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ZENTRALSCHWEIZ: Zu wenig Höfe – junge Bauern wandern aus

Sie wollen mit Leib und Seele Landwirtschaft betreiben. Doch junge Bauern finden trotz aufwendiger Suche immer weniger einen Bauernhof. Manche suchen ihr Glück deshalb in Osteuropa.
Andreas Bättig
Der Luzerner Landwirt Stefan Hofer (45) will sein Glück in der Slowakei versuchen, weil er in der Schweiz keinen Hof findet. (Bild: Corinne Glanzmann (Römerswil, 16. Juni 2017))

Der Luzerner Landwirt Stefan Hofer (45) will sein Glück in der Slowakei versuchen, weil er in der Schweiz keinen Hof findet. (Bild: Corinne Glanzmann (Römerswil, 16. Juni 2017))

Andreas Bättig

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

Stefan Hofer aus Römerswil sucht seit mehr als einem Jahr nach einem Hof in der Schweiz, denn bei ihm ist die Pacht ausgelaufen. Hofer, 45 Jahre alt, betreibt eine Munimast. Da die Betriebssuche in der Schweiz bis jetzt erfolglos war, haben er und seine Frau sich dazu entschieden, ihre Fühler auch ins Ausland auszustrecken – namentlich in die Slowakei.

Mit Hilfe eines Maklers steht nun ein Betrieb in Aussicht. Die Verhandlungen stecken noch in den Anfängen. «In der Slowakei haben die Höfe und das dazugehörige Land ganz andere Dimensionen. Wir sprechen von bis zu 2000 Hektaren», sagt Hofer. Auch beim Preis sei die Spanne, von 1 Million bis 16 Millionen Franken, gross. Hofer interessiert sich im Osten für Betriebe in der Grösse von 500 bis 1000 Hektaren. «Das ist ein Vielfaches von dem, was wir zurzeit in der Schweiz bewirtschaften.» Die Höfe in der Slowakei seien in der Regel ehemalige Kolchosen. Sie gehören meistens irgendeiner Bank oder einer Firma. «Das heisst, die Besitzer sind emotional nicht so sehr mit dem Betrieb verbunden, was den Verkauf erleichtert», sagt Hofer.

Viele wollen Familien als Nachfolger

In der Schweiz dagegen seien viele Bauern darauf erpicht, zusätzliches Land zu bewirtschaften. «Gerade im Kanton Luzern, in dem die Landwirtschaft sehr tierintensiv ist, bleiben die pensionierten Landwirte oft auf dem Hof wohnen, und so wird das Land parzellenweise verpachtet.» Hofer hofft, dass die Betriebsübernahme im Osten klappt und er dort eine frische Tierherde aufbauen kann, um seine Existenz zu sichern.

Auch ein anderer junger Bauer mit abgeschlossener Ausbildung und Meisterprüfung aus der Zentralschweiz hat Mühe, einen Hof zu finden. Auch ihm wurde die Pacht gekündigt. Weil er noch auf der Suche ist, möchte er lieber anonym bleiben. «Ich habe mich auf Liegenschaftsinserate beworben und bin jedem Tipp nach einem freien Hof nachgegangen», sagt er. Trotzdem bekam er bis jetzt nur Absagen. «Entweder war der Hof schon vergeben, die Nachfolgeregelung noch nicht reif, oder sie suchten eine Bauernfamilie für ihren Hof.» Das sei schon «sehr belastend und demotivierend, wenn man mit Leib und Seele Bauer ist und einfach nichts findet».

Bauernpräsident: «Es ist paradox»

Weil er bis jetzt nichts fand, musste er alle seine Maschinen, das gesamte Inventar und seinen Viehbestand verkaufen. «Das war kein leichter Entscheid.» Seinen Wunsch, wieder einen eigenen Hof zu bewirtschaften, hat er allerdings noch nicht aufgegeben. «Eigentlich müsste doch die Suche nach einem Hof nicht so schwierig sein in einer Zeit, wo die meisten ausgebildeten Junglandwirte eine zweite Ausbildung anhängen und viele davon der Landwirtschaft endgültig den Rücken kehren», sagt er.

Mögliche Gründe sieht er im Direktzahlungssystem. «Es ist zwar verständlich, dass viele Bauern, die in die Pension gehen, noch gerne auf dem Hof bleiben. Viele der abtretenden Bauern, die keinen eigenen Hofnachfolger haben, verpachten oder verkaufen daher ihr Land an Nachbarn.» Andere übertragen die Bewirtschaftung des Hofes an Nachkommen oder Familienfremde, die in einem anderen Beruf tätig sind, jedoch die Anforderung für den Erhalt der Direktzahlungen erfüllen. «So werden leider keine Betriebe frei.» Der junge Bauer will jedoch weitersuchen. Denn: «Jetzt, wenn es draussen schön ist und der Frühling sich entfaltet, ‹chribbelets› richtig in meinem Inneren. Es ist einfach meine Leidenschaft.» Dass wegen falscher Anreize junge Bauern keinen Hof finden, bestätigt Jakob Lütolf, Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands. «Hier müsste der Gesetzgeber, also der Bund, handeln. Die Bauern machen schlicht eine Auslegeordnung und schauen, was für sie finanziell attraktiv ist.» Und dazu gehöre auch, beispielsweise auf ökologische Aufwertung des Landes zu setzen statt auf eine intensive Futtergetreideproduktion. «Doch was nützt es, wenn wir irgendwann überall schöne Steinhaufen haben, aber keine bewirtschafteten Flächen mehr?», sagt Lütolf. «Es ist paradox. Auf der einen Seite haben wir junge Bauern, die wirtschaften wollen, aber keinen Hof finden. Auf der anderen Seite gibt es Bauern, die zwar nicht mehr voll auf die Landwirtschaft setzen wollen, den Hof aber nicht weiterverpachten.» Diese Entwicklung bereite ihm Sorgen, sagt er.

Landwirtschaft: Extrem kapitalintensiv

Gemäss Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes und CVP-Nationalrat, müssen pro Jahr ungefähr 1000 Bauernbetriebe aufgeben. «In der Regel wohnen die Betriebsleiter dann weiter auf dem Hof und verpachten das Land», sagt Ritter. Dass dies kritisiert wird, kann er nicht nachvollziehen. «Die meisten Bauern haben keine Pensionskasse, und so ist das eigene Wohnhaus Teil ihrer Altersvorsorge. Irgendwo müssen sie ja wohnen. Auf dem Hof ist dies sicher am günstigsten.»

Ritter kenne aber das Problem, dass junge Bauern Mühe haben, einen Hof zu finden. «Das hat aber auch damit zu tun, dass die Landwirtschaft extrem kapitalintensiv ist. Es muss viel in Gebäude, Boden, Maschinen, Viehinventar und Vorräte investiert werden. Das können sich viele nicht leisten.» Dass manche jungen Bauern ihr Glück nun im Ausland suchen, überrascht Ritter nicht. «Es gab immer Auswanderungswellen. Aber man darf dies nicht unterschätzen. Im Ausland braucht man ebenfalls zuverlässige Partner vorgelagert und gute Absatzkanäle. Sind diese nicht vorhanden, können weder die Betriebsabläufe aufrechterhalten werden noch genügend Wertschöpfung erzielt werden.»

Immer weniger Vollzeitbeschäftigte

Statistik  Im Jahr 1939 gab es gemäss Lustat im Kanton noch 10'490 Landwirtschaftsbetriebe. Diese Zahl hat sich bis heute mehr als halbiert. Das Resultat: Die Betriebe wurden immer grösser. 2015 verfügten 29 Prozent der Betriebe über weniger als 10 Hektaren und 43 Prozent über 10 bis 20 Hektaren Nutzfläche. 29 Prozent der Betriebe bewirtschafteten eine Nutzfläche von 20 und mehr Hektaren. Auffallend ist, dass es auch immer weniger Vollzeitbeschäftigte in der Landwirtschaft gibt. 1965 arbeiteten insgesamt 30 396 Arbeitskräfte in der Luzerner Landwirtschaft, davon 20 322 als Vollzeitbeschäftigte. 2015 waren es 13 430, davon nur noch 5809 Vollzeitbeschäftigte. Das heisst: 7621 Personen waren in der Landwirtschaft teilzeitbeschäftigt.
(bat)

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