ZENTRALSCHWEIZ: Winter-Trendsportler bringen Wildtiere in Gefahr

Sport in der freien Natur ist für viele Menschen ein Vergnügen. Dies ist für Wildtiere jedoch lebens­bedrohlich.

Sarah Weissmann
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Schneeschuh- laufen ist eine von mehreren Trendsportarten, über die sich Wildhüter regelmässig ärgern. (Bild: Getty)

Schneeschuh- laufen ist eine von mehreren Trendsportarten, über die sich Wildhüter regelmässig ärgern. (Bild: Getty)

Immer mehr Menschen lockt es in die freie Natur. Unwegsames Gelände und unberührte Landschaften liegen für sportliche Aktivitäten im Trend. Doch diese Art der Bewegung hat ihre Schattenseiten. In erster Linie für Wildtiere. Denn wenn sie gestört werden, kann das fatale Folgen haben. Für Rothirsche und Raufusshühner vor allem, aber auch für Gämsen und Rehe.

Nächtliche Freizeitaktivität

In der Schweiz wird im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) die Fotofallenüberwachung angewandt, um die Häufigkeit und Dichte der Luchse in sogenannten Referenzgebieten zu erheben. So auch im Kanton Nidwalden. «In den letzten Jahren ist uns dabei aufgefallen, dass immer mehr Menschen auf den Bildern sind», sagt Fabian Bieri, Leiter Jagd und Fischerei Nidwalden. Darunter seien Sportler, die sogar nachts und teilweise mit Stirnlampe durch unberührte Landschaften und Rückzugsgebiete von Wildtieren wandern oder joggen würden. Durch Trendsportarten, wie etwa «Trail-Running», würden die Menschen stetig grössere Teile der Natur in Beschlag nehmen, was laut Bieri dazu führt, dass der Lebensraum der Wildtiere noch mehr eingeschränkt wird. «Die Sportler verlassen jegliche Wege, rennen querfeldein, und das rund um die Uhr. Sie denken dabei nicht an die Wildtiere.»

Vor allem im Winter habe das gravierende Folgen. Denn gerade im Winter fahren die Tiere ihre Aktivität und somit den Stoffwechsel im Körper herunter. Sie reduzieren den Pulsschlag, wodurch der Organismus langsamer arbeitet und Energie gespart werden kann. «Wenn die Tiere nun plötzlich aufgeschreckt werden, wird der Energiebedarf erhöht und somit auch der Nahrungsbedarf. Was letztlich für die Tiere sogar zum Tod führen kann.»

Es ist deshalb notwendig, dass Wildruhegebiete ausgeschieden werden. «Das, um den Wildtieren ein Gebiet zur Verfügung zu stellen, wo sie ihre Ruhe haben und ihre Bedürfnisse im Vordergrund stehen», sagt Bieri. Die Gebiete würden der Vermeidung übermässiger Störung durch Freizeitnutzung dienen und dürften während bestimmter Jahreszeiten nicht oder nur sehr beschränkt für Freizeitaktivitäten genutzt werden. Wer dagegen verstösst, wird gemäss kantonaler Jagdverordnung mit einer Ordnungsbusse bis zu 250 Franken bestraft.

Ausserdem würden sich die Wildtiere vor allem im Frühjahr nicht mehr an den Waldrand trauen, um zu grasen. «Die scheuen Wildtiere flüchten dann zum Teil in die Schutzwälder, wo sie die Naturverjüngung und dadurch die Schutzfunktion des Waldes beeinträchtigen. Oder sie werden durch den Trendsport in Gebiete gedrängt, wo wir Menschen die Tiere nicht haben wollen und diese Schaden anrichten können», sagt Bieri.

Regelmässige Kontrollen nötig

Auch im Kanton Uri stellt das Amt für Forst und Jagd eine Zunahme der nachtaktiven Sportler fest: «Der Trend, sich in der Natur zu bewegen, nimmt zu. Gewisse Gebiete im Kanton werden beispielsweise durch Schneeschuhwanderer und Skifahrer stark beansprucht», sagt der Amtsvorsteher Beat Annen. Vor zehn Jahren habe man im Kanton mehrere Wildruhezonen erlassen, um die Tiere zu schützen. «Es bedingt allerdings, dass wir regelmässige Kontrollen durchführen und wenn nötig Bussen verteilen. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.» Bis zu 150 Franken werden beim Betreten von Wildruhezonen in Uri fällig.

Die Nachtaktivität ist laut Annen jedoch das ganze Jahr über ein Problem für die Wildtiere und sei nicht gerade das, was man sich für die Wildberuhigung wünsche. «Aber man kann nicht alles verbieten. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man die Tiere im Winter durch die Wildruhezonen schützt.»

Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald (Lawa) des Kantons Luzern, bestätigt, dass gerade die Winterfreizeitaktivitäten zu Problemen führen würden. Aber auch unbeaufsichtigt frei laufende Hunde würden die Wildtiere gefährden. Um dem entgegenzuwirken, führen das Lawa oder die Jäger in Rücksprache mit der Polizei Kontrollen bei den Wildruhe­zonen durch und machen wenn nötig eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. «Im Kanton Luzern haben wir grundsätzlich gute Erfahrungen gemacht, viele Leute halten sich an das Betretungsverbot. Aber leider gibt es immer Ausnahmen.»

Appell an die Vernunft

Im Kanton Obwalden spricht man ebenfalls von Erfolgen. «Unsere Wildruhezonen sind mit Tafeln markiert und dürfen von Anfang Dezember bis Ende April, teilweise auch bis Mitte Juli, nur auf gekennzeichneten Wegen betreten werden. Wir haben eine breite Öffentlichkeitsarbeit betrieben und stossen heute auf Akzeptanz», sagt Andreas Bacher, Abteilungsleiter Wald und Natur. Probleme gebe es jedoch nach wie vor in den Skigebieten mit den Freeridern, vor allem auf der Melchsee-Frutt, teilweise aber auch in Engelberg. Wer hier die markierten Wildruhezonen missachtet, muss gemäss der kantonalen Ordnungsbussenverordnung mit einer Busse von 200 Franken rechnen.

Thomas Fuchs, Vorsteher des Amts für Natur, Jagd und Fischerei im Kanton Schwyz, betont: «Die Häufigkeit der Störungen ist nur das eine Problem. Vielfach reichen schon ein paar wenige Störungen, um die Tiere massiv zu beunruhigen.» Durch Mitwirkung der Erstellung von SAC-Skitourenführer, Besucherlenkung, Rangereinsätze oder Wildhütereinsätze versuche man im Kanton Schwyz das Betretungsverbot der empfohlenen Wildruhezonen, welches mit keinen Bussen belegt ist, durchzusetzen. Fuchs appelliert an die Vernunft der Sportler, denn das sei häufig das Einzige, das Wirkung zeige.