegend deshalb, weil sich private Spitex-Organisationen die Klienten aussuchen könnten, erklärt Illi. «Für sie ist es profitabel, die Personen zu betreuen, die im nahen Umkreis liegen und für die Betreuung viel Zeit beanspruchen.» Bei öffentlichen Spitex-Organisationen gilt hingegen die Versorgungspflicht. Will heissen: Sie müssen jeden Auftrag annehmen, auch wenn der Anfahrtsweg, welcher nicht verrechnet werden kann, vierzig Minuten dauert und der Einsatz beim Patienten nur 10 Minuten in Anspruch nimmt.

Auch für Doris Ruckstuhl ist klar, dass die kommerziellen Organisationen ergänzende Leistungen erfüllen. «Sie bieten etwa einen 24-Stunden-Service an, den wir nicht stemmen könnten.»

«Einige Gemeinden sind sehr froh»

Theepan Suntharalingam, seit 2010 Inhaber und Geschäftsführer der privaten Spitex Rotsee, kann sich nicht erklären, weshalb private Organisationen auch als Konkurrenz gesehen werden: «Einige Gemeinden sind sehr froh über unsere Dienstleistungen, denn wir übernehmen auch Einsätze, die nach 22 Uhr stattfinden, die gemeinnützige Organisationen nicht erledigen können.» Suntharalingam beschäftigt 51 Angestellte für 22 Hundertprozentstellen.

Auch Arment Biccuri, Geschäftsführer der privaten Spitex Pilatus in Luzern, kann das Konkurrenzdenken der öffentlichen Spitex-Organisationen nicht nachvollziehen. «Wir sehen uns als Unterstützung und Ergänzung. Ohne die Privaten ist die Bevölkerung unterversorgt, weil die Gemeinnützigen nicht über die Kapazität verfügen, alle Aufträge anzunehmen», sagt er. Die Spitex Pilatus beschäftigt zwischen 12 und 20 Angestellte mit einem Gesamtpensum von zehn Hundertprozentstellen.

Bei der privaten Luzerner Spitex «gepflegt» kann man das Konkurrenzdenken hingegen teilweise nachvollziehen. Geschäftsführerin Pascale Ceresola erklärt: «Wir haben Klienten, die von der öffentlichen Spitex zu uns wechseln, weil sie sich hier individueller betreut fühlen.»

Yasmin Kunz

Pflegefinanzierung öffnet den Markt

kuy. Seit 2011 gilt schweizweit das neue Pflegefinanzierungsgesetz. Es regelt unter anderem die Aufteilung der Pflegekosten im ambulanten Bereich wie etwa jene der Spitex. Vom Gesetz profitieren auch die privaten Spitex-Organisationen, denn seit 2011 sind sie den gemeinnützigen gleichgestellt. Das heisst: Patienten zahlen für Spitex-Hilfeleistungen bei allen Anbietern gleich viel, nämlich 15.95 Franken pro Tag. Die restliche Finanzierung übernehmen Krankenversicherung und öffentliche Hand. Der Kostenteiler ist kantonal unterschiedlich geregelt.

Mehr Infos: www.spitex.ch